Berlin (ND-Fleisdimann/ADN). Das Wichtigste vom Dienstag über die Koalitionsverhandlungen: Das Präsidium der CDU-Ost tagte und "setzte Prioritäten". Der Generalsekretär der CDU-West, Rühe, war in Berlin, "verschaffte sich einen Überblick" und lud die Vorsitzenden der konservativen Allianz nach Bonn ein. De Maizière (CDU), Ebeling (DSU) und Eppelmann (DA) treffen schon heute dort mit dem Vorsitzenden der CDU-West, Kohl, zusammen. SPD-Vorsitzender Ibrahim Böhme bleibt bei der Ablehnung einer Koalition mit der DSU.
Das CDU-Präsidium erörterte am Dienstag Grundzüge der Koalitionsverhandlungen, verständigte sich über Prioritäten in Sachfragen und stellte erste personelle Überlegungen an. Danach soll Lothar de Maizière, der Parteivorsitzende, zunächst amtierender Vorsitzender der Fraktion werden, die am Dienstag zusammentritt. Ob er auch als Ministerpräsident zur Verfügung stehen wird, soll später entschieden werden.
Das Koalitionsangebot an die SPD werde erneuert, teilte ein Sprecher mit. Es gebe in vielen Sachfragen durchaus Passfähigkeit, und er könne sich nicht vorstellen, dass die SPD lieber gemeinsam mit der PDS in der Opposition sein wolle.
Parallel zur CDU-Tagung entwickelte der Generalsekretär der CDU der BRD, Volker Rühe, große Aktivitäten in der DDR-Hauptstadt. Er traf sich mit den Vorsitzenden der Allianzparteien, lud sie nach Bonn ein, wo sie sich heute mit Helmut Kohl treffen werden. Zur Ablehnung des Koalitionsangebots durch die SPD sagte Rühe, wer sich in den Schmollwinkel zurückziehe, werde bei der nächsten Wahl bestraft. Auch in Bonn machen sich Zeichen zunehmenden Drucks auf die SPD der DDR bemerkbar. Eduard Lindner, ein Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, warf ihr demokratische Unreife und Scheinheiligkeit vor.
Der SPD-Vorsitzende Ibrahim Böhme erklärte erneut, dass seine Partei keine Koalition mit der Deutschen Sozialen Union eingehen werde. Er stehe ohne Abstrich zu den Aussagen seiner Partei vor den Volkskammerwahlen und zu seiner eigenen Stellungnahme, die er Montag auf einer Pressekonferenz abgegeben hatte.
Als "völlig indiskutabel" bezeichnet indessen der Schatzmeister der DSU, Ralph Schieck, einen Austritt aus der Allianz, um deren Koalition mit der SPD zu ermöglichen.
Vermutete Koalitionsaussagen, die Ankündigung von Äußerungen zum Wahlergebnis und eines Auftretens des F.D.P.-Frakionsvorsitzenden im Bundestag, Wolfgang Mischnick, hatten zahlreiche Journalisten in eine Konferenz des Bundes Freier Demokraten gelockt. Es gab jedoch weder die Aussagen zum Wahlergebnis noch ein Auftreten des BRD- Politikers. Dafür machten die drei Parteivorsitzenden Prof. Dr. Ortleb (LDP), Dr. Menzel (F.D.P.) und Dr. Schmieder (DFP) mehrmals deutlich, dass sie mit großer Erwartung einer offiziellen Einladung der CDU zu Koalitionsgesprächen entgegensehen und sehr an der Regierungsbeteiligung interessiert sind. Zu konzeptionellen Aussagen waren die liberalen Politiker jedoch nicht bereit. Zu den Kommunalwahlen will der Bund Freier Demokraten, die Listenvereinigung der drei Parteien, bereits als einheitliche Partei unter dem Namen "Freie Demokratische Partei. Die Liberalen" auftreten.
(Neues Deutschland, Mi. 21.03.1990)