DDR 1989/90Brandenburger Tor


Fr. 1. September 1989


Die 7. Tagung des Zentralkomitees beschließt, in der Zeit vom 1. September bis 31. Dezember 1989 in den Grundorganisationen der SED den Umtausch der Mitgliedsbücher und Kandidatenkarten durchzuführen.

Die Ausgabe neuer Parteidokumente, die nach Bestätigung durch die Mitgliederversammlung der Grundorganisation der SED erfolgt, ist erforderlich, weil für die Mehrheit der Mitglieder im Jahre 1990 die Gültigkeit ihrer Dokumente abläuft.

Der Umtausch der Mitgliedsbücher und Kandidatenkarten, der mit der Durchführung von persönlichen Gesprächen mit allen Mitgliedern und Kandidaten der SED verbunden ist, dient zugleich der Vorbereitung des XII. Parteitages der SED, der weiteren Erhöhung der führenden Rolle der Partei und der Stärkung ihrer Kampfkraft bei der Verwirklichung der Beschlüsse des XI. Parteitages der SED. Er trägt dazu bei, die Einheit und Geschlossenheit ihrer Reihen zu festigen und die Massenverbundenheit der Partei weiter zu vertiefen.

Das Politbüro des Zentralkomitees der SED wird beauftragt, die notwendigen politischen und organisatorischen Maßnahmen zur Vorbereitung und Durchführung des Umtausches der Parteidokumente festzulegen.
(Neues Deutschland, Sa. 03.12.1988)

Am 24.11.1989 beschließt das Politbüro des ZK der SED die Ausgabe neuer Parteidokumente zu verschieben.
(Junge Welt, Sa. 25.11.1989)

Mit der Verlegung der ersten DDR-Flüchtlinge aus Budapest in das Lager Zanka am Plattensee gingen am Freitag die Vorbereitungen für die geplante Massenausreise in die Bundesrepublik in ihr entscheidendes Stadium. Behörden und Hilfsorganisationen in Ungarn und Österreich bereiten sich intensiv auf die Aktion vor. Ein Sprecher der ungarischen Grenzwachen sagte am Freitag in Budapest, an der Grenze zu Österreich seien die Beamten jederzeit bereit, "eine drastisch ansteigende Zahl von Ausreisenden abzufertigen".

Ein Sprecher des Roten Kreuzes in Wien sagte, man sei von der bundesdeutschen Botschaft gebeten worden, die Betreuung der Flüchtlinge beim Transit durch Österreich zu übernehmen.

Derweil steigt die Zahl der in Budapest registrierten DDR-Flüchtlinge täglich um etwa 200 bis 300 an.

Derzeit, so ein Vertreter des Malter-Hilfsdienstes, seien es etwa 3 000. Am Plattensee hielten sich den Vernehmen nach einige tausend Ausreisewillige auf.
(Frankfurter Rundschau, Sa. 02.09.1989)

In West-Berlin ist erstmals leerstehender Wohnraum beschlagnahmt worden. Auf Weisung von Gabriele Witt, Sozialstadträtin im Bezirk Steglitz, wurden am Freitag acht seit Jahren ungenutzte Wohnungen beschlagnahmt. Die SPD-Politikerin kündigte an, weitere "zweckentfremdete" Räume zu konfiszieren. Als Grund wird die brisante Wohnungsnot genannt.

West-Berlin hat in diesem Jahr bereits 19 000 Aus- und Übersiedler aufgenommen. Die Stadt erwartet zusätzlich 2 000 DDR-Flüchtlinge aus Ungarn.

Bausenator Wolfgang Nagel (SPD) erwägt deshalb, auf dem für das Deutsche Historische Museum vorgesehene Gelände am Reichstag eine Zelt- und Containerstadt zu errichten.
(Frankfurter Rundschau, Mo. 04.09.1989)

Christa Wolf sagt in ihrer Rede zum 01.09.1939 in der Akademie der Künste, dass sie die bundesdeutschen Fernsehbilder, die DDR-Bürger zeigen, die bundesdeutsche Pässe schwenken, schmerzt. Alle diese Menschen fehlen uns. Widerspruch muss in der DDR nicht nur geduldet, er muss produktiv gemacht werden.

Friedensgruppen haben dazu aufgerufen eine Menschenkette zwischen der Sowjetischen Botschaft und der Botschaft der USA in Berlin zu bilden.

Vom Ministerium für Nationale Verteidigung wurde festgelegt, bei Verweigerung des Wehrdienstes oder des Dienstes als Bausoldat keinen Einberufungsbefehl mehr herauszugeben. Bereits herausgegebene Einberufungsbefehl sind zurückzunehmen.

Dem Kirchenvorstand von St. Nikolai wird im Leipziger Rathaus nahegelegt die Friedensgebete am 04.09.1989 nicht wieder beginnen zu lassen. Was der Kirchenvorstand aber ablehnt.

Mitglieder des Ökumenischen Friedenskreises Forst nehmen in Forst an einem SED-Treffen anlässlich des Weltfriedenstages mit eigenen Plakaten teil. Dagegen schreiten die staatlichen Organe ein.

Anlässlich des 50. Jahrestages des Beginns des 2. Weltkriegs in Europa tritt die Volkskammer zusammen.

Der Jugendsender Elf 99 beginnt im 2. Programm des DDR-Fernsehens zu senden.

Karl-Eduard von Schnitzler sagt in einem Interview am 31.03.1990: "Da bin ich einer der Mitväter. Das war seit Jahren geplant. Und in der zweiten Folge bin ich selbst aufgetreten und habe als erster DDR-Bürger die Frage aufgeworfen angesichts der Fluchtströme: 'Was haben wir falsch gemacht?' Da war ich der erste, nachweislich, in der Sendung Elff 99."

Beginn des neuen Schul-, Lehr- und Studienjahres.

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