DDR 1989/90Brandenburger Tor


Di. 3. Oktober 1989


Auf Grund der Berichte, die der DDR zur Verfügung stehen, bereiten bestimmte Kreise in der BRD weitere Provokationen zum 40. Jahrestag der DDR vor, die gegen Ruhe und Ordnung gerichtet sind.

Nach der Konsultation mit der ČSSR wurde die Vereinbarung getroffen, zeitweilig den pass- und visafreien Verkehr zwischen DDR und ČSSR für die Bürger der DDR mit sofortiger Wirkung auszusetzen.
(Neues Deutschland, Mi. 04.10.1989)

Dem mutigen, streitbaren Publizisten Carl von Ossietzky, der "an das Gewissen der Welt gerührt" hatte, wie Heinrich Mann es formulierte, dem bürgerlichen Humanisten und Pazifisten von edler Gesinnung war ein Festakt am Dienstag, seinem 100. Geburtstag, im Deutschen Theater in Berlin gewidmet. Der Ministerrat und der Friedensrat der DDR hatten zu dieser Feierstunde eingeladen. Die Festansprache hielt der Minister für Kultur, Dr. Hans-Joachim Hoffmann.

Zu den Teilnehmern der Veranstaltung gehörten unter anderem Prof. Dr. Günther Drefahl, Präsident des Friedensrates, Eberhard Heinrich, Vorsitzender des Verbandes der Journalisten, Prof. Dr. Hans Pischner, Präsident des Kulturbundes, Repräsentanten der Parteien und Organisationen, unter ihnen die Mitglieder des Präsidiums des CDU-Hauptvorstandes Hermann Kalb, Stellvertreter des Staatssekretärs für Kirchenfragen, Prof. Dr. Günter Wirth, Vizepräsident des Kulturbundes, und Dr. Werner Wünschmann, Sekretär des CDU-Hauptvorstandes, weiterhin der Präsident des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR, Siegmund Rotstein.

Carl von Ossietzky, der 1936 mit dem Friedensnobelpreis für sein kämpferisches Wirken ausgezeichnet wurde und der von den Faschisten auf barbarische Weise zugrunde gerichtet wurde, entziehe sich im Grunde jeglicher schlüssigen, umfassenden Würdigung, weil sein Geist, weil seine Gedanken noch so lebendig seien, sagte der Minister in seiner Ansprache. Der zunehmenden Lebendigkeit seiner Ideen und Absichten begegne man dort, wo man ihn fürchte oder hasse, noch heute mit Gleichgültigkeit oder Totschweigen. Wohin es aber führe, wenn Verbrechen der Vergangenheit verdrängt werden, zeige sich dort, "wo offene oder verdeckte Neonazis bereits in Länderparlamente vorgedrungen sind", sagte Minister Hoffmann.
(...)
(Neue Zeit, Mi. 04.10.1989)

Als erste Hochschule im Bezirk Neubrandenburg ist am Dienstag die Pädagogische Hochschule "Erwin Hoernle" in der Bezirksstadt gegründet worden. Auf einem Festakt des Ministerrates der DDR im Haus der Kultur und Bildung übergab der Minister für Hochschul- und Fachschulwesen, Prof. Dr. Hans-Joachim Böhme, die Gründungs- und Berufungsurkunden an Prof. Dr. Albert Franke als Rektor der Lehr- und Forschungsstätte. In der Festansprache würdigte Dr. h. c. Margot Honecker, Minister für Volksbildung, die neue Hochschule als eines der Ergebnisse der erfolgreichen, angestrengten Arbeit des Volkes der DDR.
(Berliner Zeitung, Mi. 04.10.1989)

Zu einem bewegenden Treffen von Widerstandskämpfern, von Aktivisten der ersten Stunde, von Gründern und Gestaltern der Deutschen Demokratischen Republik mit dem Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, und weiteren Mitgliedern der Partei- und Staatsführung kam es am Dienstag im Festsaal des Hauses des Zentralkomitees der SED. Der Einladung des Politbüros des ZK zu dem festlichen Empfang am Vorabend des 40. Jahrestages der DDR waren über 400 Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens unseres Landes gefolgt. Ihnen allen galt an diesem Tage herzlicher Dank und hohe Anerkennung.
(Neues Deutschland, Mi. 04.10.1989)

Anzeige über die feierlichkeiten zum 40zigsten Jahrestag der DDR
(Anzeige Neue Zeit, Di. 03.10.1989)

Allen Flüchtlingen, die sich in der BRD-Botschaft in Prag aufhalten, wird die Ausreise in die Bundesrepublik gestattet.

Am Mittag versammeln sich immer mehr DDR-Bürger, die an der Grenze zur ČSSR zurückgewiesen wurden oder sich dorthin aufmachen wollten, am Dresdner Hauptbahnhof. Als am Abend ein leerer Zug, der die Ausreisewilligen aus der Botschaft der BRD in Prag abholen soll, in den Bahnhof einfährt wird er von Ausreisewilligen gestürmt. Die Polizei räumt den Bahnhof. In der Nacht kommt es zu einer Schlacht zwischen den staatlichen Organen und den Demonstranten, wobei es zu Übergriffen von beiden Seiten kommt.

Einige machen sich auf den Weg entlang der Gleise.

In der Dresdner Dreikönigskirche ersuchten Ausreisewillige Hilfe für ihr Ausreisebegehren. Auf dem Hauptbahnhof versammeln sich Menschen, zum Teil mit Kindern. Ziel ist es mit den Zügen, die von Prag aus kommen, die DDR verlassen zu können. Ein leerer Reisezug Richtung ČSSR löst ein Sturm aus. Eine stundenlange Auseinandersetzung beginnt.

Rechtsanwalt Gregor Gysi verfasst im Auftrag der Anmelderinnen des Neuen Forum, Bärbel Bohley und Jutta Seidel, eine Eingabe an das Ministeriums des Innern wegen Nichtzulassung. Die Pressestelle des Innenministeriums teilt am 31.10.1989 die Prüfung der Eingabe mit.

Vom Rat des Bezirks Karl-Marx-Stadt wird dem Neuen Forum Karl-Marx-Stadt mitgeteilt, die Vereinigung Neues Forum werden nicht zugelassen, da kein gesellschaftlicher Bedarf bestehe.

Das erste Teilstück des Stromverbundes zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland wird übergeben. Stromlieferungen in die DDR sind ab Januar 1990 vorgesehen.

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