DDR 1989/90Brandenburger Tor


Mo. 30. Oktober 1989


Auf der 10. Tagung des FDGB-Bundesvorstandes stellt SED-Politbüromitglied und FDGB-Vorsitzender Harry Tisch die Vertrauensfrage. In der von ihm vorgetragenen Erklärung heißt es u. a.:

"Es mehren sich die Wortmeldungen zu meinem jüngsten Auftreten in den Betrieben. Aus der Widerspiegelung der oft mehr als zwei- bis dreistündigen Gespräche in unserer Zeitung 'Tribüne' wurde mehrfach herausgelesen, dass ich die Verantwortung für die gegenwärtig entstandene Lage nach unten delegieren wolle. Ich würde, so meint man, mich der Verantwortung nicht genügend stellen.

Ich möchte hier betonen, dass das nie meine Absicht war. Ich war und bin mir meiner Verantwortung persönlich und im Kollektiv bewusst.

Lange habe ich in der Partei und in der Gewerkschaft leitende Funktionen ausgeübt. Es wäre demagogisch, so zu tun, als hätte ich mitdem sich Vollzogenen nichts zu tun. Es geht nicht an, andere - vor allem Kollegen in den Betrieben - dafür verantwortlich zu machen. Das darf nicht sein. (...)"
(T, 31.10.1989)

In einem Pressebericht über den Verlauf der Tagung heißt es u. a.:

"Diese 10. Bundesvorstandstagung war von besonderer Brisanz. Schon deshalb, weil Harry Tisch in einer Gesprächsrunde mit Gewerkschaftern in der Fernsehsendung 'Elf 99' am Sonnabend seine Entscheidung öffentlich gemacht hatte, am Montag den Mitgliedern des Bundesvorstandes die Vertrauensfrage über seine Funktion als Vorsitzender zu stellen. Das sollte allerdings hinter verschlossenen Türen geschehen. Erst durch den Einspruch von Presse, Funk und Fernsehen wurde anders entschieden. Zurückgenommen wurde auch eine Mitteilung an die Presse, die Tagung am heutigen Dienstag fortzusetzen.

Als brisant erwies sich zudem die Tatsache, dass der Entwurf einer Erklärung zur Diskussion stand, die offensichtlich in zu kurzer Zeit vorbereitet worden war, so dass die Mitglieder des Bundesvorstandes sie vorher nicht in den Händen hatten, und die deshalb in der Debatte äußerst umstritten war.

Die Aussprache war emotional bewegt, kritisch, selbstkritisch und von großem Bemühen geprägt, gewerkschaftliche Positionen zu bestimmen, um so die Verantwortung der Klassenorganisation als Interessenvertreter aller Werktätigen unter den aktuellen Bedingungen wahrzunehmen. (...)

Schon nach den ersten Diskussionsrednern erwies sich, dass der vorgelegte Entwurf umfassender Ergänzungen bedarf, um Grundlage derzeitiger und künftiger Gewerkschaftsarbeit zu sein. Da eine Einigung nicht möglich war, zog sich das Präsidium zu einer Beratung zurück. (...)

Die interne Beratung endete mit dem Vorschlag, den vorliegenden Entwurf zu überarbeiten und ausdrücklich als 'Erste Stellungnahme des FDGB-Bundesvorstandes' zu deklarieren. Gleichzeitig angeregt, diese 10. Tagung abzubrechen und am 17. November fortzusetzen. Diese Wochen sollen genutzt werden, das Arbeitspapier in den Gewerkschaftsgruppen zu diskutieren.

