DDR 1989/90Brandenburger Tor


Di. 15. Mai 1990


Die Trabi-Ära geht zu Ende: Der knatternde Zweitakter mit der Typenbezeichnung 601 kann in der DDR bald nicht mehr als Neuwagen gekauft werden.

Wie der Sprecher des Zwickauer VEB Sachsenring, Fred Bärbock, gestern auf Anfrage mitteilte, wurde zum Wochenanfang die Produktion um ein Drittel gesenkt. Die Fahrzeuge sind ausschließlich für den Export in die Länder des früheren Ostblocks gedacht. In der DDR wird es nur noch den Trabant 1.1 zu kaufen geben, der zwar noch die typische Silhouette, aber einen VW-Motor und ein neues Getriebe hat. Dieser Wagen geht in der kommenden Woche in die Produktion.

Gegenwärtig gehen nach Auskunft Bärbocks die letzten Exemplare in den Vertrieb. Wer den zwischen 11 000 und 15 000 Ost-Mark teuren Wagen am Werktor abholt, bekommt 400 Mark Rabatt.
(Berliner Zeitung, Mi. 16.05.1990)

Anpassungs- und Harmonisierungsmaßnahmen für die Textil- und Bekleidungsindustrie kündigten Wirtschaftsminister Dr. Gerhard Pohl und Handelsministerin Sybille Beider gestern vor Journalisten in Berlin an.

Laut Pohl seien die Maßnahmen im abgeschlossenen Entwurf zum Staatsvertrag fixiert und beträfen Preisbildung, Abgabepolitik sowie Kredit- und Investitionsfördermaßnahmen. Außerdem sehe er im Handel mit der Sowjetunion und dem RGW Möglichkeiten für Betriebe, die sich objektiv nicht schnell genug auf die Marktwirtschaft umstellen könnten. Trotzdem werde es Wirtschaftsbereiche geben, die auf Grund ihrer überdimensionierten Größe für die DDR nicht mehr am Markt zu halten sind, sagte Pohl. Deshalb arbeite man zusammen mit dem Ministerium für Arbeit und Löhne an Umschulungsprogrammen. Die Handelsministerin Sybille Reider verwies auf Maßnahmen, die das zur Zeit „schiefe Preisgefüge" richten sollen. Sie hoffe, dass dazu heute Festlegungen im Ministerrat getroffen würden.
(Berliner Zeitung, Mi. 16.05.1990)

Die Zahl der Arbeitslosen in der DDR dürfte inzwischen 100 000 überschritten haben. Diese Einschätzung traf der Vorsitzende des Arbeitslosenverbandes der DDR, Dr. Klaus Grehn, in einem Interview. Zu den 39 000 Anfang April gezählten Antragstellern auf Arbeitslosengeld kämen etwa 50 000 Arbeitslose in den grenznahen Gebieten, "die sich als Zeitjobber ihr Geld verdienen". Weitere Zehntausende hätten ihre Entlassung schon in der Tasche, ließen sich aber noch nicht registrieren, weil sie noch Übergangszahlungen erhalten. Nach der Entlassung von Mitarbeitern der Staatssicherheit und Beschäftigten im SED- und Staatsapparat betreffe die "dritte Welle der Arbeitslosigkeit" neben dem Verwaltungsapparat vor allem Facharbeiter aus Industriebetrieben.
(Neue Zeit, Mi. 16.05.1990)

Hilferufe von Betriebsdirektoren an den Magistrat: "Wir können, uns unsere Berufsschule nicht mehr leisten!" Die uns überrollende Marktwirtschaft fordert auch im Bereich der theoretischen Berufsausbildung sowie der Aus- und Weiterbildung von Facharbeitern und Meistern ihren Tribut.

Was tun? Die noch amtierende Berliner Stadtregierung hat beschlossen, Betriebs- und Betriebsberufsschulen auf Antrag - mehrere liegen vor - in kommunale Berufsschulen umzuwandeln. Die berufspraktische Ausbildung von Lehrlingen erfolgt weiter hin in Verantwortung der Betriebe. Ein Trost für die in den bisherigen Ausbildungsstätten Beschäftigten: Um seinen Arbeitsplatz soll sich niemand sorgen müssen. Alle Verträge zu Werterhaltung, Versorgung und Reinigung der Objekte, darunter der Lehrlingswohnheime, behalten ihre Gültigkeit.
(Neues Deutschland, Mi. 16.05.1990)

Zehn Millionen Mark stellt der Rat des Bezirkes Erfurt noch für das erste Halbjahr für die konfessionellen Kindergärten bereit. Damit erhalten diese kirchlichen Einrichtungen gleiche Zuwendungen wie staatliche Kindergärten. Eine entsprechende Vereinbarung wurde am Dienstag vom Rat mit Vertretern der evangelischen Kirche der Stadt Erfurt entsprechend einer Anregung des Runden Tisches des Bezirkes getroffen.
(Neue Zeit, Mi. 16.05.1990)

Die Bonner Regierung will die deutsche Einheit mit Hilfe einer Anleihe finanzieren. Wie das Bundesfinanzministerium gestern bestätigte, werde die Überlegung geprüft, die finanzielle Hilfe für die DDR über einen kreditfinanzierten Fonds bereitzustellen. Der Kapitalbedarf zur Finanzierung der deutschen Vereinigung lasse sich „ohne Verspannungen" am heimischen Markt decken, hieß es. Dabei könnten auch ausländische Anleger zum Zuge kommen.
(Berliner Zeitung, Mi. 16.05.1990)

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