DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Demonstrationen und Kundgebungen März 1990


Fr. 02.03.
Eine grün-lila Wahlkarawane mit entsprechend farbigen Barkassen und Bussen rollt vom 3. bis zum 14. März durch 22 Städte unseres Landes.

Wahlkampfkundgebung des Bundes Freier Demokraten in Leipzig.

Sa. 03.03.
SPD-Ehrenvorsitzender Willy Brandt begrüßt seine Anhänger in Erfurt und spricht sich für einen gerechten und sozial ausgewogenen Aufbau eines einigen Deutschlands aus.

In Wismar können sich die Wahlkämpfer aus der BRD die Mikrophone in die Hand geben. Nach Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg, Spitzname "der Klare aus dem Norden", von der CDU hat auch Außenminister Hans-Dietrich Genscher von der F.D.P. seinen Auftritt.

Am Vormittag hielten dort Bauern eine Kundgebung ab. Auch in Lübben demonstrieren Bauern.

Hans-Dietrich Genscher tritt auch in Rostock auf.

So. 04.03.
In Berlin besetzen am Morgen ca. 20-40 Künstler den Palast der Republik. Damit soll gegen die mangelten Auftrittsmöglichkeiten, alternativer Künstler protestiert werden. Am Abend werden Veranstaltungen durchgeführt. Mit der Volkspolizei wird eine Sicherheitspartnerschaft vereinbart.

Auf dem Berliner Alexanderplatz wird gegen Sozialabbau demonstriert.

Auf der Wahlkampfkundgebung der SPD in Waren/Müritz spricht Egon Bahr. Der SPD-Ehrenvorsitzende Willy Brandt tritt in Weimar auf.

Auf dem Rostocker Universitätsplatz versucht Außenminister Genscher den deutschen Nachbarn die Ängste vor einer Vereinigung von BRD und DDR zu nehmen. Wir Deutschen wollen doch nichts anderes, als in Frieden und Freiheit mit unseren Nachbarn leben, sagt er.

PDS-Vorsitzender Gysi empfiehlt seine Partei in Gera all jenen, die sich Sorgen über die soziale Zukunft machen. "Gewisse(n) Parteien und Allianzen" wirft er vor, dem Volk eine wichtige Wahrheit vorzuenthalten: Der "schnelle Weg zur deutschen Einheit" würde die Mehrheit der DDR-Bürger in eine wirtschaftliche Katastrophe stürzen.

In Rostock äußert, sich Bundesverteidigungsminister Stoltenberg (CDU). Bonn werde mit jeder frei gewählten DDR-Regierung zusammenarbeiten, erklärt er großzügig. Besser sei es aber, wenn zwischen beiden deutschen Staaten ein Gleichklang der Überzeugungen bestehe.

Wahlkampfveranstaltung des Bund Freier Demokraten in Cottbus (Choésebuz). Mit dabei Otto Graf Lambsdorff.

Der Grenzübergang Schlutup/Lübeck wird blockiert. Grund ist die Luftverschmutzung durch die Zweitaktmotoren der Autos nach der Grenzöffnung. Es wird eine Umgehungsstraße für den Ort gefordert.

Mo. 05.03.
In Falkenberg wird gegen die Übungsflüge vom sowjetischen Flughafen Lönnewitz aus demonstriert.

Nachdem in Leipzig am Vormittag Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen demonstriert haben, findet die obligatorischen Montagsdemonstration am Abend statt.

Letzte Montagsdemo in Bernburg (Saale).

Demonstriert wird auch in Neuruppin und Werdau.

Wahlkampfauftritt in Frankfurt von Norbert Blüm von der bundesdeutschen CDU.

Di. 06.03.
Zehntausende Magdeburger Bürger begrüßen den Bundeskanzler und Vorsitzenden der CDU der BRD, Helmut Kohl. Er spricht auf einer Wahlkundgebung der "Allianz für Deutschland", auf der sich auch die Vorsitzenden der Parteien dieses Wahlbündnisses, Schnur (Demokratischer Aufbruch), Ebeling (DSU) und de Maizière (CDU), an die Elbestädter wenden.

In Karl-Marx-Stadt erklärt der SPD-Ehrenvorsitzende Willy Brandt auf einer Pressekonferenz, Kohl habe sein in Dresden angekündigtes Sofortprogramm zur DDR-Unterstützung nicht verwirklicht.

