DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Di. 13. März


In verschiedenen Städten der DDR finden wieder Wahlkundgebungen statt.

Beim Aktionstag der SPD-Berlin stellen sich Hans-Jochen Vogel, Walter Momper, Egon Bahr, Horst Ehmke und Johannes Rau gemeinsam mit Vertretern der SPD der DDR den potentiellen Wählern.

Erste Schritte zur Sozialunion mit der BRD stellt Lothar Pawliczak, Wirtschaftsberater der DDR-SPD, auf einer Pressekonferenz in Berlin vor. Den am Montag vom Runden Tisch gefaßten Beschluss über die Privatisierung des Volkseigentums bezeichnet er als "entscheidende Frage auf dem Weg zur sozialen Marktwirtschaft".

Seine Partei wolle mit ganzer Kraft für die Rechte der DDR-Bürger streiten, betont Gregor Gysi in Freiberg. Bei einer Vereinigung nach Artikel 23 des BRD-Grundgesetzes gingen jedoch viele Rechte der Einwohner der Republik verloren. Erstmals greift Hans Modrow in den Wahlkampf ein. Er spricht vor 50 000 Zuhörern in Neubrandenburg.

In Halle, einer Station der gemeinsamen Wahlkarawane von Grüner Partei und UFV durch 22 Städte der DDR, fordert Henry Schramm von der Grünen Partei dazu auf, den großen Parteien auf die Finger zu schauen, damit sie nach dem 18. März ihre Wahlversprechen halten.

Für einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes wirbt eine Wahlkundgebung der "Allianz für Deutschland" mit Bundeskanzler Kohl in der Cottbuser Innenstadt.

Die Währungsumstellung müsse noch in diesem Jahr, noch vor dem Sommer kommen und bedürfe keiner staatlichen Einheit, erklärt Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) vor etwa 50 000 Versammelten in Leipzig.
(BZ, 14.3.1990)

Die dritte Gesprächsrunde der gemeinsamen Expertenkommission DDR/BRD zu Währungsfragen geht in Berlin zu Ende.

Wie es in einer Pressemitteilung heißt, besteht Einvernehmen darüber, die Gespräche alsbald fortzusetzen. Beide Seiten teilten das Grundverständnis, dass eine Währungsunion und Wirtschaftsgemeinschaft - gestützt durch einen Sozialverbund - als entscheidender Schritt zur staatlichen Einheit zu verstehen sei. Modalitäten und Zeitpunkt der Währungsumstellung könnten nur im Gesamtverbund aller Elemente entschieden worden.

Das deutsch-deutsche Expertengremium gelangt zu der Auffassung, dass die Einführung einer sozialen Marktwirtschaft die grundlegende Voraussetzung darstellt, um die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der DDR zu beseitigen. Nur so sei es möglich, Versorgungsmängel rasch zu überwinden, den erforderlichen Zustrom privaten Kapitals zu ermöglichen und neue zukunftsträchtige Arbeitsplätze zu schaffen.
(BZ, 14.3.1990)

Die dänische Tageszeitung "Land og Folk" veröffentlicht Teile eines Briefes von Erich Honecker an Ingmar Wagner, Mitglied der KP Dänemarks, in dem es u. a. heißt:

"Der Weg in die kapitalistische BRD wurde trotz vorhandener Vorbehalte freigelegt. Das zeigt sich jetzt mit aller Deutlichkeit. Ich brauche Dir und Deinen Freunden nicht zu sagen, was das für die Nachbarstaaten bedeutet. (...) Lieber Ingmar, Du hast Recht, die Verletzung meiner Würde als Kommunist und ehemaliges Staatsoberhaupt der DDR erfolgt bereits. Sie ist zugleich eine Beleidigung der internationalen Arbeiterbewegung, der untaugliche Versuch, die Ideale des Sozialismus in den Herzen der Menschen zum Erlöschen zu bringen. Das wird, davon bin ich fest überzeugt, nicht gelingen. Dass unser Bestreben nicht vergebens war, sondern Samen für die Zukunft gelegt hat, sieht man schon heute allein an der Tatsache, dass die Mehrheit der Bürger der DDR bei einem Arrangement mit der BRD, das heißt bei ihrer Verschluckung, keinesfalls die sozialen Errungenschaften vermissen möchte. Das ist eine, Hoffnung für die Zukunft. (...) Gehe bitte davon aus, dass ich vor dem Gesetz nicht schuldig bin. Allen Anschuldigungen zum Trotz, man kann unsere frühere Politik, die dem Wohle des Volkes diente, nicht nachträglich kriminalisieren."
(BZ, 14.3.1990)

