DDR 1989/90Brandenburger Tor


So. 21. Januar 1990


Mitarbeiter des Handels und der Gastronomie demonstrierten am Sonntag in Cottbus, Dresden, Hoyerswerda und Schwerin gegen unzureichende Arbeits- und Lebensbedingungen in ihrem Bereich und forderten, die lohnpolitische Vernachlässigung endlich aufzugeben.
(Neues Deutschland, Mo. 22.01.1990)

In den gestrigen Nachmittagsstunden wandte sich das Bürgerkomitee Leipzig aus Sorge wegen zunehmender Forderungen nach Streiks in Leipziger Betrieben an die Redaktion. Das Bürgerkomitee übergab der Redaktion durch seinen Vertreter ein Flugblatt mit einem Aufruf an alle Arbeiter und Angestellten in dem es heißt:

Bildet Betriebsräte, die eure Interessen in der Leitungsebene vertreten.

Verwirklicht dadurch demokratische Strukturen auch in eurem Betrieb.

Anleitung erhaltet ihr vom Bürgerkomitee Leipzig, 7010 Leipzig, Braustraße 17-19.
(Leipziger Volkszeitung, Mo. 22.01.1990)

Symbolisch in einem sogenannten Probelauf verließen am Sonntagnachmittag über 50 000 Einwohner des Eichsfelds ihre Heimat. Mit Koffern, Rucksäcken und Reisetaschen demonstrierten sie von Teistungen bei Worbis zur grenznahen niedersächsischen BRD-Gemeinde Gerblingerode. Damit folgten sie einem Aufruf der CDU, die die Losung verbreitet "wer die SED wählt - wählt die Massenflucht". Auf Spruchbändern und Gepäckstücken erklärten die Eichsfeldbewohner: "Heute kommen wir noch einmal wieder!" und "Wenn die SED-Regierung bleibt, geben wir die Heimat auf! Sprechchöre ertönten: "Nieder mit der SED!"
(Neues Deutschland, Mo. 22.01.1990)

In Weimar findet vom 19.-21.01. das 3. Thüringer Frauentreffen, "Frau und Politik" statt.

In Gera fordert das Bürgerkomitee die Auflösung der Staatssicherheit und die Entlassung der Mitarbeiter. Die Stasiobjekte sollen einer zivilen Nutzung zugeführt werden.

Demonstriert wird in Pirna. Aufgerufen vom Neuen Forum und der SPD.

In einer Diskussionsrunde im DDR-Fernsehen berichtet ein Kombinatsdirektor von der Entlassung von 330 Mitarbeitern. Jeder, der eine Idee hat, dass er 60 000 Mark im Jahr verdient, kann sofort weiterarbeiten. Kurt Biedenkopf sagte dazu: "Dass ist genau der Weg. Denn entstehen wird die Arbeit jetzt nicht durch die großen joint-ventures. Nämlich durch tausende von Leuten, die was neues anpacken wollen."

In der Hochschule der Volkspolizei in Berlin-Biesdorf wird an diesem Wochenende die Gewerkschaft der Volkspolizei gegründet. Für die verschieden Berufsgruppen soll innerhalb der neuen Gewerkschaft "Berufsvertretungen" gebildet werden. Was die Feuerwehrleute unverzüglich machen. Prompt taucht der Vorwurf der Spaltung auf.

In der Nacht vom 21. zum 22.01. wird das Gebäude mit dem Zentralrechner der Staatssicherheit im heutigen Innovationspark Wuhlheide in Berlin bei Anwesenheit eines Staatsanwaltes besetzt.

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