DDR 1989/90Brandenburger Tor


Fr. 12. Januar 1990


In Weimar traten alle Betriebe in den am 09.01. auf einer Demonstration beschlossenen politischen Warnstreik gegen die SED, in Erfurt waren es ebenfalls Tausende von Beschäftigten.
(Bernd Gehrke Renate Hürtgen (Hrsg.): Der betriebliche Aufbruch im Herbst 1989: Die unbekannte Seite der DDR-Revolution)

Mit einem Warnstreik gegen den schleppenden Prozess der Demokratisierung in unserem Land protestierten gestern rund 250 Taxifahrer unserer Stadt. Von der Heinrich-Rau-Straße kommend über die Frankfurter Allee bis zum Gebäude der Volkskammer am Marx-Engels-Platz legten zeitweilig 250 Taxen den Verkehr lahm.

Wie die Organisatoren des Warnstreiks mitteilten, wurden alle vorbestellten Fahrten realisiert und waren von der Arbeitsniederlegung nicht betroffen. Umsichtiges Handeln von Angehörigen der Berliner Verkehrspolizei half, die Folgen des 90 Minuten wahrenden Verkehrschaos in Grenzen zu halten.
(Berliner Zeitung, Sa. 13.01.1990)

Der Ministerrat hat die Bildung einer Arbeitsgruppe zur Bereitstellung von Druckpapier beschlossen, teilte der Presse- und Informationsdienst der Regierung dem ADN mit. Sie steht unter Leitung eines Stellvertreters des Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission. Die Arbeitsgruppe nimmt Anforderungen der am "Runden Tisch" teilnehmenden Parteien und politischen Gruppierungen entgegen, um sie entsprechend den gegebenen Möglichkeiten durch Umverteilung weitgehend zu berücksichtigen.
(Neue Zeit, Sa. 13.01.1990)

Das im ersten Wahlgesetzentwurf der Volkskammer enthaltene Verbot westlicher Wahlkampfhilfe für DDR-Parteien ist nach Überzeugung der Opposition vom Tisch. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das so verabschiedet wird", sagte der Vorsitzende der Partei Demokratischer Aufbruch, Wolfgang Schnur, am Freitag zu dpa. Er erwarte, sagte Schnur, dass Ministerpräsident Hans Modrow (SED-PDS) am Montag persönlich den Gruppen am Runden Tisch Rede und Antwort bei der Diskussion über die Sicherheitslage in der DDR steht. Seine Partei warf dem Regierungschef vor, den Runden Tisch zu lange missachtet zu haben.
(Berliner Zeitung, Sa. 13.01.1990)

Kunsthistoriker haben zur Bildung eines Verbandes ihres Fachgebietes aufgerufen. In einem ADN übermittelten Schreiben verweisen sie darauf, dass das Fehlen einer Berufsorganisation der Kunsthistoriker die gemeinsame Wahrnehmung ihrer Berufsinteressen und der gesellschaftlichen Verantwortung bislang behindert habe. Zielgruppe sind Kunsthistoriker in Denkmalpflege und Verlagen, Museen und Galerien, Universitäten, Hochschulen und Akademien oder auch freiberuflich Tätige.
(Berliner Zeitung, Sa. 13.01.1990)

Für den 24. Januar ist in Berlin die Bildung eines Landesverbandes Spedition (LVS) der DDR vorgesehen. Damit sollen die Interessen der am Speditionsgewerbe beteiligten Betriebe aller Eigentumsformen künftig wirksam vertreten werden.
(Berliner Zeitung, Fr. 12.01.1990)

Einen gemeinsamen Reiseveranstalter namens Transeuropa DDR wollen die Fluggesellschaften INTERFLUG und die Touristik Union International (TUI), der größte BRD-Reiseveranstalter, gründen. Für den Sommer 1990 wird es ein gemeinsames Flugurlaubsprogramm für DDR-Bürger geben. Ein entsprechender Katalog erscheint zwischen dem 22. und 26. Januar. Im Angebot sind Direktflüge von Berlin-Schönefeld nach Mallorca/Spanien, Monastir/Tunesien, Dalaman/Türkei und Singapur sowie von Dresden nach Mallorca. Geflogen wird mit INTERFLUG-Airbussen. Die Reisen sind in DDR-Mark und einem D-Mark-Anteil zu bezahlen, die INTERFLUG vertreibt die Reisen und wird ab 1. Februar Buchungen entgegennehmen, und zwar für 8 000 Plätze im kommenden Sommer.
(Berliner Zeitung, Fr. 12.01.1990)