Willi Lindemann, Leiter einer Sonderkommission des DDR-Ministerrats gibt bekannt, dass 1989 rund 15 Millionen Mark in Devisen für die "Privilegierung für Personen und Personengruppen" ausgegeben wurden. Allein die Versorgung der Politbürowohnsiedlung Wandlitz kostete jährlich sechs bis acht Millionen Mark.

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 4./5. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990, ISBN 3-7303-0604-9

In der Berliner Gethsemane-Kirche haben Mitglieder der "Kirche von Unten" und der Initiative Christliche Linke am Dienstag ein mehrtägiges "Mahnfasten für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung" beendet. Aus Anlass der in Seoul abgehaltenen Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, an der über 500 Vertreter aller christlichen Kirchen teilgenommen hatten, wollten sie angesichts der großen Kluft zwischen Reichtum und Armut auf der Erde mit ihrer Aktion "Zeichen der Umkehr" setzen. Das "weltweite geschwisterliche Teilhaben an den Früchten der Erde und an der politischen Gestaltung der Zukunft des Planeten" sei für sie zu einer "Bekenntnisfrage" geworden.

Die DDR-Teilnehmer einer gleichzeitig in mehreren Städten des Landes durchgeführten internationalen Fastenaktion für einen Atomtest-Stopp übergaben zum Abschluss ihrer Initiative am selben Tag in Berlin einen Offenen Brief den Botschaften der fünf Atommächte in der DDR.
(Neue Zeit, Mi. 14.03.1990)

Die Verschwendung von Warm- und Kaltwasser sowie Heizenergie in Neubauwohnungen wird bald ein teures Vergnügen.

Am Rande der gestrigen Gründungsversammlung des Verbandes der Wohnungsgenossenschaften in Berlin zeigte die westdeutsche Haustechnikfirma "ista" den Wohnungswirtschaftlern der DDR, wie man Verschwender zur Kasse bitten kann.

Vorgestellt wurden unter anderem preiswerte Zähler für Heiß- und Kaltwasser, die sich mühelos in bestehende Systeme der DDR-Neubauwohnungen nachträglich einbauen lassen. Auch verschiedene Messgeräte, die den Verbrauch von Heizenergie exakt nachweisen, würden ermöglichen, Mieter für sparsamen Umgang zu belohnen oder anderenfalls kräftig zu belangen.

Kundendienstleiter Rüdiger Neubauer von ista erklärte, dass mit Heißwasseruhren über die eintretende Motivation der Verbraucher und zusätzliche Wärmedämmungsmaßnahmen ein Drittel Energie eingespart werden kann. Es gebe inzwischen intensive Geschäftskontakte mit dem Bauministerium der DDR, den Kommunalen Wohnungsverwaltungen, den Wohnungsbaugenossenschaften und den Energiekombinaten. Dabei stehe man kurz vor dem Abschluss von Verträgen. Bestrebungen der Vermieter würden dahingehen, ab 1. Januar 1991 in der DDR verbrauchsabhängige Warm- und Kaltwasserabrechnungen in allen Neubauwohnungen einzuführen.
(Berliner Zeitung, Mi. 14.03.1990)

Die Steigenberger Hotels AG will in den nächsten drei Jahren 40 bis 50 neue Hotels in DDR-Städten errichten. Das Vorstandsmitglied des bundesdeutschen Marktführers Dieter Bauer schloss eine Übernahme bestehender Hotels laut dpa gleichzeitig aus.
(Berliner Zeitung, Di. 13.03.1990)

Händler, Installateure und Kundendiensttechniker will die Bauknecht Hausgeräte GmbH auf der Leipziger Messe kennenlernen. Zweck der Übung: Bauknecht dehnt sein Vertriebs- und Servicenetz auf die Regionen östlich der Elbe aus und wird dazu Fachleute aus der DDR einsetzen.

