DDR 1989/90Brandenburger Tor

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ADN-Interview mit Dr. Peter Kirchner, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin

Frage: Wie sehen Sie das Problem des Rechtsradikalismus in der DDR?

Dr. Kirchner: Sehr differenziert. Wir Juden verfolgen die Entwicklungen mit Aufmerksamkeit und Besorgnis. Gleichzeitig erleben wir den breiten Widerstand gegen solche Erscheinungen, der alle Parteien sowie soziale und politische Bewegungen durchzieht, als Hoffnung. Man muss wahrscheinlich konstatieren, dass einerseits nazistisches Gedankengut bewahrt und weitergegeben wurde, andererseits Jugendliche, die eine niedrige Hemmschwelle gegenüber faschistischen Ideen haben, im Rahmen der Krise in Aktion treten. Zum dritten sehen offenbar viele Bürger ihre einzige Hoffnung rechts von der Mitte, also deutschnational, was mich auch beunruhigt.

Frage: Was genau beunruhigt Sie?

Dr. Kirchner: Gewalt und Vorurteile gegen Andersdenkende, Anderslebende, Andersethnische kurzum Intoleranz. Wir sind daher strikt gegen die Legalisierung neofaschistischer, rassistischer und antisemitischer - also undemokratischer Ideen. Dazu zähle ich auch antikommunistische Töne, wie sie seit kurzem zu vernehmen sind.

Frage: Es gibt Gerüchte, dass sich die Ost- und die Westberliner jüdische Gemeinde zusammenschließen wollen. Stimmt das?

Dr. Kirchner: Nein. Solange zwei deutsche Staaten existieren, ist das Gerücht gegenstandslos. Wir Juden sind DDR-Bürger und verstehen uns zugleich als Angehörige des jüdischen Volkes. Insofern haben wir enge Kontakte zu Juden und jüdischen Gemeinschaften in aller Welt und wegen der Nähe natürlich auch oder besonders zu Westberlin.

Frage: Aus Israel und über internationale jüdische Organisationen werden immer wieder Befürchtungen über eine mögliche deutsche Einheit geäußert. Teilen Sie diese?

Dr. Kirchner: Wir teilen die Furcht, dass ein solches Deutschland die europäische Einheit behindern könnte, und wir befürchten wie andere, dass die Gründe für die deutsche Teilung in Vergessenheit geraten sollen. Als Juden hatten und haben wir die Pflicht, auf deutsche Verantwortung und deutsche Schuld für den Massenmord an unserem Volk, an den Sinti und Roma, an Sowjetbürgern, Polen, Niederländern und Angehörigen vieler weiterer europäischer Nationen zu weisen. In der Vergangenheit haben bei uns vorwiegend Antifaschisten dieses Thema offiziell besetzt. Damit entstand der Eindruck, als wären alle DDR-Bürger automatisch Antifaschisten, was sicherlich unsere heutigen Probleme mit befördert hat. Das Thema geht aber jede Familie an. 300 000 Menschen kamen wegen ihres politischen Widerstandes in die deutschen KZ. Sechs Millionen Juden wurden ermordet. Denken Wir immer daran.

aus: Neues Deutschland, 45. Jahtgang, Ausgabe 6, 08.01.1990. Die Redaktion wurde 1956 und 1986 mit dem Karl-Marx-Orden und 1971 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet.