DDR 1989/90Brandenburger Tor


Fr. 27. Oktober 1989


Die Bürgerbewegung Demokratie Jetzt fordert einen Volksentscheid: "Die Zeit drängt. Das Volk soll entscheiden. Wir brauchen Demokratie für unser Land jetzt.

Wir fragen: Gibt es für den Führungsanspruch der SED, auf den Egon Krenz schon wenige Minuten nach seiner Wahl zum Staatsratsvorsitzenden der DDR verwies, einen klaren Auftrag der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes?

Wir meinen: Sozialismus sollte auf dem Mehrheitswillen der Bürgerinnen und Bürger und nicht auf der festgeschriebenen Führungsrolle der SED beruhen. Sozialismus hört mit dem Ende solcher Vorherrschaft nicht auf. Er fängt mit lebendiger Demokratie an.

Wir fordern: Demokratische Willensbildung ohne festgeschriebene Führungsrolle der SED.

Darüber rufen wir zu einem Volksentscheid 1990 auf."
(Sabine und Zeno Zimmerling, Neue Chronik DDR, 2. Folge, 1. Auflage, Verlag Tribüne Berlin GmbH 1990 ISBN 3-7303-0594-8)


Bis Ende November sollen rund 175 000 Unterschriften gesammelt worden sein.


In mehreren Städten der DDR haben sich auch am Freitagabend wieder Zehntausende Bürger zu Demonstrationszügen formiert. Sie brachten damit Forderungen nach weiteren Veränderungen im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Landes und der Städte und Gemeinden zum Ausdruck.

Etwa 12 000 Bürger Dresdens demonstrierten auch am Freitag im Zentrum der Stadt. Sie waren zwischen Altmarkt und Neustadt unterwegs und behinderten erheblich den Verkehr.

Rund 10 000 Bürger von Karl-Marx-Stadt zogen in friedlicher Demonstration durch die Innenstadt. Viele Teilnehmer begaben sich anschließend zu Diskussionen in Säle, Klubs oder Kirchen. Zuvor war Oberbürgermeister Dr. Eberhard Langer mit 25 Sprechern einer Bürgerinitiative der Stadt zum 2. Rathausgespräch zusammengekommen.

Rund 20 000 Bürger aus Güstrow und Umgebung kamen am Abend zu einer friedlichen Demonstration zusammen. Eine Stunde lang zogen sie durch die Innenstadt. Im Anschluss wurde von den Veranstaltern zu einem Gespräch im Güstrower Dom eingeladen.

Auf dem Marktplatz in Lauchhammer hatten sich am Abend etwa 3 500 Bürger zu einem Meeting versammelt. In Gesprächen trugen sie ihre Besorgnis zum Umweltschutz im Kohlerevier vor.

Mehr als 8 000 Menschen zogen in einem Demonstrationszug durch das Zentrum der Kreisstadt Saalfeld.
(Neues Deutschland, Sa. 28.10.1989)

Der Staatsrat der DDR hat den Beschluss gefasst, dass Personen amnestiert werden, die vor dem 27. Oktober 1989 Straftaten des ungesetzlichen Grenzübertritts sowie der widerrechtlichen Durchsetzung der Ausreise aus der DDR begangen haben. Das gilt auch für Personen, die vor dem 27. Oktober 1989 Straftaten gegen die staatliche und öffentliche Ordnung im Zusammenhang mit demonstrativen Ansammlungen begangen haben.

Von der Amnestie sind Personen ausgenommen, die bei der Tat Gewalt angewandt oder zu Gewalttätigkeiten aufgefordert, Leben oder Gesundheit von Menschen gefährdet, Waffen mitgeführt oder gefährliche Mittel oder Methoden angewandt haben. Der Generalstaatsanwalt der DDR ist beauftragt, die Durchführung der Amnestie zu gewährleisten und darüber dem Staatsrat zu berichten.
(Berliner Zeitung, Sa. 28.10.1989)

Wie die Presseabteilung des Ministeriums des Innern mitteilt, hat der Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik beschlossen, dass die zeitweilige Aussetzung des pass- und visafreien Reiseverkehrs für Bürger der DDR nach der ČSSR ab 1. November 1989 aufgehoben wird.

Der Grenzübertritt in das Nachbarland ČSSR kann wie vor dem 3. Oktober 1989 mit einem gültigen Personalausweis für Bürger der DDR erfolgen.