Zu einer Demonstration vor der Volkskammer heute um 17 Uhr hat die Spartakist-Arbeiterpartei Deutschlands aufgerufen. Der Protest ist gegen den Gesetzentwurf für die Privatisierung von VEB gerichtet, der am 6. und 7. März behandelt werden soll. Die Organisatoren der Kundgebung wenden sich gegen alle Versuche, die volkseigenen Betriebe auszuverkaufen, so gegen die Regierungsverordnung für die Umwandlung der staatlichen Betriebe in Kapitalgesellschaften mit Aktienbeteiligung.

Mi. 07.03.
Gegen Neofaschismus wird in Karl-Marx-Stadt demonstriert.

Sa./So. 10./11.03.
Aus eigener Kraft oder mit Unterstützung durch BRD-Prominenz nutzen die 24 Parteien, andere politische Vereinigungen und Listenvereinigungen, die an der Volkskammerwahl teilnehmen, das Wochenende, um sich und ihre Programme den potentiellen Wählern vorzustellen.

Für die Durchführung eines Volksentscheids eines über eine neue Verfassung am 17. Juni plädierte Klaus Wolfram vom Neuen Forum (NF) aus Berlin auf einer Veranstaltung des Bündnis 90 (NF/DJ/IFM) am Sonnabendnachmittag auf dem Magdeburger Domplatz.

Gegen den bedingungslosen Anschluss der DDR an die BRD und für den Erhalt des sozialen Bestandes und Vermögens sprechen sich bei Wahlveranstaltungen Dr. Günther Maleuda (DBD), Manfred Flegel (NDPD) und Gregor Gysi (PDS) aus.

Gegen den "Schmutzwahlkampf" von CDU und CSU in der DDR protestiert Bundesgeschäftsführerin Anke Fuchs in Görlitz.

Für die Einheit aller linken Kräfte, gegen DDR-Ausverkauf sprachen sich am Sonntag im Zentrum von Karl-Marx-Stadt auf einer Wahlkundgebung Vertreter der Vereinigten Linken, der KPD, der Alternativen Jugendliste, der PDS und der NELKEN aus. Vor dem Karl-Marx-Monument zeigten die Teilnehmer rote und DDR-Fahnen sowie Plakate mit Gysi- und Modrow-Porträts.

Gegen "Deutschland, Deutschland über alles" und die Losung "Freiheit statt Sozialismus" wandte sich beispielsweise Dr. Werner Rössel von der KPD.

Atomkraftgegner aus beiden deutschen Staaten vereinten sich vor der Stendaler KKW-Baustelle zur ersten Anti- AKW-Demonstration in der DDR. Dem Aufruf der Grünen Partei waren etwa 6 000 Menschen gefolgt, die von dem in der Nähe gelegenen Dalchau aus friedlich vor die Baustelle zogen. Viele Demonstranten, zumeist westdeutsche, suchten mit Arbeitern das Gespräch über den Sinn oder Unsinn von Atomenergie.

Ingrid Fröhlich vom Neuen Forum forderte den sofortigen Baustopp. Die jahrzehntelange Politik der Verharmlosung habe aus der DDR beim Umweltschutz ein Entwicklungsland gemacht. Deshalb wollten Siemens und andere BRD-Betriebe in der DDR neue KKW bauen, um Höchstgewinne zu erzielen - KKW, die längst veraltet seien und in der BRD nicht mehr gebaut werden dürften. Das Geld sollte besser für umweltbewusste Produktionsmittel eingesetzt werden.

In einem Telegramm an die Teilnehmer brachte DDR-Minister Sebastian Pflugbeil seine Freude darüber zum Ausdruck, dass sich die Vernunft beginne durchzusetzen.

Zu einem kurzen Zwischenfall kam es bei einem Durchbruch von zum Teil bundesdeutschen Vermummten durch den Zaun auf die Baustelle. Nach Auskunft der Volkspolizei habe sich die Sicherheitspartnerschaft mit der Grünen Partei bewährt.

Mo. 12.03.
Die als letzte angekündigte Leipziger Montagsdemonstration vereinte noch einmal Zehntausende. Anhänger aller politischen Richtungen warben für die unterschiedlichsten Ziele und Wahlprogramme. Mit dem Ruf "Keine Gewalt!" sei die Revolution in Gang gebracht worden. Superintendent Magirius appellierte, das gemeinsam Begonnene auch gemeinsam fortzusetzen. Allerdings gab es gestern auch Aktionen neonazistischer Gruppen. Nur noch wenige tausend marschierten im Anschluss an die Kundgebung auf dem Ring um die Leipziger Innenstadt.

Demonstrationen und Kundgebungen finden in Dresden, Heiligenstadt, Hildburghausen, Magdeburg, Hoyerswerda, Schwarzenberg, Waren, Werdau, Wismar, Zittau und Zwickau statt.

