DDR 1989/90Brandenburger Tor


Do. 3. Mai 1990


"Täglich gehen bei uns Briefe und Fernschreiben vom Groß- und Einzelhandel ein, die ihre Verträge stornieren. Für das zweite Halbjahr will niemand mit uns abschließen. Da können wir dichtmachen." Bittere Worte der BGL-Vorsitzenden Ursula Sabrowske der Weißenfelser Schuhfabrik "Banner des Friedens". Sie marschierte an der Spitze der mehrere tausend Streikenden, die sich auf der Merseburger Straße versammelten. Seit Mitte April hatten die Schuhwerker an den Ministerpräsidenten, den Wirtschaftsminister und die Volkskammerpräsidentin geschrieben - keine Reaktion, nun platzte den Gewerkschaftern der Kragen.

"40 Jahre lang durften wir keinen eigenen Vertrieb aufbauen, nun wendet sich der Großhandel von heute auf morgen von uns ab." So Betriebsdirektor Bernd-Rüdiger Zutz, der mit beim Streik dabei war, dem die Arbeiter aber die "Legitimität", absprechen. Die Schuhfabrik hat derzeit Mehrbestände von 900 000 Paar Schuhen - andererseits beklagen Bürger, dass es in den Laden keine Schuhe zu kaufen gibt.

Die Schuhwerker fordern etwas Zeit für die Umstellung und mehr Freiheit bei der Preisbildung. Die 28jährige Arbeiterin Karlitta Kurzhals ist bereit, buchstäblich alles mitzumachen, um ihren Arbeitsplatz zu erhalten. "Wenn gar nichts mehr geht, müssen wir eben versuchen, die Solidarität derer zu gewinnen, in deren Betrieben es noch nicht so ernst aussieht." Zu starken Betriebsräten und starken Gewerkschaften bekannten sich deshalb alle Redner.

Am Donnerstagnachmittag legten auch Beschäftigte der Hirschberger Lederfabrik, der Lederwerke und der Schuhfabrik in Weida, der Schuhfabriken in Erfurt, Stadtilm, Bad Langensalza, Lobenstein, Lauchhammer, Hohenleuben, Ehrenfriedersdorf, Eppendorf und Lößnitz sowie in Berlin zeitweise die Arbeit nieder.
(Neues Deutschland, Fr. 04.05.1990)

Wird es auch künftig eine eigenständige DDR-Gewerkschaft als übergreifende Interessenvertretung aller im Gesundheits- und Sozialwesen Tätigen geben oder nicht? Diese Frage stand im Mittelpunkt der außerordentlichen Delegiertenkonferenz der Gewerkschaft Gesundheit und Sozialwesen, die am Mittwoch und Donnerstag in Berlin stattfand. Die Mehrzahl der Delegierten, die 460 000 Mitglieder vertraten, sprach sich für Eigenständigkeit aus und plädierte für eine Kooperation mit der ÖTV der BRD. Zum neuen Vorsitzenden des Zentralvorstandes wurde der Ärztliche Direktor der Betriebspoliklinik des KKW Greifswald, Dr. sc. Richard Klatt, gewählt.
(Neues Deutschland, Fr. 04.05.1990)

Die Regierung sei nicht bereit, vor der Währungsunion Einkommenserhöhungen für Eisenbahner vorzunehmen. Über dieses Ergebnis eines Gespräches mit Verkehrsminister Horst Giptner informierte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Eisenbahner (GdE), Peter Rothe, den Vorstand. In dem Gespräch sei es um die von der GdE geforderte Einkommenserhöhung für alle Beschäftigten der Deutschen Reichsbahn von 300 Mark Netto pro Monat ab 1. Mai sowie die Einführung der 40-Stunden-Arbeitswoche mit vollem Lohnausgleich gegangen.
(Berliner Zeitung, Fr. 04.05.1990)

Rund 5 000 vietnamesische Gastarbeiter haben nach Angaben von Tran Manh Tuan, Leiter des Arbeitskräftestabes der SRV in der DDR, keine Beschäftigung. Dieses Schicksal trifft damit etwa jeden elften, nachdem rund 4 000 Vietnamesen über die durchlässige deutsch-deutsche Grenze nach dem Westen geflohen sind, wie Tuan der Hanoier Zeitung "Nhan Dan" in einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht mitteilte.
(Neues Deutschland, Fr. 04.05.1990)

Für die Abschaffung der Wehrpflicht, für eine DDR ohne Armee und für ein entmilitarisiertes Deutschland demonstrierten am Donnerstag etwa 200 junge Männer und Frauen in Berlin. Sie forderten auf Transparenten und in Sprechchören, keine Kriminalisierung von Totalverweigerern zuzulassen.

Es bestehe in der DDR die einmalige Chance, alle Wehr- und Wehrersatzdienste abzuschaffen, sagte Michael Frenzel vom Freundeskreis Wehrdiensttotalverweigerer vor Beginn der Demonstration.

Der Freundeskreis der Wehrdiensttotalverweigerer will durch Totalverweigerung von Wehr- und Zivildienst die Wehrpflicht ganz abschaffen. Seiner Auffassung nach ist die seit 1. März 1990 in Kraft getretene Verordnung über Zivildienst ein erneuter Versuch, die Wehrpflicht zu legalisieren.
(Neue Zeit, Fr. 04.05.1990)

Von einem besorgniserregenden Maße an antisemitischen Tendenzen in der DDR zeugen die jüngsten Schmierereien in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde. Darauf verweist der Vorstand der Gesellschaft DDR-Israel am Donnerstag in einem Protestschreiben. Diesen Tendenzen müsse energischer entgegengetreten werden, heißt es in dem Schreiben. "Gerade der Jugend sollte an diesem Beispiel die besondere deutsche Verantwortung gegenüber den Juden vor Augen geführt werden."
(Neue Zeit, Fr. 04.05.1990)

Der Straßenmarkt ließ sich nicht lange Zeit. Nachdem mit Blick auf die am 1. Juli in Kraft tretende Währungsunion DDR-Banken wie vereinbart - nur noch zwei statt drei Ost-Mark pro West-Mark zahlen, stieg auch bei den fliegenden Händlern der Preis für Ost-Geld. Rund um den Bahnhof Zoo und den Bahnhof Friedrichstraße wurden gestern manchmal nur noch 250 DDR-Mark für 100 DM gezahlt, tags zuvor waren es rund 100 DDR-Mark mehr. In der DDR-Hauptstadt sind es neben Bürgern aus dem eigenen Land vor allem andere Osteuropäer, die DDR-Mark für Zloty, Lei oder Kronen gekauft haben und nun auf den Wechsel in harte Mark setzen.
(Berliner Zeitung, Fr. 04.05.1990)

In Warschau findet ein Gespräch zwischen den Regierungsvertretern Polens, der DDR und der BRD über die Frage der polnischen Westgrenze statt.

Die polnische Seite wünscht einen Vertrag schon vor der Vereinigung auszuarbeiten und zu paraphieren.

Die bundesdeutsche Seite schlägt eine Erklärung beider deutschen Parlamente vor.

Was von der polnischen Seite nicht abgelehnt, aber als nicht ausreichend angesehen wird.

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