DDR 1989/90Brandenburger Tor


Was wir in die Politik einbringen

Die zweite DDR-weite Tagung des Unabhängigen Frauenverbandes hat [am 20.01.1990] in Berlin stattgefunden. Es nahmen etwa 200 Delegierte aus 34 Frauengruppen des Landes teil und diskutierten den vorliegenden Statut-Entwurf und das Programm.

Sehr umfangreich waren auch die Berichte des Sprecherinnenrates über die Erfahrungen am Runden Tisch und über die Mitarbeit in den Arbeitsausschüssen. Tatjana Böhm aus dem Verfassungsausschuss forderte vor allem die Schaffung von konkreten Bedingungen für die Wahrnehmung der UNO-Menschenrechte durch alle Bevölkerungsgruppen in der DDR. Der Schutz und die Rechte von Frauen, Kindern und Minderheiten darf nicht nur eine Deklaration sein - es müssen auch praktische Voraussetzungen in allen Bereichen geschaffen werden. Der Bericht des Ausschusses Ausländerinnen ließ Emotionen im Saal los. Auch ich wusste z. B. nicht, dass die bei uns arbeitenden Vietnamesinnen unter Pillenzwang leben, bei Schwangerschaft auf eigene Kosten nach Hause fliegen müssen, dass z. B. Pässe vieler Ausländer in den Botschaften liegen. Viele "Kann"-Bestimmungen machen die soziale Lage unsicher - Verlassen des Landes innerhalb von 24 Stunden ohne Begründung - Erlöschen des Rentenanspruches im Mutterland nach mehr als fünf Jahren Abwesenheit steht dagegen.

Es folgten noch Berichte der Ausschüsse Medien, Wirtschaft, Ökologie, Gleichstellung sowie Bildung und Erziehung. Eine Tendenz war aus allen abzulesen: Der Stellenwert des Menschen in der Gesellschaft muss generell aufgewertet werden. Die Wirtschaftskonzepte gehen nicht auf, wenn die Menschen dabei sich selbst verlieren und Toleranz, Solidarität, Kinderfreundlichkeit und soziales Verhalten ablegen müssen. Das muss in die Politik durch uns Frauen eingebracht werden! Es ist der weiß-graue Fleck in allen Partei-Programmen, die tatsächlichen Interessen der Frauen und Kinder kommen zu kurz - es sind nie gesamtgesellschaftliche Vertretungen möglich, wenn die Männer eine Politik aus ihrer Sicht konzipieren. Die ökonomische Selbständigkeit, besonders der alleinerziehenden Frauen mit zwei und mehr Kindern und Rentnerinnen muss genauso abgesichert sein, wie die von Männern, die ihren gradlinigen Entwicklungsweg auf Kosten von Frauen mit einer gesicherten Existenz in der Gesellschaft "bezahlt" bekommen haben. Frauen sind durch die ungerechte gesellschaftliche Arbeitsteilung zuerst die Betroffenen. Wir fordern endlich die nicht nur deklarierte Selbstbestimmung von Frauen - die Gleichstellung der Geschlechter in allen gesellschaftlichen Bereichen - auch in den entscheidenden!

Dazu halten wir folgende Maßnahmen für notwendig:

- Schaffung eines Staatssekretariats für Gleichstellungsfragen (auf Länder- und kommunaler Ebene)

- Sicherung bzw. Verbesserung der sozialen Lage von Frauen

- Qualifizierungs- bzw. Umschulungsmaßnahmen

- Reale Bewertung und Bezahlung aller Berufsgruppen

- Anerkennung von Erziehungsarbeit als soziale Komponente

- Schaffung von Frauenzentren und Frauenhäusern

- Juristischer und praktischer Schutz und Hilfe bei physischer und psychischer Gewalt.

Margot Hanulak

aus: Für Dich, 8/90, 28. Jahrgang