"Da wir schnell aktiv werden wollen", sagt Werbeleiter Holger Korsten, "sind wir vor allem an Partnern interessiert, die Großhandelsfunktionen übernehmen können".

Und wie soll die Geschäftskonstruktion aussehen? Bauknecht verkauft vorläufig seine Haushaltsgeräte an den Händler zu 50 Prozent gegen D-Mark und zu 50 Prozent gegen DDR-Mark bei einem Kurs von 1:3. Wie dieser weiterverkauft, ist seine Sache.

Keine besonders preiswerte Angelegenheit, legt man die gängigen BRD-Preise für die angebotenen Waschvollautomaten bis 2 000 DM bzw. für Geschirrspüler von 1v000 bis 1 600 DM zugrunde. "Dessen ist sich auch Bauknecht bewusst", so Holger Korsten. Da man jedoch selbst mit Billiggeräten das Preisniveau der DDR überschreiten würde, seien von vornherein hochwertige Modelle ausgewählt worden, die auf eine kleine, aber zahlungsfähige Käuferschicht zielten.
(Berliner Zeitung, Di. 13.03.1990)

Angebote machten bei ihrem gestrigen Messetreff die Postminister der BRD, Schwarz-Schilling, und der DDR, Wolf. Sie informierten über Ergebnisse der bisherigen gemeinsamen Arbeitsgruppentätigkeit. So wird sich die Zahl der Fernsprechleitungen von der DDR nach der Bundesrepublik um 200 auf 595 bis Ende März erhöhen, umgekehrt steigt die Zahl auf 830.
(Berliner Zeitung, Mi. 14.03.1990)

Ein Fachverband Obstwirtschaft e. V. mit Sitz in Werder bei Potsdam ist in der DDR gegründet worden. Seine Mitglieder streben die Wettbewerbsfähigkeit bei der Erzeugung, Vermarktung und Veredlung der Baum- und Strauchfrüchte an. Die Satzung erlaubt, dass obstanbauende Betriebe aller Eigentumsformen dem Fachverband als ihrem Interessenvertreter beitreten können.
(Neue Zeit, Di. 13.03.1990)

Die bundesdeutsche Lebensmittel-Handelskette SPAR will in der DDR noch 1990 eine "ansehnliche Zahl von Geschäften" eröffnen.
(Neues Deutschland, Di. 13.03.1990)

Das Bürgerkomitee Erfurt ruft unter dem Motto "Das Fett schwimmt weiter oben" zu einem Warnstreik ab 15 Uhr auf. Um 16 Uhr findet eine Protestkundgebung auf dem Domplatz statt.

In Rostock kommt es zu einem ersten Gespräch zwischen dem vorläufigen Koordinierungskreis des Neuen Forum und dem 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED Ernst Timm und weiteren Vertretern der SED. Die Vertreterinnen des Neuen Forum brachten zum Ausdruck, dass sie das Gespräch als de facto Anerkennung des Neuen Forum sehen. Der 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED wird vom Neuen Forum aufgefordert sich persönlich für die sofortige die Freilassung aller sogenannter "Republikflüchtlinge" einzusetzen. Die SED-Vertreter sagen zu, dass an diesem Abend keine Gegendemonstration stattfinden wird.

Demonstrationen und Kundgebungen gibt es in Bad Frankenhausen, Karl-Marx-Stadt, Leinefelde, Neuruppin, Nordhausen, Stollberg und Zebst.

Von der Bundesbank werden bestehende Verfügungsbeschränkungen für Vermögenswerte, die für Bürger der DDR in der BRD bestehen, aufgehoben.

Δ nach oben