DDR 1989/90Brandenburger Tor

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"Das Vaterland ist in Gefahr"

Rudolf Bahro zu den Gründen für seine Rückkehr in die DDR

taz: Sie haben in der Fernsehsendung "Report" erklärt, Sie würden in die DDR zurückgehen. Begründung: "Das Vaterland ist in Gefahr." Wieso gerade jetzt, wo sich die guten Nachrichten überstürzen?

Rudolf Bahro: Die Situation ist zur Zeit eben doppelt. Dass die demokratische Revolution jetzt läuft, das ist die gute Nachricht. Dass zugleich auf der ökonomischen Ebene die Gefahr des Ausverkaufs der DDR ins Haus steht, weil die Menschen in diesem Punkt den Lernprozess noch vor sich haben, die Konfrontation mit dem westlichen Marktbegriff, das ist die schlimme Hälfte der Sache.

Sie haben die Entwicklung in der DDR "Volksrevolution" genannt. Spielen Klassen keine Rolle mehr?

Ich war ja schon in meinem Buch Die Alternative nicht mehr von einer Klassenanalyse der DDR ausgegangen, wenn auch von einer Konfrontation zwischen der Apparateherrschaft und der ganzen übrigen Bevölkerung. Ich glaube auch nicht, dass die Sozialstruktur in der DDR für den derzeit ablaufenden Prozess entscheidend ist.

Erleben wir also heute nicht nur das Ende des Führungsanspruchs der SED, sondern auch den der Arbeiterklasse?

Empirisch gesehen hat die Arbeiterklasse nie einen Führungsanspruch angemeldet, den hatte von vornherein ihre Partei gepachtet. Eigentlich ist es auch diese Stelle, wo sich das ganze theoretische Konzept als illusorisch erwiesen hat.

Sie wollen sich in der DDR dem Neuen Forum zuordnen. Wissen die schon von ihrem Glück?

Durch die Sendung eben...

Sie waren lange SED-Mitglied und sind nicht freiwillig ausgetreten. Streben Sie jetzt Doppelmitgliedschaften an?

Ach, Mitgliedschaft, ich seh das nicht so eng. Zu den Veranstaltungen des Neuen Forums gehen doch auch heute viele SED-Mitglieder. Ich denke, dass ich sowohl dieser neuen Formation ganz angehöre als auch der alten Formation, nicht verstanden als Parteiapparat, sondern eben als die Kommunisten.

Sie sind immer noch Kommunist?

Sicherlich!

Was heißt das denn heute?

Das heißt zweierlei: in erster Linie ist es eine Selbstdefinition von der Theorie her, angesichts des vordergründigen Sieges erst mal von Wissenschaft, Technik und Kapital in der westlichen Spielart festzuhalten, dass die Fragestellung von Rosa, "Sozialismus oder Barbarei", aktueller denn je ist, allerdings sich heutzutage auf die ökologische Frage im weitesten Sinne bezieht. Und was zum zweiten die unmittelbare Problematik anbetrifft, da bin ich insofern Kommunist, als ich die entscheidende Errungenschaft des politischen Systems in der DDR unbedingt verteidigen will, nämlich dass es - wenn auch bisher in Gestalt von Despotie - eine politische Entscheidung über den ökonomischen Prozess gibt. Es gilt das Primat der Politik zu verteidigen - wohlgemerkt mit Bezug auf den Begriff "polis"

-, also des Gemeinwesens über die Ökonomie.

Die Menschen in der DDR fordern neben der Demokratisierung die Modernisierung der Wirtschaft und die Hebung des Lebensstandards. Gibt es dafür überhaupt ein anderes Muster als den "american way of life"?

Es gibt einen tiefen Unterschied zwischen Lebensstandard und Modernisierung. Was uns aus der Perspektive der SED als Modernisierung zurückgespiegelt wird, ist eigentlich nichts anderes als der hoffnungslose Wettlauf des aus vielerlei Gründen unterlegenen altmodischen Industriesystems mit dem westlichen. Wir haben früher immer gealbert: "Der Kapitalismus eilt mit immer schnelleren Schritten dem Abgrund zu, und wir wollen ihn einholen und überholen." Von Überholen ist jetzt natürlich nicht die Rede, aber auf den Zug aufspringen will man.

Wie könnte man das denn verhindern?