Vertagt wurde auch die Vertrauensfrage. (...) Entgegen der Auffassung des Vorsitzenden entschieden die im Saal Sitzenden mit fünf Gegenstimmen und zwei Stimmenthaltungen für diesen Aufschub. Sie wollten sich nicht zu vorschnellen Entscheidungen drängen lassen. Die Lage sei zu ernst. Es sei notwendig, mit Besonnenheit auf die gegenwärtige kritische Situation zu reagieren und nach verantwortungsbewusster Diskussion den eigenständigen Beitrag der Gewerkschaft für die Gestaltung des Sozialismus zu formulieren. (...)"
(T, 31.10.1989)

In der Ersten Stellungnahme des Bundesvorstandes des FDGB heißt es u. a.:

"(...) Der Bundesvorstand erklärt seine Entschlossenheit, alles zu tun für eine Wende in der Gewerkschaftsarbeit. Die Leitungen des FDGB haben Tausende Stellungnahmen von Vertrauensleuten, Gewerkschaftsgruppen, AGL und BGL sowie Vorständen erhalten. Darin wird der Vorwurf ausgesprochen, dass wir nicht rechtzeitig und konsequent gegen die angestauten Probleme, gegen Erscheinungen der Deformation und Ignoranz gekämpft haben. Wir stellen uns dieser Schuld ohne Wenn und Aber. Wir werden nicht mehr dulden, dass die in der Verfassung garantierten Rechte der Gewerkschaften nicht wahrgenommen werden.

Als einheitliche, unabhängige und freie Gewerkschaft wollen wir

- kämpferisch die Interessen der Arbeiterklasse und aller anderen Werktätigen in jeder Situation verfechten. (...)

- das Gesicht unserer ganzen Organisation den Arbeitskollektiven zuwenden.(...)

- uns noch konsequenter dafür einsetzen, dass die Jugend bei allen Entscheidungen, die Leben und ihre Arbeit betreffen, mitbestimmen kann. (...)

- dafür sorgen, dass das Wort der Mitglieder Geltung erhält. (...)

- die Rechte der betrieblichen Gewerkschaftsleitungen erweitert werden. (...)

- unter Beachtung der vielen Vorschläge unserer Mitglieder entschiedener zur Durchsetzung des Leistungsprinzips beitragen;

- den Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutz als Einheit durchsetzen. (...)

Die FDGB-Gästehäuser in Warnemünde und Schmöckwitz werden dem Feriendienst des FDGB zur Nutzung ab 1.12.1989 übergeben und vor allem Schichtarbeitern zur Verfügung gestellt.

Wir erwarten von der Regierung eine Darlegung der volkswirtschaftlichen Situation. (...)

Wir wollen das Vertrauen aller Mitglieder wiedergewinnen. Wir dürfen keinen enttäuschen. Die Gewerkschaftsarbeit muss auf allen Ebenen von einem neuen Inhalt bestimmt werden. In angestrengter Arbeit leisten wir an der Seite der SED und unter ihrer Führung unseren Beitrag für die Wende in unserer sozialistischen Gesellschaft und zur Sicherung des Friedens. (...)"
(T, 31.10.1989)

Meinungen von Gewerkschaftern zur FDGB-Bundesvorstandstagung: Jürgen Franke, EAW, Berlin: "Ich habe den Eindruck, dass die Kollegen die ZK-Tagung abwarten und sich damit um Entscheidungen drücken wollen. Wir müssten schneller sein."

Günter Müller, VEB Kali-Chemie: "Wir hatten von der Bundesvorstandstagung erwartet, dass Harry Tisch freiwillig abtritt. Er hat in den letzten Jahren kolossal nachgelassen und hat in vielen Fragen nicht mehr unsere Meinung vertreten. Wozu jetzt drei Wochen Zeit gefordert werden, hätte gleich gemacht werden müssen."

Eberhard Roese, VEB Bergmann-Borsig, Berlin: "Es gibt einen Vertrauensverlust gegenüber dem Vorsitzenden bei vielen Gewerkschaftsmitgliedern."

Harald Hackenberg, Gaskombinat Schwarze Pumpe: "Wir hatten den Eindruck: Die gleiche Tour geht weiter. Die Gewerkschaft ist schwach geworden. Und wenn Harry Tisch uns fragen würde, ob mit ihm an der Spitze oder nicht, müssten wir sagen: Nein, die Enttäuschung ist zu groß."
(T, 31.10.1989)


Auf der 10. Tagung des FDGB-Bundesvorstandes kursierte ein Aufruf der Initiative für Unabhängige Gewerkschaften.


