DDR 1989/90Brandenburger Tor

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So. 11. März


Atomkraftgegner aus beiden deutschen Staaten vereinten sich vor der Stendaler KKW-Baustelle zur ersten Anti- AKW-Demonstration in der DDR. Dem Aufruf der Grünen Partei waren etwa 6 000 Menschen gefolgt, die von dem in der Nähe gelegenen Dalchau aus friedlich vor die Baustelle zogen. Viele Demonstranten, zumeist westdeutsche, suchten mit Arbeitern das Gespräch über den Sinn oder Unsinn von Atomenergie.

Ingrid Fröhlich vom Neuen Forum forderte den sofortigen Baustopp. Die jahrzehntelange Politik der Verharmlosung habe aus der DDR beim Umweltschutz ein Entwicklungsland gemacht. Deshalb wollten Siemens und andere BRD-Betriebe in der DDR neue KKW bauen, um Höchstgewinne zu erzielen - KKW, die längst veraltet seien und in der BRD nicht mehr gebaut werden dürften. Das Geld sollte besser für umweltbewusste Produktionsmittel eingesetzt werden.

In einem Telegramm an die Teilnehmer brachte DDR-Minister Sebastian Pflugbeil seine Freude darüber zum Ausdruck, dass sich die Vernunft beginne durchzusetzen.

Zu einem kurzen Zwischenfall kam es bei einem Durchbruch von zum Teil bundesdeutschen Vermummten durch den Zaun auf die Baustelle. Nach Auskunft der Volkspolizei habe sich die Sicherheitspartnerschaft mit der Grünen Partei bewährt.
(Neue Zeit, Di. 13.03.1990)

Für die Einheit aller linken Kräfte, gegen DDR-Ausverkauf sprachen sich am Sonntag im Zentrum von Karl-Marx-Stadt auf einer Wahlkundgebung Vertreter der Vereinigten Linken, der KPD, der Alternativen Jugendliste, der PDS und der NELKEN aus. Vor dem Karl-Marx-Monument zeigten die Teilnehmer rote und DDR-Fahnen sowie Plakate mit Gysi- und Modrow-Porträts.

Gegen "Deutschland, Deutschland über alles" und die Losung "Freiheit statt Sozialismus" wandte sich beispielsweise Dr. Werner Rössel von der KPD.
(Neues Deutschland, Mo. 12.03.1990)

"Konkrete Politik für Deutschland" ist das Detailprogramm des Demokratischen Aufbruch (DA) überschrieben, das Vorstandsmitglied Rainer Eppelmann am Sonntag auf dem Wahlparteitag in Dresden vorgestellt hat. Es konkretisiert und unterscheidet sich in Einzelheiten von den Programmen der anderen in der "Allianz für Deutschland" vereinten Parteien (CDU/DSU).

Im Bereich der Wirtschaft zählt dazu die sofortige Einführung des Rechts auf Privateigentum und Gewerbefreiheit. Der Staat solle kein Eigentum bilden, desgleichen dürfe es keine Zugangshindernisse für ausländische Unternehmen und Kapitalgeber geben. Sparguthaben will der DA laut Programm bis zu 10 000 Mark 1:1 umtauschen und größere Guthaben zu einem vierprozentigen Zinssatz für drei bis fünf Jahre einfrieren. Bewohner staatseigener Wohnungen sollen mit Krediten in die Lage zum Kauf versetzt, Kinderkrippen, -gärten und -horte ebenso wie Schulspeisung, Kindergeld und Erziehungsförderung beibehalten werden. Das Rentensystem wird sofort dem der Bundesrepublik angepasst.

