Leipzig. ADN/BZ Als Auftakt für eine breitangelegte öffentliche Aussprache, die an jedem Sonntag in verschiedenen Sälen um den Leipziger Karl-Marx-Platz herum weitergeführt werden soll, trafen sich gestern Vormittag weit über 500 Bürger im Gewandhaus der Messestadt.
Das Gesprächsforum, das Menschen aller Generationen - Arbeiter, Handwerker, Wissenschaftler, Schüler, Lehrlinge, Studenten sowie Angestellte, Künstler und Funktionäre - vereint, soll als "Dialog am Karl-Marx-Platz" die Ziele der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung in der DDR mitbestimmen helfen. So umriss einleitend Gewandhauskapellmeister Prof. Kurt Masur das Anliegen.
Zusammen mit den Sekretären der SED-Bezirksleitung Dr. Kurt Meier, Jochen Pommert und Dr. Roland Wötzel sowie mit dem Theologen Dr. Peter Zimmermann und dem Kabarettisten Bernd-Lutz Lange war er Einlader zu diesem öffentlichen Disput.
Diese sechs Leipziger Persönlichkeiten hatten sich am 9. Oktober mit einem Aufruf an die Demonstrierenden im Zentrum der Messestadt gewandt, ruhig und besonnen den Dialog über die gegenwärtig zu lösenden Fragen und Probleme zu suchen.
Vielfach wurde begrüßt, dass der Dialog in Gang gekommen ist. Doch nun sei es an der Zeit, konstruktiv aber Ursachen für die entstandene Situation zu reden und im Sinne des gesamten Volkes Lösungen als Ausweg zu finden.
Weit mehr als um Vergangenes, so sagte Kurt Masur, gehe es nun um Gegenwart und Zukunft. "Was wir hier lösen können, kann für die gesamte Republik richtungsweisend sein." Es seien Gedanken einzubringen, wie der "hoffnungsvolle Modellfall Leipzig" als beispielhafte Verhaltensweise wirksam werden kann.
Die Vorschlage und Forderungen vieler Redner zielten vor allem darauf, den jetzt eingeleiteten Prozess unumkehrbar zu machen. Niemand dürfe zulassen, dass leitende Menschen, die dem "alten Trott" anhingen, nur auf Grund von Weisungen neue Positionen beziehen. Neue Mechanismen der Machtausübung wurden verlangt, damit nie mehr am Volk vorbei entschieden wird. Verantwortungsvolle Personen sollten für ein gezieltes Programm, nicht für Ideen stehen. Dies müsse Konsequenzen auch für Wahlen und Wahlkampf haben, die sozialistische Demokratie "wieder auf die Fuße" stellen. Menschen unterschiedlicher Herkunft meldeten sich besorgt zu Wort. Schuldzuweisungen und Rechtfertigungsversuche waren selten. Die Mehrzahl der Diskutierenden war zum Zuhören bereit, wollte sich kennenlernen, die Standpunkte anderer erfahren, eigene Überlegungen einbringen. Wer sich in Phrasen verlor, wurde niedergebuht, langatmige Redner zu Kürze und Prägnanz angehalten.
Superintendent Friedrich Magirius ging darauf ein, dass viele der behandelten Themen von der Kirche erkannt seien und behandelt wurden. Er werte es als gutes Signal, dass sich Generalsekretär Egon Krenz sofort von seinem neuen Amt aus den Persönlichkeiten der Kirche zugewandt habe. In gleicher Offenheit müsse jetzt über Bildungspolitik gesprochen werden, um keine "Menschen mit zwei Gesichtern" zu erziehen, unterstrich der Theologe. Seiner Meinung nach sei es notwendig, alle Ereignisse dieses Monats unvoreingenommen untersuchen zu lassen.
Als Ausdruck realen Volkswillens wurde gewertet, dass Impulse der Erneuerung aus dem Volk kamen. Dieses Engagement müsse erhalten und genutzt werden. Eine durchgreifende Demokratisierung sollte das vorhandene schöpferische Potential auch umsetzen.
Die SED, so wurde betont, solle Vertrauen in ihren Reformwillen schaffen, ihre Führungsrolle nicht nur behaupten, sondern immer wieder erkämpfen. Was zählt, sei Leistung und Vernunft.
(Berliner Zeitung, Mo. 23.10.1989)