Mit der 1 519. Sendung "Der schwarze Kanal" von und mit Karl-Eduard von Schnitzler stellt das DDR-Fernsehen nach 30 Jahren diese von der DDR-Bevölkerung kaum noch beachtete "ideologische Auseinandersetzung mit dem BRD-Kapitalismus" ein.

Die Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" präsentiert sich in neuer Form. Chefredakteur Klaus Schickhelm dazu: "Wir wollen in Zukunft den Zuschauern gerade in die Augen sehen können."

In einer "Erklärung der Leitung des Ministeriums für Volksbildung" wird betont, die Volksbildung habe als Teil der Gesellschaft die Wende zu einer Politik der Erneuerung und Veränderung der sozialistischen Gesellschaft entscheidend mitzutragen. Wörtlich heißt es u.a.:

"Wir fragen uns zunächst selbst, warum richtige Orientierungen und Aufgabenstellungen für die Entwicklung der Schule nicht zum Tragen gekommen sind. Wir nehmen die Hinweise aus den Pädagogenkollektiven und auch von Eltern sehr ernst, dass Formalismus, Geschäftigkeit, Hineinreden, unrealistische Einschätzungen und mangelnde Wahrnahme von Verantwortung dafür Ursachen sind."
(JW, 31.10.1989)

bis hier aus: Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 2. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0594-8

Das ist in Leipzig seit drei Wochen Wirklichkeit: Die Demonstration ist ein Stück der politischen Kultur. Am Montagabend gehört der kilometerlange Zug schon zum gewohnten Bild der Messestadt. Gegen 17 Uhr schließen die meisten Geschäfte in der Innenstadt, langsam kommt der Straßenbahnverkehr zum Erliegen. Vor allem um die Nikolaikirche, aber auch am Karl-Marx-Platz und um weitere sechs Kirchen sammeln sich schnell Tausende Menschen, viele auch aus der näheren und weiteren Umgebung mit Zug oder Auto angereist.

Mehr als 200 000 - so die offizielle Schätzung - setzten sich dann vorgestern in Marsch über den Ring, einmal rund ums Zentrum. Junge und Alte, auch Kinder. Hunderte Transparente werden mitgetragen, hängen über Brückengeländer und zwischen Fahnenmasten. Nicht alles hält dabei Maßstäben der Sachlichkeit stand, aber es zeigen sich die Hauptprobleme, für deren Lösung die Leipziger auf die Straße gehen. "Reformer an die Macht" wird gefordert und "Im Namen unsrer Kinder Glück - Margot Honecker tritt zurück!" Nicht die einzige Forderung nach personellen Konsequenzen. Dass der Schwarze Kanal noch am selben Abend seine letzten Sendeminuten haben würde, hatte sich im langen Zug noch nicht herumgesprochen; diese Art des Journalismus rief den besonderen Unmut hervor.

Immer wieder fordern Sprechchöre die Zulassung des "Neuen Forums", deren Leipziger Kontaktadresse auch im Sender Leipzig verlesen wurde. Ein neues Wahlgesetz wird verlangt, das eine Wahl zwischen verschiedenen Parteien und Kandidaten vorsieht. "Visafrei bis Hawaii", heißt es auf anderen Spruchbändern und "Wir wollen endlich Taten sehen!" Viele sind ungeduldig, befürchten, dass sich nach vielem Reden doch wieder der alte Trott breitmacht.
(Berliner Zeitung, Mi. 01.11.1989)

Halle. Losungen wie "Umweltschutz statt Umweltschmutz" und "Lasst Taten folgen, wir sind dabei" führten die rund 50 000 Demonstranten mit, die durch die Innenstadt von Halle zogen. Die Demonstration, die an der Marktkirche ihren Anfang nahm, führte durch die Fußgängerzone zum Gebäude der SED-Bezirksleitung. In Sprechchören verlangten die Bürger konkrete Antworten vom 1. Bezirkssekretär zu mehr Mitsprache in Angelegenheiten der Stadt und des Staates, zur Presse- und Meinungsfreiheit, zu größerer Rechtsstaatlichkeit sowie zu Reformen auch im Bildungswesen. Während der gesamten Zeit sorgten Volkspolizisten für die Umleitung des Verkehrs.

