DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Betrifft: 40 Mio Polen

Ich bin allein erziehende Mutter von zwei Kindern und gehöre damit bestimmt nicht zu den privilegierten Schichten unserer Gesellschaft. Ich wohne in der Nähe des Centrum-Warenhauses am Hauptbahnhof [heute Berlin Ostbahnhof, das Kaufhaus ist entzwischen geschlossen worden] und bin auch ständige Kundin der in der Nähe gelegenen Kaufhalle.

Schon seit Jahren habe ich die oft sehr unfreundliche Bedienung unserer polnischen Nachbarn zuerst mit einem unangenehmen Gefühl registriert und habe dann auch protestiert. Ein Gefühl der Angst und der Wut bemächtigte mich meiner, als die vielen zivilen und polizeilichen Beamten im Centrum-Warenhaus und in der Kaufhalle auftauchten. Dieses Gefühl steigerte sich noch, als ich als Reaktion auf meine kritischen Bemerkungen eine ungeteilte Zustimmung zu dem Verkaufsverbot für polnische Bürger ohne Arbeitserlaubnis feststellen musste. Abfällige Bemerkungen wie "Das geschied den Polacken recht" waren keine Seltenheit.

Nach den Enthüllungen des Wochenendes möchte ich doch einige Gedanken hier äußern.

Ich denke, wir sollten uns darüber im klaren sein, dass wir diese unsere "Wende" nicht zuletzt dem polnischen Volk der "Solidarność" zu verdanken haben. Denn sie waren die ersten, die sich gegen ihre korrupte Partei- und Staatsführung organisierten und erhoben. Die Polen mussten sich ihre Rechte und Freiheiten erstreiken und mit einem jahrelangen Kriegsrecht bezahlen, das das Land in einen noch tieferen wirtschaftlichen Ruin führte. Dass uns das bis jetzt alles erspart blieb, um haben wir wohl auch ihnen zu verdanken.

Ich denke, wir sollten auch nicht vergessen, dass wir als besiegtes Land des zweiten Weltkrieges wirtschaftlich gesehen eigentlich zu den Siegern gehören - immerhin sind wir das reichste Land der Warschauer Vertragsstaaten. Dazu hat uns nicht nur der berühmte "Fleiß" der Deutschen gemacht, sondern auch die starken Vergünstigungen im Ost-West-Handel.

Da empört es mich einfach, dass ein polnischer Bürger bei uns keine 300 g Wurst oder 2 Süßtafeln mehr kaufen kann, wenn er keine Arbeitserlaubnis hat.

Vergleiche ich die Devisenschiebereien und verbrecherischen Machenschaften eines Herrn Schalck-Golodkowski mit den Schiebergeschäften einiger polnischer Bürger, erscheinen mir diese fast lächerlich und die eingeleiteten Maßnahmen gegen diese eher dazu geeignet, Ausländerhass zu schüren und von den Schuldigen der eigenen wirtschaftlichen Misere abzulenken.

Ich hätte mir gewünscht, wenn die Bürger, welche diese Maßnahme so begrüßt haben, schon früher, vor der "Wende", mit gleicher Vehemenz gegen Unrecht im eigenen Land aufgetreten wären und in der Mehrzahl nicht schweigend zugesehen hätten, wie viele kritische Bürger ins Gefängnis kamen oder das Land verlassen mussten.

G(...) H(...)
Berlin 1017

aus: Berliner Zeitung, Nr. 296, 16./17.12.1989, 45. Jahrgang

Betrifft
40 Mio Polen
(immer wieder)

"Naive H(...), Du Polakenhure, ab ins Reich oder unter die Dusche mit Dir, solchen Wulst zu verfassen. Ich denke Du hast 2 Gören, die wollen doch groß werden, dann können die Polen nicht alles wegkaufen, klar!?"

Soweit die Meinung des natürlich anonymen - Lesers (oder Leserin?). G(...) H(...) hatte auf der ersten PODIUM-Seite am 16.12. ihre Sorgen über eine bestimmte Stimmungsmache gegen 'die Polen' geäußert. Sie hat viele Briefe in der Art des oben abgedruckten bekommen. Wütende, keifende, drohende, auch sehr lange und nicht alle anonym. Alle beweisen sie uns, wie recht G. H(...) mit ihren Sorgen hatte. Es betrifft - auch! - 40 Mio Polen immer wieder. Es betrifft aber vor allem UNS!

(PODIUM)

aus: Berliner Zeitung, Nr. 296, 30./31.12.1989, 45. Jahrgang

Δ nach oben