DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Mit vier Leuten zwei Stunden im Streit um eine Frage

"Alternative Jugendliste" - ernstzunehmende Alternative?

MJV, FDJ, DJP und Grüne Jugend versuchen zusammen, ins Parlament einzuziehen

Eigentlich gehören vier Jugendorganisationen zur "Alternativen Jugendliste" - der Marxistische Jugendverband "Junge Linke" (MJV), die Freie Deutsche Jugend (FDJ), die Deutsche Jugendpartei (DJP) und die Grüne Jugend. Die beiden letzten Gruppierungen gibt's in Potsdam jedoch noch nicht. Mit K(...) M(...) - Spitzenkandidatin im Bezirk -, J(...) W(...), T(...) S(...) (alle MJV) und H(...) B(...) (FDJ) unterhielt ich mich. Ihr Ziel: eine eigenständige Jugendfraktion im Parlament. Sie meinen, die Interessen Jugendlicher können nur Jugendliche selber vertreten. Mein erster Einwand: Offensichtlich meinen das aber nicht alle jungen Leute, ja nicht mal alle Jugendorganisationen ...

Genau darüber haben wir am Runden Tisch der Jugend in Potsdam drei Stunden diskutiert. Da waren sich alle einig, dass es in Stadtparlamenten eine solche gesonderte Jugendvertretung geben sollte. Aber für die Volkskammer meinten viele, dorthinein gehörten nur Parteien; die würden die Interessen von Jugend, Frauen, Kindern und anderen mit vertreten. Keine Einigung, aber man sagte schließlich, wenn ihr kandidieren wollt, dann müsst ihr das tun. Der Runde Tisch wird deshalb nicht auseinanderfallen.

Die einzigen, die ins Parlament wollen, seid aber eigentlich ihr!

Ja, wobei die anderen aus verschiedenen Gründen nicht wollen. Die Parteinahen (JuliA. Junge Union, Junge Sozialisten) wollen über ihre Parteien Einfluss nehmen. Die Vertreter vom Homosexuellen Integrationsprojekt (HIP) und von der evangelischen Kirche haben klar gesagt, ihr Ziel ist nicht die Volkskammer, sie wollen sich auf kommunaler Ebene einbringen.

Ich finde den Gedanken von Jugendvertretungen in Städten und Gemeinden recht logisch. Mit der Jugendfraktion in der Volkskammer habe auch ich meine Probleme. Zumal da irgendwo ein Denkfehler sein muss. Wenn alle jungen Leute eurer Meinung wären, müsstet ihr verdammt viele Stimmen bekommen. Aber bei der letzten Umfrage seid ihr nicht mal erwähnt, d. h. unter einem Prozent. Woran liegt's?

Erst mal sind wir kaum bekannt. Zweitens liegt's bestimmt an negativen Erfahrungen mit bisheriger Jugendvertretung, siehe Doppelmitgliedschaft in FDJ und SED. Und dann natürlich herrscht die Meinung vor, dass Jugend sich nicht selber vertreten kann, sie muss erst lernen.

Die herrscht dann aber auch bei jungen Leuten vor.

Ja. Wir müssen uns erst beweisen. Wir müssen zeigen, dass wir uns selbst vertreten wollen. Wir müssen bei dieser wohl vorläufig letzten Chance, als Jugend in ein deutsches Parlament einzuziehen, beweisen, dass wir Wähler haben, dass wir ernstzunehmende Partner für die Parteien sind.

Noch ein Einwand: Gebe ich meine Stimme euch, laufe ich Gefahr, dass diese Stimme unter den Tisch fällt. Weil ihr eh zu wenige kriegt, um Politik in Zukunft beeinflussen zu können. Da gebe ich meine Stimme lieber gleich einer Partei, von der ich sicher weiß, sie hat Prozente, und ich vergrößere ihr Gewicht und damit ihren Einfluss auf Politik.

Wir sind optimistisch und glauben, dass wir wenigstens ein Mandat kriegen. Dann fällt deine Stimme nicht weg. Wir können uns dann selbst vertreten.

Könnt ihr das wirklich mit einem? Ist der nicht ein Rufer in der Wüste, über den andere lächeln?

Dieser eine ist doch sehr wichtig. Wenn der Rufer nicht mehr da ist, dann interessiert sich gar keiner mehr für die Probleme. Zweite Sache: Wir könnten mit solchen Bürgerinitiativen, die sich für soziale Gruppen einsetzen zusammengehen. Wir vertreten ja auch eine soziale Gruppe.

Nun ist euer Handicap, dass man euch zu wenig kennt. Was unternehmt ihr dagegen?

Selbstverständlich beteiligen auch wir uns an der Plakatschlacht. In dieser Beziehung nimmt man uns schon ernst: Wir werden auch abgerissen. Dann gibt es an verschiedenen Orten ganz konkrete Aktionen. Damit wird man zwar nicht so bekannt, aber vor 10 000 Leuten zu reden, irgendwelche Versprechen abzugeben, das ist nicht unser Anliegen.

Habt ihr nicht mal überlegt, ob irgendein Pop-Star für euch werben könnte?

Es gab mal solche Idee. Es gab auch Gespräche dazu. Um Udo Lindenberg ging's. Aber als sich das Konzept mit der AJL verdichtete, haben wir uns davon wieder verabschiedet. Wir wollten uns auch in dieser Frage von den anderen unterscheiden.

Im Gespräch mit den vieren war
FRANK TREUE

aus: Märkische Volksstimme, Nr. 63, 15.03.1990, 45. Jahrgang, Unabhängige Tageszeitung im Bezirk Potsdam, Herausgeber: Verlag Märkische Volksstimme

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