DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Fr. 29. September


In seiner Rede vor der UNO-Vollversammlung in New York geht DDR-Außenminister Oskar Fischer auf den Massenexodus von DDR-Bürgern nicht ein, betont jedoch, ohne den Adressaten BRD offen zu nennen:

"(...) sich unter dem Deckmantel der Humanität unter Verletzung der Hoheitsrecht anderer Staaten eine sogenannte Obhutspflicht für deren Bürger anzumaßen, muss Konflikte provozieren, die Zusammenarbeit im Herzen Europas untergraben, sogar den Frieden gefährden. (...)"
(ND, 30.9./1.10.1989)

Gewerkschaftsmitglieder im Berliner VEB Bergmann-Borsig wenden sich mit einem Offenen Brief an den FDGB-Vorsitzenden Harry Tisch:

"Stellvertretend für den überwiegenden Teil von 480 Gewerkschaftsmitgliedern wenden wir, Vertrauensleute und AGL-Funktionäre der AGL-TK (Technischer Bereich) des VEB Bergmann-Borsig, Berlin, uns mit diesem Offenen Brief an Sie, um auf einige sich in letzter Zeit verschärfende Probleme in unserer Arbeit hinzuweisen. Wir tun das in der Überzeugung, dass Sie in Ihrer Eigenschaft als Vorsitzender des FDGB-Bundesvorstandes und Mitglied des Politbüros des ZK der SED Einfluss auf die Überwindung der im Folgenden dargelegten Situation ausüben können.

Mit großer Aufmerksamkeit verfolgen wir Gewerkschaftsmitglieder die derzeitige politische Entwicklung in unserem Lande. Viele unserer Kollegen treten zunehmend kritisch auf und bekunden Befremden und Unzufriedenheit. Insbesondere stößt die offizielle Interpretation der politischen Realität und aktueller Geschehnisse durch die Massenmedien der DDR mehr als bisher auf Unverständnis. Es liegt auf der Hand, dass sich in einem derartigen Stimmungsklima Wettbewerbsmüdigkeit und nachlassende Leistungsbereitschaft breit machen, wie es zum Beispiel bei der Plandiskussion 1990 zutage trat.

In Diskussionen ist eine nahezu einhellige Ablehnung der Art und Weise festzustellen, wie Presse, Rundfunk und Fernsehen tief greifende und die Werktätigen bewegende aktuelle politische Probleme abhandeln oder zum Teil verschweigen. Dabei wird in keiner Weise der Tatsache Rechnung getragen, dass es sich bei unseren Menschen um politisch urteilsfähige, mündige sozialistische Persönlichkeiten handelt, die einen Anspruch auf objektive Informationen haben.

Besonders krass kommt im Zusammenhang mit der legalen und illegalen Ausreise vieler unserer Mitbürger in die BRD zum Ausdruck, wie weit Realität und Propaganda voneinander entfernt sind. Inzwischen sind auch aus unseren Reihen schmerzliche Verluste zu beklagen. Verlassen haben uns Menschen, die in unseren Schulen eine sozialistische Erziehung erhielten und die in unserem Land eine gesicherte Existenzgrundlage hatten.

Es trifft nicht im Entferntesten die Überzeugung und Empfindungen der Mehrzahl unserer Kollegen, wenn die Medien nach peinlichem Schweigen nun den Versuch unternehmen, die Abkehr so vieler unserer Menschen ausschließlich als Machwerk des Klassengegners zu entlarven, bei dem diese DDR-Bürger nur Opfer oder Statisten sein sollen.

Wir sind auch nicht der Meinung, dass es nützlich ist, die Minderheit prozentual zu errechnen und im Übrigen davon auszugehen, dass die hier Gebliebenen die Zufriedenen seien. Bei Anhalten dieser Situation werden über kurz oder lang schwerwiegende Folgen für viele Bereiche unserer Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben eintreten. Wir halten es deshalb für dringend erforderlich, dass die wahren Gründe, die zum Weggang unserer Bürger führen, sorgfältig und ehrlich untersucht und diskutiert werden.

Einer der Gründe ist mit Sicherheit die unzureichende ökonomische Stärke der DDR und die gesamte daraus resultierende Palette an Restriktionen für unsere Menschen, ein anderer das gestörte Vertrauensverhältnis der Bevölkerung zum Staat und seiner führenden Partei.

Kollege Tisch, wir wenden uns an Sie, weil wir um die Entwicklung unseres Landes besorgt sind und nach Wegen suchen, weiteren Schaden abzuwenden. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie Ihre ganze Kraft und die Ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten einsetzen, um den öffentlichen Dialog über dringend notwendige Veränderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen einzuleiten und durchzusetzen. Dabei kommt nach unserer Überzeugung dem Einfluss der Gewerkschaft entscheidende Bedeutung zu. Wir müssen den Menschen neue Perspektiven bieten, die es ermöglichen, das bisher Erreichte auf der Basis wirklich individueller Einflußnahme weiterzuentwickeln. Der Sozialismus muss zu einer neuen Attraktivität entfaltet werden, die alle motiviert, sich mit ihm zu identifizieren.

Wir und unsere Mitglieder wären Ihnen für eine baldige Antwort dankbar."

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR 1. Folge 2. Auflage Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0582-4

Zu dem Treffen in einer Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg kommen Vertreter der Initiative zur Gründung des Demokratischen Aufbruch, Demokratie Jetzt, Initiative Frieden und Menschenrechte, dem Neuen Forum und der Initiative zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR. Anwesend sind auch drei Personen von den bundesdeutschen Grünen und der Alternativen Liste (AL) aus Berlin. Von der AL gelingt es nur zwei Mitgliedern in die DDR-Hauptstadt einzureisen. Die Anderen werden an der Grenze abgewiesen.

Vom Ministerium für Staatssicherheit wird eine "Übersicht über Personen, die aktiv an der Herausbildung der sogenannten Bürgerinitiative 'Neues Forum' beteiligt sind und mit denen Vorbeugungsgespräche geführt werden sollten", erstellt.

Δ nach oben