DDR 1989/90Brandenburger Tor

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WIR MÜSSEN UNSERE ANGELEGENHEITEN
SELBST IN DIE HAND NEHMEN!

Aufruf der "Initiative für eine vereinigte Linke"
an alle Werktätigen der DDR

Hunderttausende Bürger sind für einen gesellschaftlichen Wandel auf die Straße gegangen, weil sie nicht mehr bereit sind, die Folgen von Misswirtschaft und bürokratischer Willkür zu tragen. Ausdruck der Krise ist auch die Ausreise von mehr als 200 000 Bürgern, deren Weggang in diesem Jahr vor aller Augen ablief und nicht als heimlicher Kehraus, organisiert von den Menschenverwaltern hier und im Westen. Stille Wut hat sich im Land nun in offenen Protest verwandelt. Eine breite Volksbewegung ist nicht mehr bereit, die bisher bei uns herrschenden Verhältnisse als "sozialistische" anzuerkennen. Die Zeit ist vielmehr reif für einen radikalen Umbruch in Richtung Sozialismus!

Wir hören jetzt häufig, die "Wende" sei da, und manchmal schon, sie sei unumkehrbar. Wir hören dies auch von Politikern, die noch vor wenigen Wochen zentrale Interessen der Bevölkerung ignorierten und die Notwendigkeit einer Reform entschieden bestritten haben. Diese Politiker, die noch kürzlich jeden Kritiker zum "Feind des Sozialismus" stempelten, versuchen jetzt, sich an die Spitze dieser Volksbewegung zu stellen. Sie bieten sich in selbstverständlicher Behauptung einer angemaßten Führungsrolle als ein Dialogpartner an, der sich nunmehr entschlossen hätte, aufs Volk zu hören und seine Forderungen zu erfüllen. Wieder verlangen sie von uns den Vertrauensvorschuss, den sie gerade so gründlich aufgebraucht haben. Können sie die Unumkehrbarkeit des Aufbruchs garantieren? Sind diese Wendepolitiker berufen, für die Werktätigen zu handeln? Ist der nun im Mittelpunkt stehende "Dialog" mit Funktionären das Mittel für die Realisierung unserer Interessen?

Es ist nicht damit getan, dass eine(r) nach de(r)m anderen auf öffentlichen Druck hin abtreten muss. Sollten sich neue Selbstherrscher an ihre Stelle setzen, sind wir keinen Schritt weiter. Garantien für die politische Unumkehrbarkeit des Aufbruchs unseres Landes zum Sozialismus kann die breite Volksbewegung nur selbst schaffen. Wir dürfen uns nicht nur auf Straßendemonstrationen oder an genehmigten Mikrofonen bei öffentlichen Anhörungen zeigen. Niemals hat eine "Demokratie auf Zuruf" funktioniert, schon gar nicht, wenn die, denen man seine Forderungen zuruft, für die Missstände verantwortlich sind. Verständigen müssen wir uns - untereinander und auch mit denjenigen Sozialisten innerhalb der SED, die mit ihren Taten bewiesen haben, dass es ihnen Ernst ist mit dem sonst nur beschworenen Sozialismus.

Diese Selbstverständigung hat zum Beispiel in vielen Berufsverbänden und durch vielfältige Initiativen oppositioneller Gruppen schon ihren Ausdruck gefunden. Aber sie hat in jüngster Zeit auch in den Betrieben mit der Diskussion über die Gewerkschaften begonnen. Und hier wird ganz sicher auch die Entscheidung über die Zukunft nicht nur der Arbeiter, sondern auch über die Chancen des Sozialismus in unserem Land fallen! Wir haben jetzt die Chance, über von uns geschaffene Formen direkter Demokratie selbst dafür zu sorgen, dass nicht nur "die da oben" uns hören, sondern wir selbst auch verwirklichen, was wir fordern!