Der Thüringer Landesvorsitzende des Demokratischen Aufbruch, Schulz, behauptet vor 2 000 in Erfurt Versammelten, die Vorwürfe gegen seinen Parteichef Schnur seien von der Stasi lanciert. Genauso, so Schulz, hätten sie z. B. Goethe eine Akte verpassen können. Auf dieser Kundgebung spricht auch Dr. Walter Wallmann (CDU), der hessische Ministerpräsident.

PDS-Chef Gysi tritt in Berlin für kostenlose Bildung und neue Formen der Begabtenförderung ein. Er spricht sich für vielfältige Schulformen, die jeweils die beste Entwicklung ermöglichen, aus.

Schließlich präsentiert sich am Frankfurter Tor in Berlin die Grüne Partei, Mitglieder verteilen Flugblätter und Plakate, die, wie betont wird, ohne westliche Hilfe entstanden. Die Mitgliedsstärke seiner Partei schätzt Hansel, Geschäftsführer, auf 6 000 bis 9 000, Tendenz steigend.

Di. 13.03.
Demonstrationen und Kundgebungen gibt es in Bad Frankenhausen, Karl-Marx-Stadt, Leinefelde, Neuruppin, Nordhausen, Stollberg und Zebst.

Die Währungsumstellung müsse noch in diesem Jahr, noch vor dem Sommer kommen und bedürfe keiner staatlichen Einheit, erklärt Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) vor etwa 50 000 Versammelten in Leipzig.

Beim Aktionstag der SPD-Berlin stellen sich Hans-Jochen Vogel, Walter Momper, Egon Bahr, Horst Ehmke und Johannes Rau gemeinsam mit Vertretern der SPD der DDR den potentiellen Wählern.

Seine Partei wolle mit ganzer Kraft für die Rechte der DDR-Bürger streiten, betont Gregor Gysi in Freiberg. Bei einer Vereinigung nach Artikel 23 des BRD-Grundgesetzes gingen jedoch viele Rechte der Einwohner der Republik verloren. Erstmals greift Hans Modrow in den Wahlkampf ein. Er spricht vor 50 000 Zuhörern in Neubrandenburg.

In Halle, einer Station der gemeinsamen Wahlkarawane von Grüner Partei und UFV durch 22 Städte der DDR, fordert Henry Schramm von der Grünen Partei dazu auf, den großen Parteien auf die Finger zu schauen, damit sie nach dem 18. März ihre Wahlversprechen halten.

Für einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes wirbt eine Wahlkundgebung der "Allianz für Deutschland" mit Bundeskanzler Kohl in der Cottbuser Innenstadt.

Mi. 14.03.
Mit den Worten "Nie wieder SED, nie wieder PDS und nie wieder Sozialismus" fasste der Vorsitzende der DSU, Hans-Wilhelm Ebeling, gestern auf der Leipziger Kundgebung der Allianz für Deutschland das Anliegen seiner Partei zusammen.

Im Anschluss an eine Kundgebung der Allianz für Deutschland kam es am Mittwoch kurz nach 19.00 Uhr auf dem Gelände der Leipziger Karl-Marx-Universität (KMU) zu tätlichen Auseinandersetzungen. Nach vorläufigen Angaben der Polizei wurden drei Personen verletzt, darunter eine Schwangere. Augenzeugen setzten die Zahl der Verletzten höher an. Die Schnelle Medizinische Hilfe wurde eingesetzt.

Studenten, die sich vor Ort befanden, schilderten, dass Kundgebungsteilnehmer das Dach des Studentenklubs Moritzbastei stürmten und Gegner der deutschen Einheit jagten. Eine DDR-Fahne wurde verbrannt. Danach versuchten etwa 150 Randalierer, gewaltsam in die KMU-Studenten-Mensa einzudringen, um gegen dort vermutete Teilnehmer einer Gegendemonstration vorzugehen. Mensagäste sprachen von einer Hatz, die von dem Ruf "Rote raus" begleitet war und erst nach einer-halben Stunde durch die Polizei beendet wurde.

Augenzeugenbericht eines Studenten
"Helmut, Helmut...", die Jubelrufe am Mittwochabend waren kaum verstummt, die Augen noch feucht ob der rührseligen Worte des Herrn Bundeskanzlers zu "Einigkeit und Recht und Freiheit", da begann die Jagd, "ein paar Rote auf mischen", Freizeitsport für Leipzigs Rechtsradikale. Im Sturm-Abteilungsstil wurde die Studentenmensa der Karl-Marx-Universität überfallen. Nach der Kundgebung zogen etwa 150, vorwiegend jugendliche Randalierer zum Studentenklub Moritzbastei und verbrannten johlend eine DDR-Fahne.

