Streiks März 1990


Do. 01.03.
Streik in der VP-Bereitschaft Basdorf! "Seit Tagen herrscht in unserem Objekt Existenzangst. Wir leisten hier unseren Wehrdienst, und in der Zwischenzeit rationalisieren die Betriebe unsere Arbeitsplätze weg“, erzählt der VP-Anwärter Rene Sauer. "Nehmen wir meinen Betrieb, das Stahlwerk Henningsdorf. Meinen Lehrmeister-Job gibt's in zwischen nicht mehr. Als Ausgleich bekomme ich nur unzumutbare Arbeiten geboten. - Ob ich nach meiner Entlassung von der Polizei überhaupt Arbeit habe, das kann der Betrieb nicht mal garantieren."

So wie Rene geht es vielen der 350 Polizisten in Basdorf. Bei dem einen ist das Studium in Gefahr, bei dem anderen der Arbeitsplatz gefährdet. Zeit, um die Probleme im Heimatort zu klären, bleibt nicht. Das zehrt an der Moral der Truppe. Und deshalb die letzte Alternative - Streik der sozialen Sicherheit wegen.

Oberst Günter Heidemann, stellvertretender Berliner Polizeipräsident, dazu: "Die Forderungen noch sozialer Sicherheit nach Beendigung der Dienstzeit sind berechtigt. Wir haben die Sorgen der jungen Polizisten nicht ernst genug genommen. Deshalb kam es zu dieser Aktion, die uns mit Nachdruck darauf aufmerksam gemacht hat. Unsere Konsequenz: Wir führen jetzt mit jedem einzelnen ein persönliches Gespräch. Alle dabei auftretenden Probleme werden geklärt."

Und das Verhalten der Betriebe? Oberst Heidemann: "Das Wehrdienstgesetz sieht Kündigungsschutz des Wehrpflichtigen vor. Daran müssen sich die Betriebe halten. Wenn Betriebsleiter dagegen verstoßen, muss eben der Militärstaatsanwalt für die Einhaltung der Gesetzlichkeit sorgen."

Mo. 12.03.
Die Auflösung des VEB Verkehrs- und Tiefbaukombinat Frankfurt (Oder), die Absetzung des Direktors und die Selbständigkeit der Betriebsteile forderten gestern rund 400 Bauarbeiter während eines Warnstreiks vor dem Gebäude des Rates des Bezirkes Frankfurt (Oder).

Mi. 14.03.
Früh um 8 Uhr blieben an der Ackerhalle in [Berlin-]Mitte die Tore zu. Mit einem Warnstreik wollten die 170 Mitarbeiter der traditionsreichen, mehr als 100 Jahre alten Halle auf ihre Probleme aufmerksam machen. Den Anlass erläuterte uns Belegschaftssprecher Ralf Wolf: "Die westdeutsche Handelsgenossenschaft Coop wird sich finanziell und materiell an der bevorstehenden Rekonstruktion unserer Halle beteiligen. Anschließend will Coop hier einen 'Frischmarkt' einrichten. Für Industriewaren und viele private Händler wäre dann jedoch kein Platz mehr. Ob wir das wollen oder unsere Kunden - danach fragt keiner."

Kein Streik, "nur" ein Meeting vereinte am Nachmittag rund 1 000 Mitarbeiter des Getränkekombinates auf dem Hof der Kindl-Brauerei in der Indira-Gandhi-Straße. Die Gewerkschaftsleitung hatte dazu aufgerufen und warb mit kämpferischen Worten für eine starke Interessenvertretung der Werktätigen.

Beifall brandete jedoch erst auf, als Arbeiter das Mikrofon ergriffen und Fragen stellten: Wie sicher sind unsere Arbeitsplätze? Wird das Kombinat aufgelöst? Mit welchen Unternehmen verhandelt man über unsere Zukunft? Überführung in GmbH, Brauereienverbund, unverbindliche Gespräche mit Coca-Cola, Arbeitsplatzerhaltung anstreben - die Antworten des amtierenden Kombinatsdirektors Heilig taten die Arbeiter als Beschwichtigung ab. "Das Schlimme ist: Bei uns geht die Angst um, und da oben interessiert das offenbar niemanden", meinte ein Anlagenfahrer von "Spreequell".

