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Für das Leben lernen

Unsere Redaktion erreichten im Januar von den Freidenkern erarbeitete Positionen zur Erneuerung unseres Bildungswesens. DLZ sprach darüber mit Dr. Christa Dammschneider, Dozentin an der Humboldt-Universität zu Berlin, Mitglied des Freidenkerverbandes.

DLZ: Warum ist es Ihnen mit der Bildung so ernst?

DR. CHRISTA DAMMSCHNEIDER: Bildung als lebenslanger und lebensverbundener Prozess freiwilligen Lernens, der Menschen verändern und befähigen kann, miteinander toleranter und hilfreicher umzugehen, gehört für uns zu einem menschenwürdigen Dasein. Wir meinen, Bildung vermag die Lebens weise von Menschen zu kultivieren, weil sie die eigene Individualität in ihrem Verbundensein mit anderen Menschen und Völkern ermöglicht.

Gegenwärtig suchen die Menschen in unserem Land "Leuchttürme" für Wertorientierungen in den vielfältigen geistigen Strömungen unserer Zeit. Alle Generationen aber insbesondere junge Menschen wollen die Sinnhaftigkeit des Leben erleben und selbst gestalten. Es gehört zu den Menschenrechten, sich seine individuelle Weltsicht selbständig, in der geistigen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Weltanschauungen anzueignen. Dabei gab und gibt es im bisherigen Bildungssystem eine unzumutbare Bevormundung im freien Spiel der Gedanken und Meinungen. Stagnation wuchs daraus als Folge. Wir wollen mithelfen, das zu ändern.

DLZ: Welche Vorstellungen haben die Freidenker von einer neuen Bildungspolitik?

DR. CHRISTA DAMMSCHNEIDER: Wir fordern ein längerfristiges Konzept einer lebenslangen Allgemeinbildung. Dabei sollte vor allem auf Lebensbezogenheit und die demokratische Mitarbeit aller Bildungsträger geachtet werden. Die Möglichkeiten, emotionales, soziales und politisches Lernen anzuregen und zu fordern, ob im Unterricht oder außerhalb, müssen alle Pädagogen noch konsequenter nutzen.

Gut wäre es, kurzfristig Themenangebote zur Lebensgestaltung mit entsprechendem Material zu erarbeiten. Altersspezifisch aufbereitet von Klasse 1 bis hin zur EOS, zur Berufs-und Fachschule. Diese Themen sollten u. a. das Kennenlernen verschiedener Welt- und Lebensanschauungen, die Diskussion über ethisch-moralische Fragen der Lebensgestaltung, über Konflikte und ihre Bewältigung, über Sterben und Tod enthalten. Den fakultativen Kurs zur Lebensgestaltung für Klasse 7 und 8 sollten wir zu einem Fach für alle Schüler ab Klasse 1 bzw. 3 ausbauen, mit starker lebenspraktischer Ausrichtung, ohne Zensuren, weitgehend durch die Mädchen und Jungen selbst gestaltet.

Wir fordern die Schaffung von Beratungsstellen in allen Schulen, wo sich Eltern, Schüler und Pädagogen mit Problemen der Lebensbewältigung, in der Erziehung usw. individuell beraten lassen können. Das erfordert natürlich eine entsprechende Ausbildung für diese Berater.

Bei allen Vorschlägen geht es uns um eine Schule mit geistiger Vielfalt, in der Schüler, Pädagogen und Eltern das Lern- und Lebensklima bestimmen. Schulen sollten sich wieder zu Stätten kulturvoller menschlicher Begegnung im Territorium entwickeln, weil sie damit im sozialen Netz des Wohngebiets eine unersetzbare Größe darstellen und persönliche Bindungen an die Heimat entstehen lassen.

DLZ: Welchen Beitrag leisten Sie und Ihre Mitstreiter für ein neues Bildungskonzept?

DR. CHRISTA DAMMSCHNEIDER: In Berlin wurde ein Arbeitskreis "Bildung und Erziehung" gegründet, dessen Leiterin ich bin. Mit mir zusammen arbeiteten und arbeiten Wissenschaftler, Lehrer, Heimerzieher, Pädagogikstudenten und eine Fürsorgerin an einem Thesenmaterial für ein neues Allgemeinbildungskonzept. Unser Motto dabei lautet: "Für das Leben lernen!" Am 8. Februar haben wir diese Thesen, die von der Vorschulerziehung über die Allgemeinbildung bis hin zur Familienerziehung reichen, im Zentralvorstand der Freidenker mit Vertretern aus verschiedenen Bezirken unseres Landes diskutiert und einige Positionen konkretisiert bzw. neu erarbeitet. Unser Material haben wir in 500 Exemplaren dem Ministerium für Bildung, der APW, wissenschaftlichen Einrichtungen, dem Runden Tisch, Parteien und Organisationen zur Verfügung gestellt. Erste positive Reaktionen sind schon eingetroffen.

Das Gespräch führte Gabriele Nantke.

aus: Deutsche Lehrerzeitung 08/90, 3. Februarausgabe

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