Für die Schaffung einer einheitlichen Branchengewerkschaft im vereinten Deutschland hat sich die Zentraldelegiertenversammlung der IG Chemie, Glas und Keramik ausgesprochen. Auf der Tagung, die am vergangenen Freitag und Sonnabend [27./28.04] in der Bernauer Gewerkschaftshochschule stattfand, wurde ein entsprechender Antrag mit überwältigender Mehrheit angenommen. Die Kooperation in gemeinsamen Ausschüssen soll in eine Fusion mit der bundesdeutschen Industriegewerkschaft Chemie, Papier und Keramik münden.
Die 276 Delegierten wählten einen neuen Geschäftsführenden Hauptvorstand. Hartmut Löschner wurde in seinem Amt als Vorsitzender bestätigt. Der Wahl war am Freitag ein Sitzungsmarathon vorausgegangen. Bis in die Nachtstunden dauerte die Diskussion über den Rechenschaftsbericht des alten Zentralvorstandes, den Finanzbericht und die Kandidatenliste für den neuen Hauptvorstand.
In seinem Bericht an die Konferenz bekannte sich Hartmut Löschner zur Einheit Deutschlands und zur Marktwirtschaft. "Wie sozial die Marktwirtschaft sein wird, hängt auch von unserer Industriegewerkschaft ab", meinte er. In diesem Zusammenhang verwies er auf Erfolge in der ersten Tarifrunde wie das Rationalisierungsschutzabkommen, das 13. Monatsgehalt und die Schichtzuschläge für Lehrlinge. Ziel bleibe die 40-Stunden-Woche.
Eindeutig sprach sich der IG-Vorsitzende für das Betriebsrätesystem aus. Die Tage des Gewerkschaftsgesetzes seien gezählt, deshalb müsse schnellstens ein Betriebsverfassungsgesetz verabschiedet werden. Demokratisch legitimierte Gewerkschaftsleitungen sollten die Basis für Betriebsräte bilden.
Erregte Diskussionen gab es um die Abführung an den FDGB-Dachverband. Statt 12 Prozent - wie ist Vorfeld der Tagung beschlossen - werden nur fünf Prozent der Einnahmen abgeführt. Weiterhin wurde der Dachverband aufgefordert, bis zum 1. Juni 1990 darzulegen, wie die Gelder verwendet werden. Sollte dieses nicht geschehen, stellt die IG die Zahlungen ein.
Am Sonnabend verabschiedeten die Delegierten Satzung und Programm der Industriegewerkschaft. "Wir haben eine neue Gewerkschaft gegründet", meinte ein Delegierter aus Bernburg. Aus Sorge um den Erhalt von Arbeitsplätzen appellierten die Tagungsteilnehmer in einem Brief an die Regierung, Maßnahmen für den Schutz des Binnenmarktes zu schaffen. Sonst käme bald das "Aus" für die DDR-Haushaltschemie und DDR-Kosmetik.
Auf einer Pressekonferenz am Sonnabend mit Hartmut Löschner und Hermann Rappe, Chef der Schwestergewerkschaft in der Bundesrepublik, sprachen sich beide nochmals für die Einheit der Gewerkschaft aus. Rappe sieht aber noch "rechtstechnische Probleme" bei einer Fusion. Nach BRD-Recht müsse jedes einzelne Mitglied über die Vereinigung entscheiden. Wann kommt die Fusion? "Uns treibt niemand, Ruhe und Augenmaß sind unbedingt notwendig", antwortete der Gast aus der Bundesrepublik.
(Tribüne, Mi. 02.05.1990)
Die IG Chemie, Glas und Keramik hat sich für die Fusion mit der BRD-Partnerorganisation IG Chemie/ Papier/Keramik und die Schaffung einer einheitlichen Industriegewerkschaft ausgesprochen. Auf der Außerordentlichen Zentraldelegiertenkonferenz in Bernau bevollmächtigten die 276 Delegierten am Wochenende einstimmig den Hauptvorstand, Kommissionen zur Klärung der Sachfragen zu bilden. Der 44jährige Hartmut Löschner wurde erneut mit der Leitung der 530 000 Mitglieder starken IG betraut.
Auf der Tagung, die im Zeichen von Debatte und Beschlussfassung über zahlreiche Grundsatzanträge, eine neue Satzung und ein neues Programm stand, sprachen sich die Delegierten mit großer Mehrheit für eine Vereinigung DDR-BRD nach
Artikel 23 des Grundgesetzes aus. Unterstützung in dieser Frage fanden sie beim Vorsitzenden der IG Chemie/Papier/Keramik der BRD, dem SPD-Bundestagsabgeordneten Hermann Rappe.
Die Gewerkschafter fordern einen Umtauschkurs von 1:1 für Löhne, Gehälter und Sparguthaben. Ausländische Geldanleger sollten Vorzugsbedingungen erhalten, wenn ihre Investitionen Arbeitsplätze sichern oder schaffen. In einem Brief an Ministerpräsident de Maizière wird auf Sofortmaßnahmen zum Schutze des Binnenmarktes gedrängt.
(Neues Deutschland, Mo. 30.04.1990)
Der Antrag, eine Urabstimmung über die Vereinigung der beiden Gewerkschaften durchzuführen, wurde von den Delegierten abgelehnt. Abgelehnt wird auch ein Antrag, die Einheit DDR-BRD nach Art. 146 Grundgesetz zu vollziehen.
Hartmut Löschner wurde mit 233 Stimmen in seinem Amt bestätigt.
Das Zusammengehen solle "zügig und schnell, aber ohne Hast" erfolgen, sagte Hermann Rappe in seiner Rede vor den Delegierten.
In einer Rede am 28.02.1990 sagte der Vorsitzende der DGB-Gewerkschaft Chemie-Papier-Keramik, Hermann Rappe: "Zu den ersten Aufgaben in der dann beginnenden kooperativen Phase gehört die Mitberatung beim Satzungsentwurf der IG Chemie, Glas und Keramik, um so erkennen zu können, ob eine spätere Fusion erreichbar sei."
Am 30.04.1990 begrüßt der Hauptvorstand der IG Chemie-Papier-Keramik die Beschlüsse auf dem Kongress der IG Chemie, Glas und Keramik.