DDR 1989/90Brandenburger Tor


Sa. 24. März 1990


Aufsehen erregte am Wochenende der Umzug des ehemaligen Staats- und SED-Chefs Honecker und seiner Frau Margot und das nicht nur in der kleinen Stadt Lindow im Kreis Neuruppin. Jedoch die Anwesenheit der Honeckers im neuen, exklusiven Domizil dauerte nur eine Nacht Schon bei ihrer Ankunft hatten sich erzürnte Bürger vor dem Regierungsheim versammelt und durch massive Proteste am Sonnabend die Rückreise nach Lobetal erzwungen, wo seit etwa zwei Monaten Pfarrer Holmer der Familie Honecker Unterkunft in seinem Pfarrhaus in den Hoffnungsthaler Anstalten gewährt.

Im Vorfeld der Aktion, mit der die Hoffnungsthaler Anstalten entlastet und die Genesung Honeckers befördert werden sollte, hatte der amtierende Ministerpräsident Hans Modrow Gespräche sowohl mit dem Ehepaar Honecker als auch mit Amtsträgern der evangelischen Kirche geführt.

Wie Lindows Bürgermeister Hortig erklärte, seien die Bürger der Stadt am Freitag vor die Tatsache gestellt worden, dass die amtierende Regierung in Abstimmung mit dem CDU-Vorsitzenden Lothar de Maizière und auf Drängen von Konsistorialpräsident Stolpe den Beschluss gefasst hat das Ehepaar Honecker in dem Regierungsheim unterzubringen.

Besonders verärgert sei man in Lindow darüber, dass der Beschluss erst mitgeteilt wurde, als das Ehepaar schon in das neue Domizil unterwegs war. In einer am Freitagnachmittag von Beauftragten der Regierung mit den Vorsitzenden und Vertretern des Rates der Stadt sowie den ortsansässigen Parteien, gesellschaftlichen Kräften und der Kirche geführten Beratung hatten diese zum Ausdruck gebracht von den Lindowern sei keinerlei Verständnis dafür zu erwarten, dass das Ehepaar Honecker in einem exklusiven Ferienheim untergebracht werde. Statt dessen wolle man eine Lösung, die einerseits dem berechtigten humanitären Anliegen zur Unterbringung des kranken 77jährigen und seiner Frau gerecht werde, andererseits aber einer Gleichstellung mit anderen alten und kranken Menschen in der DDR entspreche.

Pastor Uwe Holmer steht offensichtlich unter massivem Druck der Mitarbeiter und des Pflegepersonals der Hoffnungsthaler Anstalten, die Aufnahme der Honecker-Familie rückgängig zu machen. Sie sehen die in der sonst in dem kleinen Ort mit seinem weit bekannten diakonischen Werk herrschende Ruhe durch anhaltenden Medienrummel gestört.
(Neues Deutschland, Mo. 26.03.1990)

Die Vorbereitungen für die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion von BRD und DDR seien so weit gediehen, dass mit einem "Stichtag" für das Inkrafttreten um den 1. Juli zu rechnen sei.

Das berichtet die „Welt am Sonntag" unter Berufung auf Informationen, die sie nach den internen Beratungen von Bundeskanzler Helmut Kohl und Finanzminister Theo Waigel mit den Vorsitzenden der DDR-Parteien CDU, DSU und DA unmittelbar nach der Volkskammerwahl in Bonn aus dem Kanzleramt und dem Finanzministerium erhalten habe.
(Berliner Zeitung, Mo. 26.03.1990)

Für das Fortbestehen des Kulturbundes haben sich die fast 500 Delegierten des außerordentlichen Bundeskongresses dieser Organisation in Potsdam entschieden. Zur Präsidentin wurde mit großer Mehrheit die Geodätin Marianne Piehl gewählt.
(Berliner Zeitung, Mo. 26.03.1990)

Wie soll es in der Kammer der Technik weitergehen? Antwort auf diese Frage zu geben war die wichtigste Aufgabe des außerordentlichen Kongresses am Sonnabend in der Berliner Kongresshalle.
(Berliner Zeitung, Mo. 26.03.1990)

