DDR 1989/90Brandenburger Tor


Di. 22. Mai 1990


Der Abrüstungs- und Verteidigungsminister der DDR, Rainer Eppelmann, hat den Bonner Koalitionsparteien vorgeworfen, beim Tempo der deutschen Vereinigung zu "überziehen". In einem am Dienstag veröffentlichten Interview der Wiener Zeitung "Die Presse" sagte er, Bundeskanzler Kohl und der FDP-Vorsitzende Lambsdorff würden aus innenpolitischen Gründen "laut drängeln" und damit Strukturen "durchpeitschen" wollen. Wurden im Dezember oder Januar gesamtdeutsche Wahlen stattfinden, dann existierten die geplanten DDR-Länder höchstens auf - der Landkarte. Er marschiere nicht zögernd in die deutsche Einheit, so der Minister, wolle dies aber "bedachter tun, als es in dem Zeitplan vorgesehen ist, der jetzt diskutiert wird". Als vorstellbares "Etappen-Ende" nannte Eppelmann erneut "etwa 1992".
(Berliner Zeitung, Mi. 23.05.1990)

Der Minister für Abrüstung und Verteidigung der DDR, Rainer Eppelmann, ist am Dienstag in Warschau zum Abschluss seines zweitägigen offiziellen Besuches in Polen von Staatspräsident Wojciech Jaruzelski empfangen worden. Bei dem Gespräch ging es - wie zuvor schon bei Unterredungen mit Verteidigungsminister Florian Siwicki und Premier Tadeusz Mazowiecki - insbesondere um militärische Aspekte der deutschen Vereinigung. Polen ist nicht an einem neutralen Deutschland interessiert und kann sich unter bestimmten Voraussetzungen auch ein NATO-Mitglied als Nachbarn vorstellen.

Minister Eppelmann hat bei den Treffen die Idee zur Formierung deutsch-polnischer Brigaden auf dem Territorium der heutigen DDR erläutert und mit den Partnern über konkrete Schritte zu deren Verwirklichung beraten. Die Brigaden sollten, dem deutsch-französischen Vorbild folgend, nicht nur militärisch stabilisierend wirken, sondern zugleich einen politischen Beitrag zur deutsch-polnischen Aussöhnung leisten.

Am Vortag hatte Eppelmann bei einem Truppenbesuch in einer Division des Slasker Militärbezirkes angekündigt, dass die Regierungschefs, Außen- und Verteidigungsminister der Teilnehmerstaaten des Warschauer Vertrages auf einer in nächster Zeit anstehenden größeren Konferenz in Moskau die Frage nach der künftigen Mitgliedschaft eines geeinten Deutschlands in einem Militärpakt erörtern werden.
(Neue Zeit, Mi. 23.05.1990)

Ganz ohne Anschubfinanzierung hat sich die Erotik-Szene der DDR auf den Weg in die Marktwirtschaft gemacht. Was den Industriekapitänen zwischen Arkona und Zittau schlaflose Nächte bereitet, sorgt bei Managern und Akteuren diverser Entkleidungs-Unternehmen - ebenfalls nächtens - für Klingeln in der Kasse: Für hundert Mark auf die Hand zeigt manche Dame zu vorgerückter Stunde öffentlich ihre Blöße. Anschließend könnte sie noch im Marzahner "Akaziengrund" strippen. Dort ist derzeit der "Früh-Strip" für Schichtarbeiter eine Attraktion. Ab 5.00 Uhr fallen die Hüllen.

"Die gegenwärtig zirka 100 Darbietungen erotischen Charakters in der DDR sind momentan eindeutig überfordert", konstatiert Lothar Voigt, Leitender Redakteur im Spree-Cabaret des Palastes der Republik. "Der Bedarf ist riesig." Im seriösen Republikpalast gestattet gegenwärtig eine "Gala Erotica" tiefe Einblicke in die Welt der "nackten Unterhaltung".

Ausbildungsmöglichkeiten gibt es zur Zeit noch nicht, in Dresden ist jedoch eine "Model-Schule" im Entstehen. Um den Markt vor West-Typen zu schützen, sei es höchste Zeit Management und Vermittlung der Erotik-Programme in der DDR zu legalisieren, meint Voigt. Dafür wird sich unter anderem die "Sex-Liga" der DDR einsetzen, deren Vorstandssprecher er ist. "Die Menschen wollen endlich ihren Gelüsten freien Lauf lassen, und wir unterstützen sie dabei."
(Berliner Zeitung, Di. 22.05.1990)

Unter französischem Vorsitz findet in Bonn die 3. Zwei-plus-Vier-Gesprächsrunde auf Beamtenebene statt. Es wird über das Schema des Schlussdokumentes diskutiert.