DDR 1989/90Brandenburger Tor


Di. 31. Oktober 1989


Niemand dürfe Lehrern unterstellen, dass sie die Kritik an der Schule kalt lasse. Es gäbe jedoch keine schnellen Lösungen. Das erklärte der Stellvertreter des Volksbildungsministers Prof. Dr. Günther Fuchs im Anschluss an eine Beratung des Volksbildungsministeriums mit Bezirksschulräten gestern in Berlin vor Journalisten. Zu dem Gespräch sei er nach eigenen Worten durch eine souveräne Entscheidung des Volksbildungsministers beauftragt worden. Auf die Frage nach der eventuellen Wiederholung eines Pädagogischen Kongresses sagte Prof. Fuchs, dies sei nicht geplant. Auf der Beratung sei festgelegt worden, dass der Staatsbürgerkundelehrer jetzt selbst entscheiden sollte, welche Stoffeinheiten er zugunsten aktueller Fragen nicht behandelt.
(Berliner Zeitung, Mi. 01.11.1989)

Die im Oktober vorigen Jahres von der Erweiterten Oberschule "Carl von Ossietzky" Berlin relegierten Schüler können bei entsprechendem Wunsch ihre Ausbildung fortsetzen. Einem ersten Antrag wurde bereits stattgegeben: Eine Schülerin belegt seit drei Wochen die Abiturstufe an einer Berliner Volkshochschule. Das teilte am Dienstag Stadtschulrätin Rotraud Stierand auf Anfragen vor Journalisten mit.
(Neues Deutschland, Mi. 01.11.1989)

Der Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Egon Krenz, ist am Dienstagabend zu einem eintägigen Arbeitsbesuch in Moskau eingetroffen.

Er folgt einer Einladung des Zentralkomitees der KPdSU. Am Mittwoch wird Krenz mit dem Generalsekretär des ZK der KPdSU und Vorsitzenden des Obersten Sowjets der UdSSR, Michail Gorbatschow, Gespräche führen. Nach einem Essen mit seinem Gesprächspartner im Kreml stellt sich Egon Krenz auf einer Pressekonferenz den Fragen der in- und ausländischen Korrespondenten. Diese erste Spitzenbegegnung des führenden Politikers der DDR war unmittelbar nach dessen Wahl in seine Partei- und Staatsämter in einem telefonischen Kontakt mit Michail Gorbatschow vereinbart worden.
(Neues Deutschland, Mi. 01.11.1989)

In der DDR sind bis heute 12 880 Nazikriegsverbrecher rechtskräftig verurteilt worden. Das teilte der Staatsanwalt bei der Generalstaatsanwaltschaft der DDR, Günther Wieland, in Hamburg auf einer Podiumsdiskussion von Juristen aus der BRD und der DDR über die Rolle der Justiz im Faschismus mit. 95 Prozent der Verurteilungen seien in den ersten fünf Jahren nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ausgesprochen worden, sagte Wieland. Insgesamt seien 149 Juristen in der DDR verurteilt worden. Der DDR-Rechtswissenschaftler Karl-Heinz Schöneburg erklärte in Anspielung auf die Tatsache, dass ein großer Teil von Nazirichtern und Staatsanwälten auch in den Staatsdienst der BRD eintrat, eine wirkliche Ahndung von Naziverbrechen könne nur dann erfolgen, wenn die Mittäter nicht über die Täter richteten. In der DDR hätten rund 500 000 Personen bei der Entnazifizierung ihre Ämter verloren. 80 Prozent der Richter und Staatsanwälte seien ausgewechselt worden. Der Hamburger Staatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt wies auf grundsätzliche Unterschiede bei der Verfolgung von Naziverbrechen hin. Während in der DDR damit ein gesellschaftlicher Auftrag ausgeführt worden sei, seien Richter und Staatsanwälte in der Bundesrepublik auf Unwillen und Unverständnis gestoßen.
(Neues Deutschland, Mi. 01.11.1989)

Mehrere hundert polnische Staatsbürger haben sich im Generalkonsulat der DDR in Szczecin über Möglichkeiten einer Übersiedlung in die DDR informiert und die entsprechenden Formulare erhalten, wie ADN von DDR-Konsul Erhard Sachs zu einer diesbezüglichen, von PAP verbreiteten Meldung, erfuhr. Eine Anzahl von Bürgern aus den Wojewodschaften Szczecin, Koszalin, Goprzow Wielkopolski und Pila haben bereits um Ausreise ersucht. Vor einer Übersiedlung müssten das Einverständnis der Organe der DDR und Polens vorliegen, sowie die notwendigen Formalitäten erledigt sein. Die Anträge werden, wie der Konsul weiter erklärte, von den zuständigen Stellen der DDR geprüft. Sie seien vorwiegend von jungen Leuten aus Arbeiterklasse und Intelligenz gestellt worden.
(Neue Zeit, Di. 31.10.1989)

Ihr erstes Gespräch zu Umweltfragen haben am Dienstag Experten aus Dresden und Hamburg in Dresden aufgenommen.
(Neues Deutschland, Do. 02.11.1989)

FDGB-Vorsitzender Harry Tisch kündigt seinen Rücktritt auf der Fortsetzung der 10. Tagung des FDGB-Bundesvorstandes am 2. November an.

Nach einer kirchlichen Veranstaltung erfolgt in Zittau ein Schweigemarsch von rund 3 000 Personen zur SED-Kreisleitung.

In Bautzen versammeln sich ca. 1 000 Bürger.

Demonstriert wird auch in Bad Salzungen, Berlin, Neuhaus, Schmalkalden, Stadtroda, Stralsund und Zschopau.

Die Aufhebung des Sperrgebiets an der Grenze zu Bayern wird auf einer Kundgebung in Lobenstein/Saale gefordert.

In der Neptun-Werft in Rostock versammeln sich am Abend rund 1 200 Belegschaftsangehörige.

In der überfüllten Nikolaikirche in Wismar stellt sich das Neue Forum vor und informiert über seine Ziele.

In der Johanneskirche in Neubrandenburg findet ein Treffen des Neuen Forum statt.

Zur 3. Informationsveranstaltung des Neuen Forum nahe Pritzwalk (Bezirk Potsdam) kommen rund 1 000 Menschen.

In Plauen bildet sich eine Arbeitsgruppe Ordnung, Sicherheit und Recht. Sie stellt sich die Aufgabe, die Geschehnisse um den 07.10. in Plauen aufzuklären.

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