Die neue Führung der DDR - wer auch immer das sein wird muss natürlich berücksichtigen, dass die DDR-Wirtschaft in den internationalen Zusammenhang abhängig eingebettet ist. Da kommt man nicht in einer Nacht raus. Aber wenn der industrielle Sektor modernisiert wird, dann wird es nicht nur möglich sein, die Effekte der Republikflucht aufzufangen. Dann wird die Produktion auch mit 15 Millionen Menschen zu bewältigen sein. Wenn es aber mit 15 Millionen geht, dann geht es auch mit 14 und mit 13 Millionen und zwei andere Millionen Menschen könnten eine Expedition im Land, in der DDR, antreten. Und ich denke, da eignet sich dann auch tatsächlich das Land eher für den Versuch, sich selbstversorgende Gemeinschaften zu bilden. Natürlich kann das Experiment mit einer eher hauswirtschaftlichen Produktionsweise aber auch in den Städten laufen. So etwas wäre die strategische Entscheidung für ein Stück neue Gesellschaft.

Gibt es gute Gründe für eine sofortige sehr enge Beziehung oder soll zwischen DDR und BRD erst mal Distanz gewahrt werden?

Das Wichtige auf deutschem Boden ist doch heute, dass der Teil, der eine demokratisch-politische Revolution zustande gebracht hat, nicht gleich aufgesogen wird von dem ökonomisch fürchterlich überlegenen und zugleich selbstmörderischen westlichen System. Die Autonomie des politischen Prozesses DDR jetzt zu halten, ist das Entscheidende. Es wäre doch absurd, in dem Augenblick, wo die DDR endlich volkseigen wird, in drei oder vier Jahren den Ausverkauf bilanzieren zu müssen.

In der DDR wird derzeit viel entwertet und neubewertet. Im August 1977 haben Sie "Die Alternative" veröffentlicht - was gilt davon noch, und was ist passe?

Fangen wir mal an bei dem, was überholt ist. Die Alternative war ein Entwurf für Perestroika und Glasnost unter der Führung der Partei, die selbst die Initiative von oben rechtzeitig ergreift. Es hat sich also rausgestellt, dass der eigentliche Adressat der Alternative Michail Gorbatschow war. Etwas Ähnliches hat die SED historisch verpasst. In der DDR trifft sich der Prozess aus der Sowjetunion jetzt mit einer Initiative von unten. Ich glaube, dass ich in beiden Zusammenhängen, dem Neuen Forum und der SED, ganz bin.

Bei den Grünen in der Bundesrepublik konnten Sie nach fünf Jahren nicht mehr "ganz" sein?

Umgestaltung entscheidet sich doch nicht auf der Ebene des Politikkastentums, die Ebene, auf der das politische System hier hantiert. Ich habe einfach gefunden, dass ich meine Kräfte da verschwende.

Was das Bleibende an der Alternative anbetrifft, das ist schon Rot-Grün. Es geht um den Primat der Ökologie gegenüber der Ökonomie. In der Bundesrepublik wird das klar werden daran, dass diese ganzen ökotechnokratischen Vorstellungen von der Ökosteuer bis zu der am weitestgehenden von Joschka Fischer in seinem neuen Buch Umbau der Industriegesellschaft dargelegten Position nichts wirklich verbessert. Es ist ja gut, diesen öko-modernistischen Pragmatismus erst mal auf die Spitze zu treiben, denn aus diesem Experiment wird man schnell lernen, dass das an die Wurzeln des Zerstörungsprozesses überhaupt nicht ranführt. Wenn wir in den letzten 15 Jahren erlebt haben, dass der Einwurf der Grünen aus den 70er Jahren zum allgemeinen Konsens geworden ist, so wird in den 90er Jahren allgemeiner Konsens werden, dass wir das Fundament der Zivilisation ändern müssen, dass das die Herausforderung ist. Wenn das sogar hier im Westen passiert, dann müssten doch die revolutionären Reformkräfte im Osten, in einem Moment, wo sich dort sowieso die Gesellschaft als formbar zeigt, in der Lage sein, über die Durststrecke hinwegzukommen und von vornherein eine ökologische Perestroika ins Auge fassen.

Wovon wollen Sie in der DDR leben? Und wo?

