DDR 1989/90Brandenburger Tor


Fr. 4. Mai


Das Amt des DDR-Ministerpräsidenten hat am Freitagabend massiv Forderungen der im Dachverband FDGB organisierten Industriegewerkschaften und Gewerkschaften zurückgewiesen. Diese hatten in einem offenen Brief an den Premier unter anderem eine Anhebung des durchschnittlichen Nettolohnes mit Einführung der Währungsunion um 50 Prozent angemahnt. Ferner traten die Gewerkschaften nachdrücklich, für die sofortige Einführung der 38-Stunden-Arbeitswoche bei vollem Lohnausgleich ein.

Um diese Probleme zu erörtern, sei für heute ein Gespräch mit dem FDGB vereinbart worden, teilte das Amt des Ministerpräsidenten mit. "Sinkende Arbeitsproduktivität und dadurch geringere Betriebsergebnisse", so das Amt des Ministerpräsidenten weiter, "sollten jeden auch nur ansatzweise ökonomisch Denkenden davor bewahren, die Situation noch durch Arbeitskampfmaßnahmen zu verschärfen. Die Regierung wird alles tun, um sozial verträgliche Lösungen für die Menschen zu finden. Daran wird sie sich auch nicht von unvernünftigen Gewerkschaftsführern hindern lassen."

Inzwischen hat auch die Hauptgeschäftsstelle der Gewerkschaft Land, Nahrungsgüter und Forst (GLNF) im Namen ihrer 600 000 Mitglieder energisch gegen die Festlegung des Beschlusses zur Währungsunion protestiert, dass der 1. Mai 1990 als Stichtag für die Umstellung der Bruttobeträge der Löhne und Gehälter im Verhältnis 1:1 gelten soll. Das würde u.a. bedeuten, so heißt es in einer Erklärung, dass die vom ehemaligen Ministerrat der DDR am 1.2.1990 beschlossene und von den Tarifpartnern bereits durch entsprechende tarifrechtliche Regelungen untersetzte Weiterführung der Produktivlöhne für 141 000 Werktätige der Land- und Nahrungsgüterwirtschaft mit einem Volumen von 226 Millionen Mark für 1990 nicht lohnwirksam wird.

Die IG Textil, Bekleidung. Leder hat mit landesweiten Warnstreiks am 10. Mai gedroht, falls ihre Forderungen bei der Regierung kein Gehör finden. In einer von der 12. Zentralen Delegiertenkonferenz am Sonnabend in Berlin verabschiedeten Erklärung werden dringend Schritte zur Sicherung der Arbeitsplätze verlangt. Das Ausbleiben einer Reaktion des Wirtschaftsministeriums, das am Vortag durch eine Delegation der Gewerkschafter nachdrücklich auf die Probleme hingewiesen worden war, stieß auf heftige Empörung bei den rund 300 Konferenzteilnehmern.
(Berliner Zeitung, Mo. 07.05.1990)

Die Gräber von Bertolt Brecht und Helene Weigel sind in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend geschändet worden. An die Mauer hinter der letzten Ruhestätte der weltbekannten Künstler schmierten Unbekannte mit weißer Farbe "Juden raus". Brechts Grabstein wurde mit der Aufschrift "Saujud" verunstaltet.

Die Schändung hat große Betroffenheit ausgelöst Barbara Schall-Brecht bezeichnete die Schmiererei als puren Antisemitismus. Tief betroffen mache sie, dass solcher Radikalismus so schnell wieder hoch schwappt.

Die Kriminalpolizei hat am Samstag den Tatort unverzüglich untersucht und gesichert. Nähere Erkenntnisse über den oder die Täter liegen noch nicht vor.

Unbekannte beschmierten auch die Mauer des Friedhofes der Jüdischen Gemeinde "Adass Jisroel".
(Neues Deutschland, Mo. 07.05.1990)

In Berlin findet eine Demonstration für Wehrdiensttotalverweigerung statt. U.a. hält Bärbel Bohley vom Neuen Forum dort eine Rede.

Δ nach oben