Der Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik geht davon aus, dass die Bürger der DDR, die sich möglicherweise weiterhin mit dem Gedanken tragen, unser Land zu verlassen, obwohl jeder gebraucht 'wird, einen Antrag auf ständige Ausreise in der DDR bei den Abteilungen Innere Angelegenheiten stellen können. Diese Anträge werden kurzfristig und großzügig entschieden. Der Weg über Botschaften der BRD im Ausland, die Ausreise zu erzwingen, ist nicht notwendig und bringt für den Bürger mehr Nachteile als Vorteile.
(Neues Deutschland, Sa. 28.10.1989)

Unser "Brief aus Weimar an die Mitglieder und Vorstände der Christlich-Demokratischen Union" vom 10. September 1989 wurde jetzt in unserer Parteipresse abgedruckt. Damit hat jedes CDU-Mitglied die Möglichkeit, sich mit dem Text vertraut zu machen. Allerdings hat ihn die bisherige Entwicklung zum Teil schon eingeholt. Manche Aussagen sehen wir im Ergebnis der lebhaften Diskussion an der Parteibasis inzwischen in einem neuen Licht. Das betrifft unter anderem den Absatz 12 unseres Briefes Wir sind - wie viele Freunde in der Partei - zur Überzeugung gelangt, dass nur ein bald stattfindender Parteitag die Probleme zu lösen vermag, die vor der CDU in unserem Land stehen.

Wir danken allen Freunden für Mitdenken, Mitstreiten und für die Bereitschaft, entschlossen den Weg zur Erneuerung der Partei weiter zu gehen.

Dr. Gottfried Müller, Mitunterzeichner des Briefes aus Weimar
(Neue Zeit, Fr. 27.10.1989)

Die FDJ steht vor einer radikalen Änderung ihres Konzepts. Der 1. Sekretär des Zentralrates, Eberhard Aurich, erklärte zum Abschluss der zweitägigen Beratung dieses Gremiums dazu am Freitag in Berlin, das sei in 24 Stunden Tagung allein nicht zu bewältigen. Viele Fragen seien aufgeworfen worden, so das Verhältnis des Jugendverbandes zur führenden Kraft, der SED, zu den anderen Parteien, zum sozialistischen Staat, die Frage, wie sich die FDJ den Interessen der jungen Leute stellt, mitten unter ihnen ist und nicht daneben. Das Diskussionsangebot der FDJ liegt auf dem Tisch.

Auf eine Rede während der Tagung Bezug nehmend, sagte er: Wir wollen die Jugendlichen nicht formieren, wir wollen um Vertrauen werben, einige wieder-, andere überhaupt gewinnen, andere werden wir verlieren. Wer es sich jetzt zu leicht mache, auf den höre keiner mehr. Die FDJ habe eine Chance, die viel Arbeit, Mut, Geduld, Selbstbewusstsein und Zusammenstehen verlangt, erklärte Eberhard Aurich.
(Neues Deutschland, Sa. 28.10.1989)

Der zwischen der DDR-Fluggesellschaft INTERFLUG und der Deutschen Lufthansa AG Anfang August vereinbarte und ursprünglich bis zum 31. Oktober befristete Linienflugverkehr zwischen Leipzig und Düsseldorf sowie Frankfurt (Main) und Leipzig kann weitergeführt werden. Wie Kanzleramtsminister Rudolf Seiters in Bonn mitteilte, hat die BRD-Regierung nach einer Absprache mit ihren Alliierten die Fortsetzung des Linienflugverkehrs zwischen der BRD und der DDR bis zum 1. Februar 1990 genehmigt.

Der Generaldirektor der INTERFLUG, Dr. Klaus Henkes, erklärte am Freitag dazu gegenüber ADN, dass die INTERFLUG bereits seit längerem an der Aufnahme des Linienflugverkehrs zwischen der DDR und der BRD interessiert war und die Voraussetzungen dafür geschaffen hatte. Er wertete die erteilte Genehmigung für die Fortsetzung der Flüge als einen weiteren Schritt zur Verbesserung der Beziehungen zwischen beiden Staaten.

