DDR 1989/90Brandenburger Tor


Sa. 24. Februar 1990


Gründungsveranstaltung der Frauen-Union
(Neue Zeit, Sa. 17.02.1990)

Die vier Großen - Springer, Gruner + Jahr, Bauer und Burda - haben sich den DDR-Medienmarkt aufgeteilt. Laut Aussage u. a. des Bundeskartellamtes werden sie ein Viertel des Postzeitungsvertriebs in Besitz nehmen. Ein weiteres Viertel ist den BRD-Grossisten vorbehalten. Der DDR verbleiben noch 50 Prozent, von denen ein Viertel privaten DDR-Grossos zustehen soll. Was wird aus dem restlichen Viertel? Bisher hat sich noch kein Verlegerverband gegründet, der auf diesen Anteil seine Ansprüche angemeldet hat.

An alle unabhängigen Verlage und Herausgeber! Wir haben einen Verein zur Förderung und Erhaltung von Printmedien der DDR gegründet, der die Interessen der DDR-Medien am Vertrieb vertritt.

Es eilt, denn seit dem 22. Februar sind die großen BRD-Verlage auf unserem Markt.

Wenden Sie sich an uns Kontakttelefone (...) und (...).
(Berliner Zeitung, Sa. 24.02.1990)

Ein Teil der DDR-Bürger, die seit dem Fall der Berliner Mauer Gelegenheit hatten, nach Westdeutschland zu reisen, scheinen ihre Liebe zu westlicher Pornographie entdeckt zu haben. Die bundesdeutsche Pornobranche meldet jedenfalls einen starken Anstieg des Absatzes. Die Firma Beate Uhse AG hat seit November 8 000 Lieferungen in die DDR geschickt. Der Konkurrent Orion gibt an, dass er im gleichen Zeitraum 22 000 DDR-Adressen in seine Versandliste aufgenommen hat. Beide Firmen bekommen täglich etwa 1 000 Zuschriften von DDR-Bürgern, in denen Kataloge des westdeutschen Sex-Sortiments bestellt werden. Ebenfalls täglich gehen mehrere hundert Bestellungen für die mehr erotischen Artikel ein.
(Berliner Zeitung, Sa. 24.02.1990)

BRD-Landwirtschaftsminister Ignaz Kiechle sieht gute Chancen für die DDR-Landwirtschaft. Sie sei relativ leistungsfähig und in der Lage, die Grundversorgung der Bevölkerung weitgehend sicherzustellen, sagte er gestern im Südfunk Stuttgart. Kiechle geht davon aus, dass die Mehrheit der Genossenschaftsbauern das Land weiterhin genossenschaftlich bewirtschaften wolle. Anteile müssten käuflich zu erwerben sein.
(Berliner Zeitung, Mo. 26.02.1990)

Gegen eine vorschnelle Erwartung bei der Bewertung der Gespräche zwischen Opel und den Eisenacher Automobilwerken sprach sich in Rüsselsheim das Vorstandsmitglied der Adam Opel AG Horst P. Borghs vor Journalisten aus. Das Unternehmen, das mit seinen Modellen Corsa, Kadett, Vectra, Omega und Senator in der BRD nach der Volkswagen AG mit rund 16 Prozent den zweitgrößten Pkw-Marktanteil aufweist, hatte Kontakte zu den Thüringer Automobilproduzenten gesucht, nachdem VW sich die Zusammenarbeit mit den Trabant-Werken in Zwickau gesichert hat.

Wie Borghs informierte, prüfe Opel die Möglichkeiten zum Aufbau eines Service-Netzes in der DDR, des Verkaufs von Autos sowie der Fertigung von Fahrzeugen und Fahrzeugteilen. Konkrete Angaben könne er jedoch noch nicht machen. Dazu müssten die Gegebenheiten erst - wie er sagte - mit Autosachverstand geprüft werden. Allerdings sollen, wie zu erfahren war, bereits in Kürze Management-Schulungen für Wartburg-Leitungskräfte durchgeführt werden.

Das Vorstandsmitglied wies darauf hin, dass bei Opel - einer Tochter des amerikanischen Konzerns General Motors - bereits zahlreiche Bewerbungen und Anfragen aus der DDR zur Kooperation beim Aufbau eines Händler- und Servicenetzes eingegangen seien. Diese würden jetzt von Experten vor Ort begutachtet werden. Grundsätzlich, so Borghs, halte er den schnellen Aufbau eines solchen Netzes für möglich und wahrscheinlich.
(Berliner Zeitung, Mo. 26.02.1990)

Das Ministerium für Gesundheitswesen weist Vorwürfe von Kanzleramtsminister Seiters zurück, Hilfsleistungen der BRD zu verzögern. Seit Anbeginn seien alle Schritte zwischen Verantwortlichen beider Seiten umsichtig abgestimmt und realisiert worden. Der spezifische Bedarf werde laufend aktualisiert. Die Entsendung von Fachärzten sei an die Bedingung gebunden, dass zum DDR-Tarif in Mark vergütet wird. Nur wenige Fachärzte, jedoch etwa 60 Assistenzärzte, seien daraufhin in die DDR gekommen.
(Berliner Zeitung, Mo. 26.02.1990)

In diesem Jahr sind nach Angaben des Bundesinnenministeriums bereits 100 000 Bürger aus der DDR in die BRD übergesiedelt. In der "Bild am Sonntag" gab der parlamentarische Staatssekretär Horst Waffenschmidt an, allein im Februar hätten bis zum Sonnabend 41 800 DDR-Bürger ihre Heimat verlassen. Das BRD-Nachrichtenmagazin "Der Spiegel spricht in seiner jüngsten Ausgabe von einer Wwachsenden Abwehrfront" gegen Übersiedler aus der DDR. Einer Meinungsumfrage zufolge sind nur noch 22 Prozent der Bundesbürger damit einverstanden, dass die Bundesrepublik alle Übersiedler aus der DDR aufnimmt. Im Herbst 1989 hatten sich noch 80 Prozent dafür ausgesprochen.
(Neue Zeit, Mo. 26.02.1990)

In Dresden trifft sich der Gründungsausschuss der Initiative für Unabhängige Gewerkschaften. Link zu einem Bericht über das Treffen

In Weimar findet der Gründungskongress der "Jungliberalen Aktion" satt. Zum Vorsitzenden wird Olaf Oßmann gewählt.

Bei seinem Besuch in den USA in Camp David sagte Helmut Kohl gegenüber George Bush, Deutschland werde weiterhin auf ABC-Waffen verzichten und Mitglied in der NATO bleiben. Einheiten der NATO sollen jedoch nicht auf dem Territorium der heutigen DDR stationiert werden. Das gelte auch für die Einheiten der Bundeswehr, die nicht der NATO unterstellt sind.
(Horst Teltschick: 329 Tage, S. 160)

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