Ich gedenke, nach Berlin zu gehen. Dort habe ich gelebt, dort habe ich auch Freunde, und ich kann mir gut vorstellen, an der Humboldt-Universität Vorlesungen zu halten - am liebsten in den Abendstunden, damit nicht nur Studenten kommen.

Davon kann eine ganze Familie leben? Oder sind Sie durch ihre Veröffentlichungen Rentier geworden?

Nee, das bin ich nicht. Ich habe alles, was ich hatte, in Niederstadtfeld, wo ich in den letzten Jahren gelebt habe in den Ausbau unseres Tagungshauses investiert, wo wir Grundlagen ökologischer Politik behandeln wollen. Da ist nichts mehr übrig. Allerdings ist meine Frau unabhängig, d.h. die Ernährung meiner kleinen Tochter Hannah ist gesichert. Und ich persönlich hab kein materielles Problem.

Wann gehen Sie rüber?

Bald, wirklich bald. Aber ich hab ja nun auch keine Panik. Ich will in Kürze erst mal rübergehen und sehen, wie ich dort landen könnte. Und dann will ich auf jeden Fall Mitte Dezember da sein, wenn der Parteitag losgeht...

...Der von der SED? Glauben Sie, dass Sie da Rederecht bekommen?

Ich weiß es nicht, aber ich finde, der Parteitag müsste aufgemacht werden für alle Oppositionsgruppen, die es dort gibt. Und ich denke, dass ich genauso qualifiziert wäre, zur Einschätzung der Lage etwas zu sagen.

Als Sie 1979 nach Westdeutschland kamen, haben Sie gesagt: "Ich kann hier nicht gefressen werden!" ist die DDR ein gefährlicheres Pflaster?

Na ja, so einfach ist es dort nicht für mich. Hier bin ich für meine theoretische Position, für meine politischen Haltungen verantwortlich, und die Gesellschaft begünstigt es auch, sich von weiteren Dingen da frei zu halten. In der DDR ist das anders. Soviel auch davon die Rede ist "SED tut weh!", ich muss doch erst einmal bekennen, so wie ich gebaut bin, wäre ich nicht ohne die SED. Selbst meine Kritik an ihr, Die Alternative, setzt die Partei voraus. Und das gilt weiter: das Volk mit seiner jetzigen Identität wäre nicht so ohne die SED und die Mauer.

Ist das jetzt eine Rechtfertigung der Mauer?

In geschichtlichen Prozessen geht's eigentlich nicht um Rechtfertigung. Ich muss nur sagen, ich hab die Mauer mitgebaut - nicht Steine bewegt, aber ich habe gesagt: "Endlich!", als sie gebaut wurde, endlich machen wir das. Und auch wenn ich Selbstkritik geübt und ein Buch darüber geschrieben habe und mich mit ihnen anlegte, fällt meine persönliche Verantwortung nicht flach. Volker Braun hat gesagt, man mache dann auf dem Absatz kehrt. Ich nicht.

Wer wird die neue Führung?

Die demokratische Revolution hat schon gesiegt, auch wenn sie noch stabilisiert werden muss. Die Frage: "Wie geht es dann weiter?" kann eigentlich nur in einem Prozess, der den Volkskonsens neu formt, angegangen werden. Die entscheidende Ebene dafür kann gar nicht besser ausgedrückt werden als in dem Namen "Neues Forum". Dabei denke nun nicht an eine Perspektive, die einige wohl doch haben, sich als besondere Partei der Volkskammerwahl zu stellen. Ich denke eher, alle Menschen, die zu diesem Entscheidungsprozess über die Zukunft beitragen wollen, müssen sich auf diesem Boden neu treffen. Und das ist dann eben die Bärbel und der Hans, nicht Frau Bohley (NF) und Ministerpräsident Genosse Modrow (SED). In genau solch einer Sphäre des freien Geisteslebens, einem absoluten Freiraum in dem um die Perspektive gerungen wird, entsteht die neue Führung. Das Aufkommen der Ausverkaufs-Debatte zeigt schon, dass man im politischen Prozess in der DDR jetzt auf zwei Beinen gehen muss - das heißt Kampf und Schulterschluss in Kombination. Und wo die demokratische Revolution gelaufen ist, macht es überhaupt keinen Sinn, nach der UNO zu rufen zur Wahlbeobachtung. Das macht das Volk nun wirklich selbst.

Interview: Georgia Tornow

aus: taz Nr. 2965 vom 17.11.1989

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