DDR 1989/90Brandenburger Tor


Di. 13. März 1990


In der Berliner Gethsemane-Kirche haben Mitglieder der "Kirche von Unten" und der Initiative Christliche Linke am Dienstag ein mehrtägiges "Mahnfasten für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung" beendet. Aus Anlass der in Seoul abgehaltenen Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, an der über 500 Vertreter aller christlichen Kirchen teilgenommen hatten, wollten sie angesichts der großen Kluft zwischen Reichtum und Armut auf der Erde mit ihrer Aktion "Zeichen der Umkehr" setzen. Das "weltweite geschwisterliche Teilhaben an den Früchten der Erde und an der politischen Gestaltung der Zukunft des Planeten" sei für sie zu einer "Bekenntnisfrage" geworden.

Die DDR-Teilnehmer einer gleichzeitig in mehreren Städten des Landes durchgeführten internationalen Fastenaktion für einen Atomtest-Stopp übergaben zum Abschluss ihrer Initiative am selben Tag in Berlin einen Offenen Brief den Botschaften der fünf Atommächte in der DDR.
(Neue Zeit, Mi. 14.03.1990)

Um die Gunst der Wähler warben noch am gestrigen Tag Spitzenkandidaten der Parteien In verschiedenen Städten der DDR.

Beim gestrigen Aktionstag der SPD-Berlin war fast die ganze Spitzenriege der bundesdeutschen SPD erschienen, so unter anderem Hans-Jochen Vogel, Walter Momper, Egon Bahr, Horst Ehmke und Johannes Rau. Sie stellten sich am Abend gemeinsam mit der SPD-Ost in Wahlveranstaltungen ihren potentiellen Wählern.

Erste Schritte zur Sozialunion mit der BRD stellte auf einer Pressekonferenz in Berlin Lothar Pawliczak, Wirtschaftsberater der DDR-SPD, vor. Den am Montag vom Runden Tisch gefassten Beschluss über die Privatisierung des Volkseigentums bezeichnete er als "entscheidende Frage auf dem Weg zur sozialen Marktwirtschaft". Nach Auffassung von Rudolf Dreßler, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, sollte sich die DDR "nichts überstülpen lassen". Sie solle ihre Identität wahren.

Auf einer Pressekonferenz in Halle sagte Lothar Späth: "Die Menschen in der DDR halben mit großer Kraft die Freiheit errungen, jetzt sollen sie auch den Mut haben, zusammen mit uns neu anzufangen und nicht vor der Fülle der Probleme resignieren."

Seine Partei wolle mit ganzer Kraft für die Rechte der DDR-Bürger streiten, betonte Gregor Gysi in Freiberg. Bei einer Vereinigung nach Artikel 23 des BRD-Grundgesetzes gingen jedoch viele Rechte der Einwohner der Republik verloren.

Hans Modrow griff erstmals in den Wahlkampf ein. Zur Frage, ob er erneut als Ministerpräsident zur Verfügung stehe, sagte er in Waren, das würde das Wahlergebnis entscheiden. Er würde eine Wahl nicht ausschlagen. Am Nachmittag sprach der Premier vor 50 000 Zuhörern in Neubrandenburg.

In Halle, einer Station der gemeinsamen Wahlkarawane von Grüner Partei und Unabhängigem Frauenverband durch 22 DDR-Städte, forderte Henry Schramm von der Grünen Partei dazu auf, den großen Parteien auf die Finger zu schauen, damit sie nach dem 18. März ihre Wahlversprechen halten.

Für einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes warb eine Wahlkundgebung der Allianz für Deutschland mit Bundeskanzler Helmut Kohl in der Cottbuser Innenstadt.

Die Währungsumstellung müsse noch in diesem Jahr, noch vor, dem Sommer kommen und bedürfe keiner staatlichen Einheit, erklärte Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) vor etwa 50 000 in Leipzig.
(Berliner Zeitung, Mi. 14.03.1990)

Die Vorwürfe gegen den Vorsitzenden des Demokratischen Aufbruchs (DA), Wolfgang Schnur, seien eine Verleumdung und Fälschung, die die Staatssicherheit von langer Hand vorbereitet und absichtlich unmittelbar vor dem Wahltag bekanntgemacht habe, behauptete der Thüringer Landesvorsitzende der Partei, Horst Schulz, auf einer Wahlkundgebung mit 2 000 Teilnehmern in Erfurt. Er zeigte den Anwesenden ein Dossier, von dem er sagte, es handele sich dabei um eine vom Bürgerkomitee und dem Demokratischen Aufbruch in 24 Stunden hergestellte, fast perfekte "Stasi-Akte" von Johann Wolfgang von Goethe, und bemerkte dazu: "Was uns Laien möglich ist, war für die Mitarbeiter des drittbesten Geheimdienstes der Welt ein Kinderspiel!"