Mit einem steinernen Papierkorb wurden die Mensatüren eingeschlagen. Rufe: "Rot Front verrecke" und "Ausländer raus". Geradezu erschreckend, aber leider nicht neu, die Unfähigkeit der Polizei. Aufgebrachten Studenten, besonders ausländischen Kommilitonen gegenüber, antworteten Polizeioffiziere nur schulterzuckend.

Halle. Vielen Fragen der Bürger des Bezirkes Halle, einem an ökonomischen und sozialen Konflikten besonders reichen Territorium, stellte sich gestern PDS-Vorsitzender Gregor Gysi. "Umweltprobleme lassen sich nur lösen, wenn gleichzeitig soziale Probleme angefasst werden. Nur für wenige Betriebe der DDR gibt es keine Chance", erklärte Gregor Gysi. Auf Fragen nach den Prozenten der PDS bei den Wahlen und möglichen Koalitionen antwortete der PDS-Vorsitzende: "Die Zeit, wo wir die Wahlergebnisse vorher kannten, ist vorbei. Ich glaube aber auch an keine bisher veröffentlichten Umfrageergebnisse."

Auf dem Berliner Alexanderplatz, wo sich Kandidaten der SPD den Fragen einer kleinen Zuhörerschaft stellten, rief auch der Westberliner SPD-Chef Walter Momper zur Wahl von Liste 20 auf. Zum Prozess der deutschen Einigung angesprochen sagte er, die DDR müsse ihre Interessen definieren und diese in eine neue Verfassung oder ein überarbeitetes Grundgesetz einbringen. Gestern sind erste internationale Wahlbeobachter in Berlin eingetroffen - zehn Abgeordnete des Europarates.

Bei einer Kundgebung in Berlin (West) wandten sich gestern Hunderte Westberliner und DDR-Bürger gegen eine bedingungslose Einverleibung der DDR durch die Bundesrepublik. Torsten Schramm von der "Bürgerinitiative grenzenloses Unbehagen" aus Berlin (West) sprach auf dem Breitscheidplatz von einem entwürdigenden Umgang mit der DDR.

Ingrid Köppe (Neues Forum) wandte sich dagegen, dass die DDR zur Kopie der Bundesrepublik werde. Für den Unabhängigen Frauenverband kritisierte Ina Merkel die "Souffleure und Regisseure der Wahlkampfoper" in der DDR, durch die Eigenständiges in Kultur und Lebensweise der DDR-Bürger missachtet werde.

Do. 15.03.
Vor dem Gebäude des Ministerrats in Berlin demonstrieren mehr als 1 000 Abiturienten gegen die in diesen Tagen erhaltene Ablehnung ihrer Studienbewerbung.

In Guben demonstrieren Bauern.

Fr. 16.03.
Die Mülldeponie in Dankritz wird besetzt.

Die Bürgerinitiative Kreis Auerbach ruft zu einer Kundgebung auf.

Der SPD-Ehrenvorsitzende Willy Brandt tritt auf einer Wahlkundgebung in Wismar auf.

BRD-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (F.D.P.) spricht auf einer Wahlkampfkundgebung in Leipzig.

Sa. 17.03.
Letzte Demonstration in Plauen.

Do. 22.03.
Auf einer Kundgebung vor dem Rostocker Rathaus wird der Rücktritt des Stadtschulrates und des Oberbürgermeisters gefordert.

Do. 29.03.
Einige zehntausend Menschen kommen zu Demonstrationen in mehreren Städten der DDR zusammen, um eine sofortige Überprüfung der Volkskammerabgeordneten auf ihre eventuelle Stasi-Vergangenheit zu fordern.

Es sei verhängnisvoll, so Werner Schulz vom Neuen Forum, wenn die Staatsanwaltschaft eine Überprüfung aller Abgeordneten als verfassungswidrig erkläre. In Berlin verliest er einen "Offenen Brief der Volkskammerfraktion Bündnis 90/Grüne" an alle im Parlament vertretenen Parteien, sich der Überprüfung ihrer Akten zu stellen. Wolfgang Templin von der Initiative Frieden und Menschenrechte betont eindringlich, es gehe jetzt darum, ob im Lande eine Demokratie durchgesetzt werden könne oder nicht. Deutlich sprechen sich verschiedene Redner dagegen aus, Rache oder Vergeltung gegen ehemalige Stasi-Mitarbeiter zu schüren.


Alle Angaben sind Auszüge aus den Chronikseiten März 1990 www.ddr89.de. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

Δ nach oben