Im Bewusstsein dessen wollen die Linken die betriebliche, insbesondere die gewerkschaftliche Arbeit in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stellen. Wir rufen alle Werktätigen auf, sich selbst die Formen zu schaffen, in welchen sie ihre Interessen unmittelbar vertreten und wirksam umsetzen können. Auf die Wiedererlangung echter gewerkschaftlicher Interessenvertretung müssen wir dazu nicht warten. Wir müssen überall ganz unten anfangen:

Organisiert Versammlungen, in denen Ihr Kolleginnen und Kollegen Eures Vertrauens wählt und beauftragt, Eure Forderungen einzubringen. Diskutiert, wie ihr selbst am wirksamsten Eure Interessenvertretung in Fragen der leistungsgerechten Entlohnung, der Arbeitsbedingungen und weiterer sozialer Rechte im Betrieb sichert. Dies könnte, wo es möglich ist, in den Gewerkschaften in Verbindung mit Neuwahlen erfolgen oder durch von den Werktätigen selbst zu bildende unabhängige Kommissionen. Diese können dann auch Forderungen von Werktätigen nach neuen Gewerkschaften aufgreifen.

Doch es geht um mehr als um gewerkschaftliche Rechte. Ein landesweiter Delegiertenkongress der Werktätigen steht auf der Tagesordnung. Auf ihm können die Delegierten auch über wirksame Forderungen der Mitbestimmung und schließlich betrieblicher Selbstverwaltung beraten, also über die Rechte und Aufgaben unabhängiger Betriebsräte. Die Wahl solcher Betriebsräte der Werktätigen wäre der zweite Schritt. An den so oder anders herausgearbeiteten konkreten Forderungen der Werktätigen haben sich die Parteien und gesellschaftlichen Organisationen zu orientieren. Dort ist über alle Forderungen und Ziele frei zu diskutieren, die von den Arbeitenden neu bestimmt wurden und werden. So können die Werktätigen selbst sehr schnell erkennen, wer auf ihrer Seite steht. Die Ergebnisse müssen aber auch in gesellschaftlichem Maßstab politisch umsetzbar sein: Angesichts des Zustands der Parteien und Massenorganisationen können diese nur über Vollversammlungen zur Delegiertenwahl und außerordentliche Delegiertenkonferenzen zur Neubestimmung ihrer Tätigkeit wieder glaubwürdig werden. Und: die massenhafte Forderung nach Zulassung der demokratischen Opposition ist endlich zu realisieren.

In öffentlicher Diskussion müssen sich die neuen Konzepte und praktischen Vorschläge vorstellen. Die Verantwortung für deren Umsetzung können wir uns nicht mehr abnehmen lassen!

Die Mitarbeiter der Initiative "Für eine Vereinigte Linke" erklären ihr Interesse und ihre Bereitschaft, in den Betrieben an diesem Prozess der Formulierung und Umsetzung solcher Forderungen teilzunehmen. Die Initiativgruppe lädt ihrerseits alle Arbeiter zur Diskussion über ihre Vorstellungen einer Neugestaltung der Arbeitswelt, alle Gewerkschaftler zum Austausch über mögliche Formen echter Mitbestimmung und Selbstverwaltung ein. Eine Gelegenheit ist am 25/26. November auf der 1. Arbeitstagung des Projektes "Vereinigte Linke" im Berliner "Haus der Jungen Talente" (siehe Mitteilung Nr. 2 der Koordinierungsgruppe).

Kontakt über:

K(...) S(...), 1150 Berlin, S(...) Str. 8
oder
M(...) S(...), A(...) Str. 22, 1040 Bln.
H(...) S(...), S(...) Str. 8, 1150 Bln.
T(...) K(...), K(...) Str. 3, 1100 Bln.
C(...) S(...), (...)park 4, 1100 Bln.
H(...) M(...), B(...) Str. 17, 1034 Bln.
T(...) K(...), J(...) Str. 16A, 1100 Bln.
(Sprechergruppe)

Initiative "Für eine Vereinigte Linke" Berlin, den 5.10.1989

aus: Die Aktion, Heft 60/63, Januar 1990, Zeitschrift für Politik, Literatur, Kunst

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