Ab sofort werden die Bürger von Halle donnerstags um 18 Uhr zu Stadthausgesprächen eingeladen. Der Rat reagiert damit auf Forderungen der Einwohner. Zu einem Meinungsaustausch hatten sich seitens der SED Hans-Joachim Böhme sowie weitere Funktionäre u.a. mit Vertretern der Halleschen Initiativgruppe "Neues Forum" getroffen.

Schwerin. Nach einem Friedensgebet in drei Schweriner Kirchen formierte sich ein Demonstrationszug durch die Schweriner Innenstadt. Rund 40 000 Einwohner zogen zunächst zum Alten Garten, dem traditionellen Kundgebungsplatz der Schweriner. Ein Sprecher rief zur friedlichen und gewaltfreien Demonstration auf und plädierte unter anderem für Presse- und Informationsfreiheit, Reisefreiheit und die Durchsetzung des Leistungsprinzips auf allen Ebenen. Es schloss sich ein Marsch durch die Innenstadt an. Auf Transparenten verlangten die Demonstranten unter anderem die Abschaffung von Privilegien und die Gleichberechtigung aller Parteien.

Karl-Marx-Stadt. Mehr als 20 000 Menschen nahmen an einer Demonstration im Zentrum von Karl-Marx-Stadt teil. Auf Transparenten wurde u.a. "Demokratie jetzt" und ziviler Wehrersatzdienst für das Gesundheitswesen gefordert. Im Anschluss an die fast einstündige Demonstration versammelten sich die Teilnehmer vor dem Rathaus und brachten ihre Forderungen und Überlegungen vor. Oberbürgermeister Dr. Eberhard Langer teilte unter anderem mit, dass ein Forderungskatalog von Mitarbeitern des Bezirkskrankenhauses abgearbeitet wird und Mitarbeiter des Rates der Stadt zeitweilig in der Volkswirtschaft tätig sein werden.

Pößneck. Rund 800 Bürger nahmen an einem Friedensgebet in der Pößnecker Stadtkirche teil. Danach bewegte sich ein Zug von rund 5 000 Demonstranten im Schweigemarsch durch die Innenstadt zum Rathaus. Auf Transparenten forderten sie unter anderem "Freie Wahlen - freie Bürger", "Sozialfürsorge ist notwendig" und "Zivildienst ist Menschenrecht - Gesundheitsreform".

Magdeburg. Nach einem Gebet im Magdeburger Dom für gesellschaftliche Erneuerung in der DDR formierte sich ein Demonstrationszug mit 15 000 Teilnehmern. Die Frauen und Männer, die auch aus anderen Orten in die Bezirksstadt gekommen waren, forderten auf Transparenten unter anderem Veröffentlichung aller Umweltdaten, die Einführung eines zivilen Wehrersatzdienstes und ein neues Wahlgesetz. Ein Plakat, das dem Zug vorangetragen wurde, zeigte das Symbol einer Friedenstaube. Der Marsch durch die Innenstadt verlief friedlich.

Dresden. Mehrere tausend Bürger Dresdens und umliegender Kreise kamen vor der Goldenen Pforte des Rathauses zusammen. Sie traten unter anderem für Durchsetzung von Demokratie, zivilen Wehrersatzdienst und Reisefreiheit ein. Später begaben sie sich auf einen friedlichen Demonstrationszug durch die Innenstadt, woran zeitweise rund 20 000 Menschen teilnahmen.

Hoyerswerda. Nach einem Demonstrationszug durch Straßen der Kreisstadt versammelten sich etwa 10 000 Menschen im neuen Zentrum von Hoyerswerda. Partei- und Staatsfunktionäre, Abgeordnete und Vertreter aus dem Gaskombinat Schwarze Pumpe standen den Diskutierenden Rede und Antwort zu angestauten Problemen in gesamtgesellschaftlichen wie in kommunalen Bereichen.

