DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Einheit geht nur von der Basis aus

Leserbrief auf einen Beitrag im "impuls" Nr. 46/89

Werter Kollege E(...)!

Sie haben ja recht wenn Sie in Ihrem Artikel im "impuls" 46/89 schreiben, dass die von den "Reformern" aufgestellten Forderungen - genauer sollte man sagen: ein Teil von ihnen - inzwischen auch vom FDGB getragen werden.

Schaue ich mir heute einige Forderungen aus meinem Aufruf zur Bildung unabhängiger Gewerkschaften an, so erscheinen sie mir als der Schnee von vorgestern. Meinungsvielfalt, Redefreiheit, Versammlungs- und Demonstrationsrecht, Freilassung der wegen Republikflucht Inhaftierten, Reisefreiheit, Abschaffung von Privilegien - fast alles schon eine Selbstverständlichkeit.

Kann man mit all dem aber schon zufrieden sein? Ich glaube nicht. Vor allem deshalb, weil in unserem Betrieb - und wohl auch in den meisten anderen - wenig an konkreten Maßnahmen durchgesetzt wurde, weil die Betriebsgewerkschaften des FDGB hinter der allgemeinen Entwicklung in unserer Gesellschaft herhinken statt sie zu tragen und voranzutreiben. Das erscheint mir umso bedenklicher, als es gerade die Betriebe sein werden, in denen die derzeitigen und erst recht die zukünftigen ökonomischen Belastungen abgefangen werden müssen. Denken wir nur an die erforderlichen Strukturveränderungen in der Wirtschaft, um marktgerecht produzieren zu können, die Braunkohle als Hauptenergieträger, unser zerrüttetes Finanzsystem, die Auslandsverbindlichkeiten in schwindelerregender Höhe, die gewaltigen ökologischen Schäden! Und das bei offener Grenze und einem Kurs von 1:10 oder 1:20 - geradezu eine Einladung für Schieber und Spekulanten. Eingebrockt hat uns diese "Suppe" die SED mit tatkräftiger Unterstützung ihres treuen Verbündeten, des FDGB. Und nun beschwören Sie die Einheit der Arbeiterbewegung und werfen mir vor, ich würde die Spaltung betreiben. Sie sollten wissen, dass die Arbeiterbewegung in dem Moment gespalten wurde, als die FDGB-Führung dem Diktat der SED unterwarf und ihre eigenen persönlichen Interessen über die der Arbeiter stellte. Mir Spaltungsversuche unterschieben zu wollen, ist einfach absurd, es zeigt nur, dass Sie noch immer nicht begriffen haben, wohin der FDGB die Arbeiterbewegung in der DDR geführt hart.

Dafür bemühen Sie den Klassengegner, dem ich zuarbeite, und Kohl, der sich freue - ein Argument, das mir aus unserer Vergangenheit merkwürdig vertraut ist.

Stellen wir die Frage nach der Einheit der Gewerkschaftsbewegung auf die Beine!

Natürlich wäre es ein Gebot der Stunde, ein Gleichklang zwischen der Führung und der Basis in der Gewerkschaft herzustellen. Und in dem Fall würde sich die Frage nach einer wie auch immer gearteten Konkurrenz-Gewerkschaft von ganz allein erübrigen. Nur kann man diesen Gleichklang, der für mich Einheit bedeutet, weder herbeireden noch von oben verordnen. Er lässt sich nur von der Basis aus neu herstellen.

Kollege E(...), es ja an, wenn Sie mir vorwerfen, ich sei in Babelsberg nicht persönlich in Erscheinung getreten, was übrigens stimmt und einen ganz einfachen Grund hat: weil ich selbst erst im Nachhinein von dieser Veranstaltung erfahren habe. Ebenfalls, wenn Sie die Frage stellen, warum ich nicht über unsere Presseorgane, sondern über die westlichen Medien an die Öffentlichkeit getreten sei, was auch einen einfach Grund hat: weil erstere von mir nichts hören wollten, dafür aber letztere. Wenn Sie nun die Vermutung äußern, ein Interview mit den Medien eines kapitalistischen Staates sei lukrativer, was ja nur bedeuten kann: werde bezahlt, dann schreibe ich das noch Ihrer Unkenntnis zu. Wenn Sie aber mich als "Verräter" beschimpfen und mir "Wühlarbeit" anhängen wollen - Begriffe aus der finstersten Zeit des Faschismus und Stalinismus - dann gehen Sie zu weit.

Ralf B(...)

aus: Impuls, Nr. 49, 06.12.1989, 37. Jahrgang, Betriebszeitung des VEB Geräte- und Reglerwerke "Wilhelm Pieck" Teltow

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