DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Was gibt uns eine neue Gewerkschaftsorganisation?

Ein Gewerkschaftsfunktionär äussert sich

Spiegel: Die Ost-Berliner FDGB-Zeitung "Tribüne" behauptet, es gebe keine unabhängige Betriebsgewerkschaft "Reform" im Reglerwerk Teltow. Die Gründung sei eine "Erfindung der Westmedien".

B(...): Das stimmt nicht. Richtig ist, dass keine Gründungsversammlung stattgefunden hat. Nachdem jedoch die Gründungsurkunde von mehreren Kollegen unterschrieben worden ist, betrachten wir die Gründung als vollzogen . . .

Aus: DER SPIEGEL 44/1989

Ist eine neue Gewerkschaftsorganisation überhaupt notwendig? Aus heutiger Sicht kann man diese Frage unbestritten mit "Nein" beantworten. Dies könnten auch Verfechter einer "Reformgewerkschaft", wenn sie es ehrlich meinen.

Was sich derzeit an der Spitze des FDGB bis hinunter in die BGLs tut, beinhaltet ja im wesentlichen auch die Forderungen, die letzten Endes nicht nur von den "Reformern" aufgestellt sind. Es sind in der letzten Zeit in der gesamten Republik viele Dialoge und Demonstrationen jeglicher Art geführt worden, alle letztlich mit dem einen Ziel, den Sozialismus attraktiver zu machen, mit besseren Leistungen zu kommen.

Das werden wir aber nicht erreichen, wenn wir die Einheit der Gewerkschaften spalten und jeder denkt, dass er die Gelegenheit wahrnehmen und sein eigenes Süppchen kochen kann. Die Spaltung der Gewerkschaft heißt, dem Klassengegner zuzuarbeiten.

Schon auf dem Halberstädter Kongress 1892 wurde der Kampf um die Einheit der Gewerkschaften geführt. Auch der DGB in der BRD lässt sich seine Einheit nicht zerschlagen.

Um auf den Kern der Sache zu kommen. Ich hatte Gelegenheit, in letzter Zeit den "Spiegel" zu lesen. Darin auch das Interview mit Ralf B(...). Er behauptet in diesem Interview, wir hätten in unserem Betrieb mehr als 100 Austritte aus dem FDGB; zum Teil ganze Arbeitsgruppen. Mir ist bekannt, dass es von 1. Oktober 1989 bis Anfang November etwa 80 Austritte aus den verschiedensten Gründen gegeben hat. Des Weiteren wird behauptet, dass die Gründung der "Reformgewerkschaft" vollzogen ist.

Also, wenn man das Malen und unterschreiben einer Urkunde als vollzogene Gründung hinstellt, ohne, dass eine Gründungsversammlung mit einem entsprechenden und ansprechenden Programm stattgefunden hat und eine Zulassung als Organisation vorliegt, ist doch wohl der Kohl etwas zu dick Aufgetragen.

Apropos Kohl. Ich glaube, der würde sich freuen, wenn es gelingen würde, unsere Gewerkschaft zu spalten.

Wäre es nicht richtiger, diese Energie dazu zu verwenden, um unsere bestehende Gewerkschaft in ihrem Kampf zu unterstützen?

Warum tritt, Herr B(...), wenn er von seiner "Reformgewerkschaft" so überzeugt ist, nicht über unsere Presse an die Öffentlichkeit (selbst in Babelsberg trat er nicht persönlich in Erscheinung)?

Aber scheinbar ist ein Interview mit den Medien eines kapitalistischen Staates lukrativer. Oder nicht?

Scheinbar, hat Herr B(...) auch vergessen oder will es nicht mehr wahrhaben, dass der FDGB in seinem 44-jährigem Bestehen doch eine ganze Menge für die Werktätigen erreicht hat, was sich nicht so einfach unter den Tisch kehren lässt, auch wenn es von einigen "Reformern" laufend negiert wird. Dass etwas an der Sache faul ist, zeigt sich doch schon darin, dass der Kampf um die Bildung einer "Reformgewerkschaft" mit Hilfe westlicher Medien geführt wird. Herr B(...) scheint in der Annahme zu sein, dass sich die einheitliche Gewerkschaft leichter dadurch spalten lässt und er seine Ziele besser erreichen kann.

Letztendlich ist es eines der Ziele, die uns die westlichen Medien schon seit langer Zeit suggerieren. Und diese Ziele dürften ja so langsam jedem bekannt sein. Eins steht aber fest:

Der Gegner liebt den Verrat, aber nicht den Verräter, und was Herr B(...) bis heute geleistet hat, ist kein Kampf, sondern Wühltätigkeit. Das ist mein Standpunkt zur "Reformgewerkschaft" und zu Herrn B(...) insbesondere.

Horst E(...),
parteiloser AGL-Vorsitzender

aus: Impuls, Nr. 46, 15. November 1989, 37. Jahrgang, Betriebszeitung des VEB Geräte- und Reglerwerke "Wilhelm Pieck", Herausgeber: Betriebsgewerkschaftsleitung des VEB Geräte- und Reglerwerke "Wilhelm Pieck", Betrieb des VEB Kombinat Automatisierungsanlagenbau


[Stellungnahme zu den Vorwürfen]

Am 18.10.1989 fand im Potsdamer Ortsteil Barbelsberg eine Kundgebung statt, auf der über die Gründung der Betriebsgewerkschaft "Reform" berichtet wurde.

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