Suhl. Viereinhalbtausend Einwohner von Suhl nahmen am Montagabend in der Stadthalle die Gelegenheit wahr, mit Kommunalpolitikern ins Gespräch zu kommen, jenen Dialog fortzuführen, der vor Wochenfrist an gleicher Stelle aufgenommen wurde. Nach Vorstellung der Gesprächspartner wurde die Frage gestellt, weshalb leitende Funktionäre der SED-Bezirksleitung, darunter der 1. Sekretär, Hans Albrecht, dem Dialog offensichtlich aus dem Wege gehen. Der Sekretär der SED-Bezirksleitung Gerhard Koszycki antwortete darauf, dass sich das Sekretariat damit beschäftigt habe und in absehbarer Zeit auch personelle Veränderungen vorgenommen werden.

Der Leiter der Bezirksmusikschule, Peter Backhaus, äußerte den Standpunkt, man müsse jenen, die die Wende wirklich wollen, auch die Chance geben, es durch Tatsachen zu beweisen. "Wer die Wende nicht will, muss von seiner Verantwortung befreit werden, sagte er unter Beifall. Da die Kapazität der Stadthalle nicht ausreichte, um alle interessierten Bürger aufzunehmen, wurden die 2 000 vor dem Gebäude wartenden Suhler über Lautsprecher und Monitore über den Verlauf der Diskussion informiert. Auf Vorschlag von Oberbürgermeister Joachim Kunze soll dieser Dialog künftig mehreren themenbezogenen Gruppen fortgesetzt werden.

Cottbus. Nach mehr als eineinhalbstündiger Debatte kam aus den Reihen der am Montagabend im Zentrum von Cottbus Versammelten der Vorschlag, auf vernünftiger Basis an gleicher Stelle den Dialog über brennende Fragen fortzuführen. Mehr als 20 000 Bürger hatten sich zuvor zu einem Demonstrationszug formiert und auf den Vorplatz der Stadthalle begeben. Nachdem die Mehrzahl der Teilnehmer des Meetings dem Vorschlag zustimmte, erklärte Werner Walde, Kandidat des Politbüros des Zentralkomitees und 1. Sekretär der Bezirksleitung Cottbus der SED: "Ich bin bereit zum weiteren Dialog und werde hier sein".

Teils von ehrlicher Sorge motiviert, teils aber auch hitzig, unsachlich und von Pfiffen unterbrochen, hatten Bürger ihre Fragen und Meinungen vorgetragen. Es ist wahr, dass in der DDR viel geschaffen worden ist. Aber es ist auch wahr, dass Erfolge überbewertet und Probleme der gesellschaftlichen Entwicklung nicht rechtzeitig erkannt worden sind, sagte Werner Walde. Dafür trage er die Mitverantwortung. Zustimmung unter der Mehrheit der Teilnehmer des Meetings fanden Äußerungen, dass es jetzt darauf ankomme, den Schlüssel zur Lösung der anstehenden Aufgaben zu finden.
(Neue Zeit, Mi. 01.11.1989)

Die Erhaltung des städtebaulichen Erbes der DDR haben die Mitarbeiter der Arbeitsstelle Berlin im Institut für Denkmalpflege der DDR und die Teilnehmer am zentralen Seminar des Bundes der Architekten/DDR und des Verbandes Bildender Künstler der DDR "Gestalterische Beziehungen von Historischem und Neuem im städtebaulichen Raum" in Rostock gefordert. "Unsere kulturelle Identität wird entscheidend durch den Zustand der historischen Städte getragen oder in Frage gestellt", heißt es in der Erklärung der Denkmalpfleger. Der zweite Weltkrieg und das jahrzehntelange Versäumnis kontinuierlicher Baupflege hätten große Wunden in viele Städte geschlagen. Nur die vernünftige Anwendung aller längst bewährten Bauweisen und die ebenso vernünftige Einführung wirklich sinnvoller neuer Technologien und Materialien könnten in ihrer Synthese zu einer gebauten und gepflegten Umwelt führen, mit der sich ihre Bewohner identifizieren.