In der Kundgebung stellten sich als weitere Spitzenkandidaten für die Volkskammer CDU-Generalsekretär Martin Kirchner und Prof. Dr. Hans-Joachim Walther (DSU) vor. Als Schlussredner erläuterte der hessische Ministerpräsident und stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU, Dr. Walter Wallmann, die Chancen einer schnellen Verwirklichung der Wünsche nach der Einheit Deutschlands.
(Neue Zeit, Mi. 14.03.1990)

Die Verschwendung von Warm- und Kaltwasser sowie Heizenergie in Neubauwohnungen wird bald ein teures Vergnügen.

Am Rande der gestrigen Gründungsversammlung des Verbandes der Wohnungsgenossenschaften in Berlin zeigte die westdeutsche Haustechnikfirma "ista" den Wohnungswirtschaftlern der DDR, wie man Verschwender zur Kasse bitten kann.

Vorgestellt wurden unter anderem preiswerte Zähler für Heiß- und Kaltwasser, die sich mühelos in bestehende Systeme der DDR-Neubauwohnungen nachträglich einbauen lassen. Auch verschiedene Messgeräte, die den Verbrauch von Heizenergie exakt nachweisen, würden ermöglichen, Mieter für sparsamen Umgang zu belohnen oder anderenfalls kräftig zu belangen.

Kundendienstleiter Rüdiger Neubauer von ista erklärte, dass mit Heißwasseruhren über die eintretende Motivation der Verbraucher und zusätzliche Wärmedämmungsmaßnahmen ein Drittel Energie eingespart werden kann. Es gebe inzwischen intensive Geschäftskontakte mit dem Bauministerium der DDR, den Kommunalen Wohnungsverwaltungen, den Wohnungsbaugenossenschaften und den Energiekombinaten. Dabei stehe man kurz vor dem Abschluss von Verträgen. Bestrebungen der Vermieter würden dahingehen, ab 1. Januar 1991 in der DDR verbrauchsabhängige Warm- und Kaltwasserabrechnungen in allen Neubauwohnungen einzuführen.
(Berliner Zeitung, Mi. 14.03.1990)

Die Steigenberger Hotels AG will in den nächsten drei Jahren 40 bis 50 neue Hotels in DDR-Städten errichten. Das Vorstandsmitglied des bundesdeutschen Marktführers Dieter Bauer schloss eine Übernahme bestehender Hotels laut dpa gleichzeitig aus.
(Berliner Zeitung, Di. 13.03.1990)

Händler, Installateure und Kundendiensttechniker will die Bauknecht Hausgeräte GmbH auf der Leipziger Messe kennenlernen. Zweck der Übung: Bauknecht dehnt sein Vertriebs- und Servicenetz auf die Regionen östlich der Elbe aus und wird dazu Fachleute aus der DDR einsetzen.

"Da wir schnell aktiv werden wollen", sagt Werbeleiter Holger Korsten, "sind wir vor allem an Partnern interessiert, die Großhandelsfunktionen übernehmen können".

Und wie soll die Geschäftskonstruktion aussehen? Bauknecht verkauft vorläufig seine Haushaltsgeräte an den Händler zu 50 Prozent gegen D-Mark und zu 50 Prozent gegen DDR-Mark bei einem Kurs von 1:3. Wie dieser weiterverkauft, ist seine Sache.

Keine besonders preiswerte Angelegenheit, legt man die gängigen BRD-Preise für die angebotenen Waschvollautomaten bis 2 000 DM bzw. für Geschirrspüler von 1 000 bis 1 600 DM zugrunde. "Dessen ist sich auch Bauknecht bewusst", so Holger Korsten. Da man jedoch selbst mit Billiggeräten das Preisniveau der DDR überschreiten würde, seien von vornherein hochwertige Modelle ausgewählt worden, die auf eine kleine, aber zahlungsfähige Käuferschicht zielten.
(Berliner Zeitung, Di. 13.03.1990)

Die bundesdeutsche Lebensmittel-Handelskette SPAR will in der DDR noch 1990 eine "ansehnliche Zahl von Geschäften" eröffnen.
(Neues Deutschland, Di. 13.03.1990)