Stahlproben von Druckbehältern der beiden stillgelegten Reaktoren aus dem Kernkraftwerk Greifswald sind Anfang des Monats zu Laboruntersuchungen in Finnland eingetroffen. Der staatliche Energiekonzern Imatran Voima (IVO) entsprach damit einer Bitte des DDR-Kernkraftwerkes. Die vier stark radioaktiven Materialproben sollen von Experten in einem Labor der Technischen Forschungszentrale analysiert werden, um die Ursachen für die Sprödigkeit der Druckbehälter festzustellen. Von den Tests erwartet man Aufschlüsse über die freigewordene Strahlungsmenge und die damit verbundenen Einwirkungen auf den Stahlmantel der Behälter. Die Reaktoren in dem von IVO betriebenen Atommeiler im finnischen Lovisa sind vom gleichen Typ wie jene im KKW Greifswald.
(Berliner Zeitung, Sa. 24.03.1990)

Ein AIDS-Kreis der DDR wurde am Sonnabend in Berlin gegründet. Er versteht sich als Selbsthilfevereinigung zur Aufklärung, Beratung und Betreuung von HIV-Infizierten und AIDS-Kranken. Gleichzeitig will er die Arbeit von Basisgruppen, Initiativen, Organisationen und anderen Gruppierungen koordinieren und unterstützen.

Angesichts der offenen Grenzen und der damit steigenden Gefahr einer Infektion seien eine breit angelegte Vorbeugung und Beratung unbedingt erforderlich.

Im März lag die Zahl der HIV-infizierten DDR-Bürger bei 88. Von ihnen sind 71 Virusträger, 17 sind akut erkrankt. Acht Menschen fielen der Krankheit bereits zum Opfer.
(Neue Zeit, Mo. 26.03.1990)

Ein Verband der Musikschulen der DDR wurde kürzlich in Erfurt gegründet. Er wird Interessenvertreter der rund 230 gemeinnützigen musikerzieherischen Einrichtungen sein und sie in internationalen Gremien vertreten. Die Gründungsversammlung bestätigte ein Arbeitspräsidium, das bis zur 1. Generalversammlung im Herbst tätig sein wird. Ulrich Marckardt, Direktor der Musikschule "Leo Spies" in Berlin-Prenzlauer Berg, wurde zum Sprecher berufen.
(Berliner Zeitung, Sa. 24.03.1990)

Eine künftige Währungsunion zwischen beiden deutschen Staaten wird in der DDR voraussichtlich auch neue Formen der Kriminalität nach sich ziehen. Rechtzeitig wirksame Wege zum Schutz vor derartigen Eigentumsdelikten, Wirtschaftsverbrechen, Drogen- und Waffenschmuggel zu linden, ist eine Aufgabe des Verbandes der Kriminalisten (VdK) der DDR. Das wurde am Sonnabend in Berlin beim ersten ordentlichen Landesverbandstag übereinstimmend festgestellt.
(Neues Deutschland, Mo. 26.03.1990)

Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) ist nun auch in der DDR präsent. Am Sonnabend trat in Rangsdorf der "ADAC in der DDR" bei seiner ersten Mitgliederversammlung, die auch den Vorstand wählte, an die Öffentlichkeit.
(Neues Deutschland, Mo. 26.03.1990)

Deutsche Reichsbahn und Deutsche Bundesbahn teilen zielstrebig aufeinander zu. Allerdings sei vorerst noch nicht an die Bildung eines gemeinsamen Mammutunternehmens "Deutsche Bahn" gedacht.

In diesem Sinne äußerten sich auf einem Presseseminar der Bundesbahn in Lahnstein bei Koblenz DR-Generaldirektor Herbert Keddi und Bundsbahn-Vorstandsvorsitzender Reiner Gohlke.
(Berliner Zeitung, Mo. 26.03.1990)

Die Zahl der Übersiedler aus der DDR ist auch am Wochenende weiter drastisch zurückgegangen. Am Samstag wurden nach Auskunft des Bonner Innenministeriums 132 DDR-Bürger in der Bundesrepublik registriert, genau ein Drittel der Übersiedlerzahlen vom Sonnabend vergangener Woche. Am Freitag wahren 551 DDR-Übersiedler gezählt worden. Vor den Volkskammer-Wahlen kamen täglich etwa 2 000 Übersiedler in die Bundesrepublik. Seit Januar waren es insgesamt 149 077 DDR-Bürger.
(Neues Deutschland, Mo. 26.03.1990)

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