Neben Sofortaufgaben im Umweltschutz und in der Innen- wie Rechtspolitik soll laut Detailprogramm, die Vereinigung der beiden deutschen Teilstaaten im Sinne des Artikel 23 des Grundgesetzes der BRD vollzogen werden.
(Neue Zeit, Mo. 12.03.1990)

Die Magdeburger Armaturenwerke (MAW) und die Deutsche Babcock Werke AG Oberhausen gründeten am Sonntag auf der Leipziger Frühjahrsmesse die Deutsche Armaturenwerke Babcock-MAW GmbH mit Sitz in Magdeburg. Damit hält ein nordrhein-westfälischer Betrieb erstmals die Kapitalmehrheit in einem deutsch-deutschen Gemeinschaftsunternehmen. Die Gesellschaft will die Standorte für Kraftwerks- und Industriearmaturen in Oberhausen und Magdeburg sichern und künftig als Produktions- und Vertriebseinheit führen.
(Berliner Zeitung, Mo. 12.03.1990)

Der Automobilbau in Eisenach mit seiner rund 100jährigen Tradition wird eine Renaissance erleben. Wichtiger Schritt auf diesem Wege ist ein am Sonntag in der Messestadt Leipzig unterzeichneter Vertrag zur Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens "Opel-AWE GmbH" mit Sitz in der Wartburgstadt, den Opel-Vorstandsvorsitzender Louis R. Hughes und der Direktor des Automobilwerkes Eisenach (AWE), Dr. Wolfram Liedtke, in sichtlich optimistischer Stimmung signierten.

In Eisenach sollen künftig weltmarktfähige und attraktive Autos vom Band rollen. Genannt wurde eine Jahresproduktion von 150 000 Opel-Modellen. Über die geplanten Kapitalanteile der GmbH wollten sich beide Partner nicht äußern. Angestrebt werde jedoch eine Mehrheitsbeteiligung von Opel; das AWE ist noch dabei, seine Grundfonds zu berechnen.

Ein Lichtblick für viele Autofahrer in der DDR war auch die Bemerkung Hughes, dass gegenwärtig geprüft werde, ob angelieferte Opel-Karosserien kurzfristig in Eisenach komplettiert werden können. Welches Opel-Modell das sein wird, blieb vorerst offen. Die Vertreter beider Unternehmen unterstrichen, dass schnell gehandelt werden soll. Bestätigt wurde, dass ein neues Montagewerk unter Nutzung vorhandener Neubauten sowie ein ganz neues Auto entstehen wird. Der Wartburg 1.3 werde bis zur Aufnahme der Serienfertigung eines Opel-Modells in der Produktion bleiben. Er sehe auch in Leipzig Chancen, dieses Auto in nächster Zeit zu verkaufen.

Beide Firmenchefs dankten Wirtschaftsministerin Christa Luft, die an der Vertragsunterzeichnung teilnahm, für ihre tatkräftige Unterstützung des Vorhabens.
(Berliner Zeitung, Mo. 12.03.1990)

Rund 2 000 Menschen demonstrierten am Sonntagmorgen auf dem Berliner Alexanderplatz für den Aufbau einer neuen demokratischen Gesellschaft und gegen ein "Alles-über-Bord-Werfen". Als Veranstalter zeichneten mehrere linke Parteien und Gruppierungen verantwortlich, darunter die Vereinigte Linke, DIE NELKEN, die KPD und die PDS. Für Aufruhr sorgte der Volkskammerkandidat der Spartakist-Arbeiterpartei Toralf Endruweit. Nachdem ihm der Zutritt zur Rednertribüne verwehrt worden war, organisierte er eine kleine Gegendemonstration, bei der er die Politik von Hans Modrow kritisierte. Ergebnis dieser Äußerungen waren heftige Streitgespräche zwischen Zuhörern und Vertretern der Spartakisten.

Bereits am Sonnabend hatten linke Parteien und Bewegungen auf dem Alexanderplatz zu einem Volksfest eingeladen. An Informationsständen und auf Plakaten warnten sie vor einem übereilten Zusammenschluss beider deutscher Staaten. Die Rockband "Die Kader", Liedermacher Frank Pohl und die Kreuzberger Jazzband "second hand" sorgten für gute Stimmung.
(Berliner Zeitung, Mo. 12.03.1990)

Zu einer Fahrraddemonstration hat die Grüne Partei in Magdeburg aufgerufen. Fahrraddemonstrationen gibt es in Karl-Marx-Stadt, in Forst, dort wird gefordert, den Tagebau zu schließen und in Stendal, dort führt der Fahrradkorso zum Kernkraftwerk.

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