Die Fortsetzung ihrer Armeezeit im Zivildienst sowie bessere Verpflegung und sanitäre Einrichtungen forderten Angehörige des Berliner NVA-Wachregiments "Friedrich Engels" mit einem Warnstreik am Mittwochmorgen vor dem Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus Unter den Linden. Dieser Schritt sei nach mehreren Eingaben über den Dienstweg die letzte Möglichkeit gewesen, auf die Probleme aufmerksam zu machen, erklärte Kompaniesprecher Soldat Jörg Kühl. Weiter äußerte er die Befürchtung, dass nach der fristgemäßen Entlassung von Regimentsangehörigen Ende April die bisherigen Aufgaben ohne Neueinstellungen erfüllt werden müssten. Bisher sei bei Reparaturen und Renovierung in der über 200 Jahre alten Kaserne meist nur Stückwerk geleistet worden.

Di. 27.03.
In der Exportbierbrauerei Bürgerbräu wird seit Dienstagmorgen 6.00 Uhr gestreikt. Die Belegschaft fordert von der Leitung des Getränkekombinats die volle juristische Selbständigkeit des Betriebes und die Wiedereinsetzung des bisherigen Betriebsdirektors. In einem Protestschreiben, das der Kombinatsleitung am Vortage übergeben worden war, wird die Umwandlung des Betriebes in eine GmbH verlangt.

Mi. 28.03.
Der Streik der Belegschaft der Exportbierbrauerei Berliner Bürgerbräu wurde am Mittwoch um 13.10 Uhr beendet. Nach Schlichtungsverhandlungen zwischen Streikkomitee und Leitung des Getränkekombinates teilten beide Seiten mit, dass die Forderungen der Belegschaft erfüllt werden. Mit der Umwandlung des Getränkekombinats in eine Kapitalgesellschaft soll die Brauerei ein ökonomisch selbständiges Unternehmen werden. (...)

Wie die Belegschaftsvertreter informierten, haben sich die Mitarbeiter dazu verpflichtet, die Verluste, die etwa eine halbe Million Mark ausmachen, in zusätzlicher unbezahlter Arbeitszeit wieder aufzuholen.

Die Bierfahrer haben sofort ihre Fahrzeuge beladen und mit der Auslieferung an die Gaststätten begonnen, hieß es weiter. Alle Kunden erhalten umgehend die bestellten Biermengen, versicherte die Brauerei.

Link zum Hungerstreik der Erfurter Bürgerwache

Miese Stimmung unter den Studenten der Ingenieurschule für Bauwesen Berlin. Von wichtigen Entscheidungen der Leitung zur notwendigen Umstrukturierung von Schule und Studium beispielsweise, von Mitsprache überhaupt, fühlen sie sich ausgeschlossen. Zuletzt war das der Fall bei den Rangeleien um die Wahl des Direktors zu Monatsbeginn. Schon beim Wahlmodus prallten die verschiedenen Meinungen auf einander. Das Reizwort: Kompetenz. Die Studenten wollten sich mit einem gehörigen Anteil an der Abstimmung beteiligen. Indessen war vom Wahlleiter zu vernehmen: Pro Ausbildungsbereich nur eine Stimme. Mehrere hundert Studenten hätten dann fünf Stimmen erhalten. Dagegen konnte jeder Lehrer, jeder Mitarbeiter und Pförtner seine Stimme einbringen. Seltsame Gleichberechtigung und Ausgewogenheit. Ergo: Die Studenten stimmten gar nicht ab. Gestern nun hielten sie auf dem Schulgelände einen ersten Warnstreik ab - ein Versuch, die entstandene Sprachlosigkeit beider Seiten zu überwinden. Nachhilfestunden im Fach "Demokratie an der Ingenieurschule". Sie geben ganz bewusst Denkanstöße. Das belegt auch ein Forderungskatalog, adressiert an die Leitung. Die Studenten haben ganz konkrete Vorstellungen über eine konstruktive Mitarbeit an der Um- und Neugestaltung der Lehrinhalte. Wichtigste Bedingung: Anerkennung ihres Rechts auf Mitsprache. Beispielsweise im künftigen Kuratorium. Morgen steht der nächste Termin für den Direktor und den Studentenrat an. Hier wird der Rahmen abgesteckt für die gemeinsame Arbeit und dafür, dass das Studium keine Fahrt in eine ungewisse Zukunft wird.


Alle Angaben sind Auszüge aus den Chronikseiten März 1990 www.ddr89.de. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

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