"Deshalb brauchen wir in unserem Lande neue gesellschaftspolitische Konzeptionen des Städtebaus ebenso wie eine umfassende Reform des Bauwesens: Wir brauchen Mauerziegel und Dachziegel aus modernen Ziegeleien, Bauholz, Kalk und Zement, Sand und Kies, Maurer und Zimmerer, Klempner, Dachdecker und Maler zur Erhaltung und Modernisierung der vorhandenen Wohn-, Gesellschafts- und Industriebauten."

Denkmalpflege bedeute in diesem Zusammenhang nicht, aus dem Vorhandenen auszusortieren, was stehen bleiben muss, um alles Übrige zum Abriss freizugeben. Aufgabe sei es vielmehr, Denkmale baulich nicht zu isolieren und keine Disproportionalität zwischen historischem Stadtgrundriss und heutigem Stadtausbau entstehen zu lassen.

Dabei sei es dringlich die zu Beginn 1989 empfindlich gekürzten staatlichen Beihilfen für Denkmalpflege wieder zu erhöhen.
(Neue Zeit, Di. 31.10.1989)

Studenten aller Sektionen der Humboldt-Universität Berlin diskutieren dieser Tage Möglichkeiten und Bedingungen für die Schaffung eines "unabhängigen Studentenrates" an der Alma mater. Sie berichteten auf einem Treffen über entsprechende Diskussionen in den Studentenkollektiven, über verschiedene Konzepte und Vorstellungen für die Gründung von Interessenvertretungen. Der an der Beratung als Gast teilnehmende Prorektor für Erziehung und Ausbildung, Prof. Dr. Werner Kreitel, appellierte an die Studenten, eine Spaltung ihrer Reihen nicht zuzulassen und sich auf Gemeinsamkeiten zu besinnen. Der Rektor der Universität habe sich dafür ausgesprochen, die Vertretung der Studenten im Wissenschaftlichen Rat zu erweitern.
(Neue Zeit, Mo. 30.10.1989)

Im Namen der Gewerkschaftsvertrauensleute der Berliner Theater hat Wolfgang Holz, Vertrauensmann der Gewerkschaftsgruppe Schauspiel des Berliner Ensembles, bei der VP-Inspektion Berlin-Mitte die Genehmigung einer Demonstration beantragt. Diese wurde, wie ADN erfuhr, für den 4. November mit Treffpunkt 10.00 Uhr genehmigt. Die Demonstration soll von der Berliner Moll-Ecke Karl-Liebknecht-Straße zum Platz der Akademie führen und dort mit einem Meeting abgeschlossen werden. Wie es in dem Antrag heißt, soll für die Inhalte der Artikel 27 (Meinungs- und Pressefreiheit) und 28 (Versammlungsrecht) der Verfassung demonstriert werden.
(Neue Zeit, Di. 31.10.1989)

Mehrere hundert polnische Staatsbürger haben sich im Generalkonsulat der DDR in Szczecin über Möglichkeiten einer Übersiedlung in die DDR informiert und die entsprechenden Formulare erhalten, wie ADN von DDR-Konsul Erhard Sachs zu einer diesbezüglichen von PAP verbreiteten Meldung erfuhr. Eine Anzahl von Bürgern aus den Wojewodschaften Szczecin, Koszalin, Gorzow Wielkopolski und Pila habe bereits um Ausreise ersucht. Vor einer Übersiedlung müssten das Einverständnis der Organe der DDR und Polens vorliegen sowie die notwendigen Formalitäten erledigt sein. Die Antrage werden, wie der Konsul weiter erklärte, von den zuständigen Stellen der DDR geprüft. Sie seien vorwiegend von jungen Leuten aus Arbeiterklasse und Intelligenz gestellt worden.

