DDR 1989/90Brandenburger Tor

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B(...) R(...), Potsdamer Vereinigte linke

Warum denn nicht eine rot-grüne Republik?

Die Vereinigten Linken verstehen sich nicht als Partei, auch nicht als Bürgerbewegung, sondern als Sammlung. Warum dennoch so etwas wie ein Programm?

Also, Programm - im Sinne eines Parteiprogramms - würde ich es nicht nennen. Wir haben uns ja zusammengefunden in einem Verständigungs- und Kennenlernprozess, seit Oktober 1989 etwa, da kamen verschiedenste linke Positionen zusammen, z. B. auch aus dem kirchlichen Umfeld, und nun haben wir versucht, das mal in ein geschlossenes Papier zu bringen.

Also auch keine Wahlplattform?

Jedenfalls nicht in der Weise, dass wir uns zur Wahl stellen. Wir wollen offen sein für alle, wollen kooperativ sein und im besten Sinne vielleicht bündnisstiftend. Damit wollen wir erreichen, dass einige Themen, und Positionen im Wahlkampf nicht unter den Tisch fallen.

Welche zum Beispiel?

Zum Beispiel die Frage der Eigenständigkeit der DDR. Wir meinen, sie sollte erhalten bleiben. Wenn die DDR sich von der Bundesrepublik unterscheiden will, kann sie das nur links. Wenn man also schon das Rechts-Links-Schema anlegt, sehen wir uns vielleicht links von der Mitte der SPD. Und wir finden es, im Unterschied z. B. zur SPD, auch etwas einfallslos, nun bloß auf das Modell der großen Schwester zu schauen und es zu übernehmen, ohne, wie ja mal angekündigt, was wirklich Eigenes einzubringen.

Habt ihr denn etwas Originelleres anzubieten?

Ich finde, wir durchleben jetzt so eine einmalige Situation. Immer sind wir nur Objekte der Politik gewesen, jetzt können wir endlich Subjekte werden. Da können Weichen gestellt werden, um sich nachher nicht wieder auf eingefahrenen Bahnen zu bewegen. Bloß weil der Sozialismus versagt hat, ist ja der Kapitalismus noch nicht besser geworden. Die Probleme der Dritten Welt konnte auch der Westen nicht lösen, aber er tritt jetzt so ganz selbstsicher auf, als ob er das Konzept für die Zweite Welt hätte. Ich finde, etwas mehr nachdenken sollten wir schon, was aus uns wird und werden könnte.

Alle doch ein dritter Weg? Eure konzeptionellen Vorstellungen dazu muten aber auch noch etwas verschwommen an.

Ja, natürlich, aber ich glaube, wir werden in der DDR dazu verdammt sein, was Eigenes zu machen. Für Marktwirtschaft fehlen uns doch ganz elementare Voraussetzungen. Und auf der Konsumstrecke werden wir den Westen nie einholen. Also müssen wir uns was Eigenes einfallen lassen. Ich glaube. auch mit mehr Mitbestimmung, neuen Eigentumsformen, stärkerer Beteiligung der Menschen - warum z. B. nicht auch an der Zeitung? - könnte man viele Leute mehr an diesem Land interessieren und sie zum Hier bleiben bewegen. Aber es gibt doch noch mehr Länder, die man sich als Modell mal ansehen kann. Skandinavien, Holland und andere. Jetzt sind alle so auf die BRD fixiert, und ich fände es schade, wenn uns dabei vielleicht andere interessante Anregungen durch die Lappen gehen.

Bündnisse stiften - das spielt sich ja nicht nur auf der großen, gesamtgesellschaftlichen Ebene ab, sondern viel stärker in den Kommunen. Wo seht ihr da eure Hauptfelder?

Ich würde sie sehr stark im sozialen Bereich ansiedeln. Mal gleich etwas Werbung. Am kommenden Montag, dem 22 Januar, um 20 Uhr, wollen wir uns im ehemaligen Gefängnis in der Otto-Nuschke-Straße 54 über diese Punkte unseres Positionspapiers verständigen und laden alle ein, die konkret für Potsdam Ideen und Vorschläge haben. Zum Beispiel, was man zusammen mit anderen im sozialen Bereich tun kann. Denn da existieren ja teilweise unzumutbare Bedingungen. Oder auch, wie man die ehemaligen Stasi-Gebäude für den Gesundheits- und Sozialwesen nutzen könnte. Das scheint uns wichtiger als z. B. Bootsstege für Westbesucher.

Was wünschst du dir nach dem 6. Mai oder in der weiteren Zukunft für eine DDR?

Ich habe mich in letzter Zeit auch viel mit Leuten aus dem Westen unterhalten, und die haben z. B. gesagt: Wenn ihr vielleicht so was wie eine rot-grüne Republik versucht, das wäre auch für uns interessant. Na ja, das wäre doch was . . .

Das Gespräch führte Dr. ACHIM WAHRENBERG

aus: Märkische Volksstimme, Nr. 17, 20.01.1990, 45. Jahrgang, Unabhängige Tageszeitung im Bezirk Potsdam, Herausgeber: Verlag Märkische Volksstimme

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