DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Kein Objekt männlicher Politik

Es war herzerfrischend, am 3. Dezember 1989 in der Volksbühne mit zu erleben, wie sich Hunderte Frauen engagiert, diszipliniert, kameradschaftlich und höchst kompetent zu den angestauten Problemen bisheriger Frauen- und Familienpolitik geäußert haben. Die Erkenntnis, dass ohne einen eigenständigen, unabhängigen Frauenbund eine wahrhaft sozialistische Demokratie nur eine Halbheit wäre (und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Frauen stellen die Hälfte der Mitglieder der Gesellschaft), trage ich voll mit. Ja, ich gehe sogar noch weiter. Wesentlicher Gradmesser für eine alternative demokratische und sozialistische Politik wird mehr denn je die reale Stellung des "schwachen" Geschlechts mitsamt der Kinder sein.

Dass Frauen dabei nicht mehr hauptsächlich Objekt männlicher Frauenpolitik sein wollen, sondern künftig selber kräftig mitmischen wollen, so dass sich eine neue "Kartenverteilung" in Politik und Gesellschaft ergibt, halte ich für die Voraussetzung, um wirklich zu einer höheren Qualität der Gleichberechtigung der Frauen, ja letztlich der Geschlechterbeziehungen überhaupt zu kommen. Ein Dachverband von Frauenorganisationen, Selbsthilfegruppen, autonomen Klubs, Frauenarbeitsgemeinschaften in Parteien, demokratischen Bewegungen usw., der übrigens "nur" so originell sich zeigt, wie das Leben nun mal ist, kann die vielfältigen Interessen und unterschiedlichen, sicher manchmal auch entgegengesetzten Ansichten von Frauen besser zusammenfassen als ein - wenn auch erneuerter - DFD. Doch einbringen sollte sich der DFD schon in die nun entstehende solidarische "Weibergemeinschaft". Vielleicht profiliert er sich für die Interessen älterer Frauen, deren Abwesenheit bei der Veranstaltung in der Volksbühne bedauert wurde. Und noch eines: Ich hoffe sehr, dass es uns organisierten und jetzt kampflustig gewordenen Frauen gelingt, erstrebenswerte Veränderungen in unserem Lande nur mit den Männern gemeinsam, und nicht gegen sie, durchzusetzen. Auch wenn es jetzt streitbarer und emotionaler wird.

Karin Gaulke

aus: Für Dich 4/90