Wie der Leiter der Konsularabteilung der Warschauer DDR-Botschaft, Dr. Peter Krause, mitteilte, gehen auch hier und in den anderen Generalkonsulaten der DDR viele schriftliche und mündliche Anfragen zu einer Übersiedlung ein.
(Neues Deutschland, Mo. 30.10.1989)

Die einen Tag zuvor begonnene Gründungsversammlung des Demokratischen Aufbruch im evangelischen Königin-Elisabeth-Krankenhaus in Berlin-Lichtenberg wird fortgesetzt. Es wird eine Resolution verabschiedet und eine Presseerklärung herausgegeben.

In der dritten Rathausgesprächsrunde in Dresden mit der Gruppe der 20, wird die Gruppe offiziell anerkannt und Arbeitsmöglichkeiten eröffnet. Als Gegenleistung wird die Mitarbeit in der Stadtverordnetenversammlung gefordert. Auch solle die Stadtverordnetenversammlung als demokratisch legitimiert anerkannt werden. Worauf sie sich aber nicht festlegen lässt.

In Halle kommt es zu einem Gespräch zwischen dem Neuen Forum und der SED. Demonstranten ziehen vor das Gebäude der Staatssicherheit.

Erste Informationsveranstaltung der SDP in der St. Hubertuskirche in Dresden.

Bürgerrechtsgruppen aus Treuen, Auerbach und Ellefeld sowie weitere Bürger gründen die Bürgerinitiative des Kreises Auerbach.

Demonstriert wird auch in Daubitz, Halle, Hoyerswerda und Wittichenau.

Nach einem Friedensgebet in der Martinskirche in Bernburg (Saale) begeben sich die Demonstranten zur SED-Kreisleitung in der Friedensallee. Zu einem Gespräch mit dem SED-Kreissekretär kommt es auf dem Marx-Engels-Platz.

Den Demonstranten in Cottbus (Choésebuz) wird von staatlicher Seite durch Dialogveranstaltungen vor der Stadthalle versucht das Wasser abzugraben.

Im Kreiskulturhaus in Gotha findet eine Bürgerversammlung statt.

In der DDR macht sich der Arbeitskräftemangel durch die zahlreichen Ausreisen immer mehr bemerkbar.

Karl-Eduard von Schnitzler sagt in der Sendung "Der schwarzer Kanal": "Guten Abend meine Zuschauerinnen und Zuschauer, liebe Genossinnen und Genossen, diese Sendung heute, wird nach fast 30 Jahren die Kürzeste sein. Nämlich die Letzte."

Das Neue Forum solidarisiert sich mit den Demonstranten in der ČSSR.

Die erste Nummer des Bezirksinfoblatt des Neuen Forum Magdeburg erscheint.

Im Gebäude der SED-Bezirksleitung kommt es zu einem Treffen zwischen dem Mitbegründer des Neuen Forum, Hans-Jochen Tschiche, und dem 1. Sekretäre der SED-Bezirksleitung, Werner Eberlein.

In einer Information des ZK der SED zur politischen Lage in der DDR heißt es: "Im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Parteiwahlen wird der Druck, mehrere Kandidaten aufzustellen, stärker. Vor allem aus intellektuellen Kreisen mehren sich Fragen zum Führungsanspruch der SED.

Besonders in Grundorganisationen mit hohem Intelligenzanteil werden von Genossen Positionen und Forderungen vertreten, die denen des 'Neuen Forum' entsprechen oder nahe kommen.

Kommunisten, die konsequent den Standpunkt der Partei vertreten, sind oft in der Rolle von Einzelkämpfern. Auch in öffentlichen Versammlungen fallen ihnen andere Parteimitglieder in den Rücken, so dass es auf Foren und anderen Veranstaltungen mehr und mehr zu Auseinandersetzungen zwischen Genossen in der Öffentlichkeit kommt.

In Teilen der Partei, darunter solchen Grundorganisationen wie Hans-Otto-Theater Potsdam, Theater der Stadt Brandenburg und Hochschule für Film und Fernsehen 'Konrad Wolf' Potsdam-Babelsberg sind parteiliche Positionen völlig verlassen worden."

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