Angebote machten bei ihrem gestrigen Messetreff die Postminister der BRD, Schwarz-Schilling, und der DDR, Wolf. Sie informierten über Ergebnisse der bisherigen gemeinsamen Arbeitsgruppentätigkeit. So wird sich die Zahl der Fernsprechleitungen von der DDR nach der Bundesrepublik um 200 auf 595 bis Ende März erhöhen, umgekehrt steigt die Zahl auf 830.
(Berliner Zeitung, Mi. 14.03.1990)

Ein Fachverband Obstwirtschaft e. V. mit Sitz in Werder bei Potsdam ist in der DDR gegründet worden. Seine Mitglieder streben die Wettbewerbsfähigkeit bei der Erzeugung, Vermarktung und Veredlung der Baum- und Strauchfrüchte an. Die Satzung erlaubt, dass obstanbauende Betriebe aller Eigentumsformen dem Fachverband als ihrem Interessenvertreter beitreten können.
(Neue Zeit, Di. 13.03.1990)

Die Lufthansa AG der BRD wird künftig bei der DDR-Fluggesellschaft INTERFLUG eine Minderheitsbeteiligung von 28 Prozent übernehmen. Für diese Vereinbarung haben sich in einer Urabstimmung, die am Dienstag abgeschlossen wurde, 91,4 Prozent der über 7 000 INTERFLUG-Mitarbeiter ausgesprochen. Mit dieser Entscheidung werde unterstrichen, so INTERFLUG-Generaldirektor Dr. Klaus Henkes, dass die Belegschaft von ihrem Betrieb Besitz ergriffen habe und seine Geschicke mitgestalten will.
(Neues Deutschland, Mi. 14.03.1990)

Die entscheidende Phase der Vereinigung beider deutscher Staaten wird nach Ansicht von Bundeskanzler Helmut Kohl nicht vor 1991 eintreten. Wie dpa berichtet, werde diese Auffassung des Kanzlers in den Dienstagausgaben einer Reihe ausländischer Zeitungen wiedergegeben. Danach rechnet Kohl mit ersten gesamtdeutschen Wahlen frühestens im nächsten Jahr.

Aus einem Bericht in der "International Herald Tribüne" gehe hervor, Kohl wolle der zunehmenden Nervosität bei den europäischen Nachbarn im Zusammenhang mit dem Tempo der Vereinigungsdiskussion entgegenwirken. Kohl erwarte, dass keine der DDR-Parteien bei der Wahl am 18. März die absolute Mehrheit erhalte, so dass eine Koalitionsregierung gebildet werden müsse. Zu den ersten Schritten werde die Wiederherstellung der früheren Länder in der DDR gehören, von denen der Beitritt zur Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes erwartet wird.

Nach Angaben der Agentur verlautete ergänzend, der Kanzler sei offenkundig optimistisch, dass die Gespräche der beiden deutschen Staaten mit den vier Siegermächten des zweiten Weltkrieges bis zur geplanten KSZE-Konferenz im November fertig sein könnten.
(Neue Zeit, Mi. 14.03.1990)

Das Bürgerkomitee Erfurt ruft unter dem Motto "Das Fett schwimmt weiter oben" zu einem Warnstreik ab 15 Uhr auf. Um 16 Uhr findet eine Protestkundgebung auf dem Domplatz statt.

In Rostock kommt es zu einem ersten Gespräch zwischen dem vorläufigen Koordinierungskreis des Neuen Forum und dem 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED Ernst Timm und weiteren Vertretern der SED. Die Vertreterinnen des Neuen Forum brachten zum Ausdruck, dass sie das Gespräch als de facto Anerkennung des Neuen Forum sehen. Der 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED wird vom Neuen Forum aufgefordert sich persönlich für die sofortige die Freilassung aller sogenannter "Republikflüchtlinge" einzusetzen. Die SED-Vertreter sagen zu, dass an diesem Abend keine Gegendemonstration stattfinden wird.

Demonstrationen und Kundgebungen gibt es in Bad Frankenhausen, Karl-Marx-Stadt, Leinefelde, Neuruppin, Nordhausen, Stollberg und Zebst.

Auf der Wahlkundgebung der "Allianz für Deutschland" in Cottbus sagt Bundeskanzler Helmut Kohl zu, die Sparkonten der Kleinanleger werden 1:1 umgetauscht.

Δ nach oben