Die CSU-Landesgruppe im Bonner Bundestag nahm gestern in Leipzig politische Gespräche mit CDU-Politikern und oppositionellen Parteien und Gruppen der DDR auf. Der stellvertretende Oberbürgermeister der Messestadt Dieter Brendel (CDU) begrüßte die bayerischen Parlamentarier, darunter mehrere Bundesminister. Die Gäste betonten, die Kontakte sollen dazu dienen, Vorstellungen zu erkunden und Perspektiven zu erörtern, ohne dabei belehren zu wollen.
(Berliner Zeitung, Sa. 13.01.1990)

Die Dresdner Bank, seit Jahresanfang durch ein Büro in Dresden als erstes westdeutsches Kreditinstitut in der DDR vertreten, weitet ihr Engagement zügig aus. Wie die Bank der BZ mitteilte, eröffnet sie heute zwei neue Büros in Berlin und in der Messestadt Leipzig. Über ihre Vertretungen vermittelt die Dresdner Bank Kontakte zwischen Unternehmen, Banken und Behörden aus der DDR, der BRD und dem Ausland, um zum Beispiel Unternehmenskooperationen zu fördern und Investitionen in der DDR zu erschließen.
(Berliner Zeitung, Fr. 12.01.1990)

Ein Bund der Selbständigen Deutscher Gewerbeverband - hat sich am Freitag in Berlin gegründet. Zum Präsidenten dieses Interessenverbandes für die Selbständigen aus Handwerk, Gewerbe. Handel sowie für die freien Berufe wurde Elektromechanikmeister Harri Liedtkle (Berlin) gewählt. Bisher haben landesweit zirka 12 700 Selbständige ihre Bereitschaft bekundet, Mitglied zu werden.
(Berliner Zeitung, Mo. 15.01.1990)

Die Übergabe sämtlicher Bewaffnung, Munition und Sprengmittel des aufzulösenden Bezirksamtes für Nationale Sicherheit Berlin an die VP war am Freitag um 17.00 Uhr abgeschlossen. Die kontrollierbare Lagerung erfolgt in entsprechenden Waffenlagern des Ministeriums für Innere Angelegenheiten. Das geht aus einer Mitteilung des Bürgerkomitees zur Auflösung des Berliner Bezirksamtes hervor.

Das Leipziger Bezirksamt für Nationale Sicherheit arbeitet nicht mehr. Davon überzeugten sich am Sonnabend Vertreter des Bürgerkomitees, der VP und der Presse.

Auch in den ehemaligen MfS-Bezirksämtern Neubrandenburg, Cottbus und Erfurt wurde am Freitag die Auslagerung von Waffen und Munition in Objekte der NVA bzw. der VP abgeschlossen.
(Berliner Zeitung, Mo. 15.01.1990)

Vor der Volkskammer verteilen Bürger aus Erfurt Flugblätter. Sie fordern, Aufklärung über die Verbrechen der Staatssicherheit als Machtinstrument der SED. Keine Sonderzahlungen/Ausgleichszahlungen für Stasileute. Sofortige und vollständige Auflösung der Staatssicherheit und aller Nachfolgeeinrichtungen. Auch des bereits arbeitenden Amtes für Verfassungsschutz. Zu der Aktion vor der Volkskammer war einen Tag zuvor auf der Kundgebung in Erfurt aufgerufen worden. Unterstützung kommt von Berliner Taxifahrern. Sie beschwerten sich zudem über die zunehmende Konkurrenz. Manch ein ehemaliger MfS-Mitarbeiter versucht inzwischen als Taxifahrer seine Brötchen zu verdienen.

In Berlin findet das zweite zentralen Treffen der Bürgerkomitees vom 12.-14.01. statt.

Gründung der Deutschen Gesellschaft.

Im Kulturraum der Produktionsgenossenschaft des Handwerks "Frohes Bauen" in Gommern (Bezirk Magdeburg) findet die Gründungsveranstaltung der örtlichen SDP statt.

In Gotha findet die freitägliche Demonstration mit Kundgebung auf dem Hauptmarkt statt.

Das Bezirksamt für Nationale Sicherheit in Cottbus wird von Bürgervertretern besichtigt. Alle noch im Dienst befindlichen Mitarbeiter müssen ihren Dienstausweis abgeben. Dem Bürgerkomitee wird ein Raum zur Verfügung gestellt.

Ein Hörfunkrat konstituiert sich. Er löst das bisherige Komitee ab.

Der Hauptvorstand der DGB-Gewerkschaft Öffentliche Diente Transport und Verkehr beschließt die Einrichtung einer Informationsstelle in Berlin.

Der saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine tritt mit einem 10-Punkte-Programm in die Öffentlichkeit.

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