Entsprechend dem "Deutschlandvertrag" darf die BRD nur Luftverkehrsabkommen abschließen, nachdem sie die Westalliierten konsultiert hat. Obwohl die Lufthansa AG bereits im September eine Verlängerung der Vereinbarung beantragte, hatten die westlichen Alliierten Bedenken angemeldet, da sie ihre von diesem Vertrag gewährte Monopolstellung gefährdet sahen.
(Neues Deutschland, Sa./So. 28./29.10.1989)

Die Botschaft der DDR in Polen hat bisher alles getan, um die zwischen den Regierungen der DDR, Polens und der BRD vereinbarte humanitäre Regelung für die in der Warschauer BRD-Botschaft befindlichen DDR-Bürger so schnell und reibungslos wie möglich zu verwirklichen. Das erklärte der Leiter der Konsularabteilung der Botschaft, Dr. Peter Krause, gegenüber ADN. Die Realisierung der genannten Vereinbarung habe - am Montag, dem 16. Oktober, begonnen und dauere seither an. "Bislang erhielten wir Anträge auf ständige Ausreise aus der DDR von rund 2 400 DDR-Bürgern. Wir sind bestrebt, diese in sehr kurzer Frist zu bearbeiten. Durch große Anstrengungen vieler Mitarbeiter der Botschaft und zusätzlicher Kräfte konnten bis zum heutigen Tag 1 470 Bürgern die entsprechenden Dokumente ausgehändigt werden."

Das Tempo der hiermit verbundenen Arbeiten sei schrittweise erhöht worden, erklärte der Leiter der Konsularabteilung weiter. "Das verdeutlicht unser Bemühen, dem humanitären Charakter dieser Maßnahme Rechnung zu tragen und die Belastungen für die Volksrepublik Polen, die sich aus dem Aufenthalt dieser Bürger in Warschau ergeben, so gering wie möglich zu halten."

Rund 700 neue Anträge seien erst am Donnerstag und Freitag vorgelegt worden, gab Dr. Peter Krause weiter bekannt. Er könne versichern, dass deren Bearbeitung ebenfalls in kurzer Zeit erfolge. Seitens der zuständigen Organe Polens sei zu jeder Zeit eine kooperative Haltung zu verspüren gewesen.
(Neues Deutschland, Sa. 28.10.1989)

In Auerbach wird die Zulassung des Neuen Forum und freie Wahlen gefordert. Während der Rede des Vorsitzenden des Rates des Kreises Auerbach sind Buhrufe und Pfiffe zu hören.

Am Abend wird in Dessau demonstriert. Neben rufen "Wir bleiben hier" wird die Zulassung des Neuen Forum und freie Wahlen gefordert.

In Pritzwalk kommt es zur ersten Demonstration. Der Demonstrationszug führte von Rathaus kommend zum Kreiskulturhaus. Dort findet eine Dialogveranstaltung statt.

Nach dem dritten Friedensgebet in der Augustinerkirche in Gotha findet die erste Demonstration statt. Sie führt zum Rat des Kreises.

Demonstrationen finden in Demmin, Großräschen, Malchow, Neustrelitz statt.

Auf einer Pressekonferenz in Bonn ruft Steffen Reiche von der SDP die DDR-Bürger dazu auf im Land zu bleiben.

In der St. Peter Kirche im Ortsteil Törten von Dessau gründet sich die Dessauer Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP). Die Gründung der SDP in Halle erfolgt in einer Privatwohnung in der Großen Steinstraße. Der 04.11., der Tag der ersten Sitzung in der evangelischen Studentengemeinde, gilt als offizielles Gründungsdatum.

In Karl-Marx-Stadt findet das zweite Rathausgespräch mit der Gruppe der 25 statt.

In der Berliner Gethsemanekirche findet eine Informations- und Diskussionsveranstaltung des Initiativkreises der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt statt. Es wird zu einem Volksentscheid aufgerufen. Von Wolfgang Ullmann wird der Vorschlag zu Bildung eines Runden Tisches vorgetragen.

Im Anklamer Rathaus konstituiert sich eine Bürgerversammlung.

Die erste Dialogveranstaltung geht in Lübben über die Bühne. Mit dabei ist der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung.

Auf einer Sitzung des Zentralrats der FDJ wird beschlossen, ein Drittel des Zentralrats und des Büros des Zentralrats neu zu wählen.

Die über 150 DDR-Bürger, die in die BRD-Botschaft in Prag geflüchtet sind, werden mit Bussen in die Bundesrepublik gebracht. Zuvor wurden sie in der DDR-Botschaft in Prag aus der DDR-Staatsbürgerschaft entlassen und ihnen Ausreisepapiere ausgestellt.

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