DDR 1989/90Brandenburger Tor

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"Das Neue Forum ist nur eine Plattform"

Interview mit Bärbel Bohley (45), Mitbegründerin des Neuen Forums / Sie widerspricht der Westpresse: Wir sind kein Dachverband Die verschiedenen Gruppen bleiben weiter autonom / Noch hofft das Neue Forum auf Anerkennung in einzelnen Bezirken

Nicht nur die am Sonntag vor dem Leipziger Hauptbahnhof postierten Stasi-Leute waren verblüfft über die DDR-Opposition. Vergeblich warteten sie auf die "Staatsfeinde" vom Neuen Forum und diversen anderen kritischen Gruppen. Die waren auf anderen Wegen aus dem ganzen Land in die Messestadt gereist und mieden den vorgesehenen Tagungsort. So sehr sich manche über den Coup freuten, so missgelaunt reagierten viele TeilnehmerInnen des Treffens, als sie abends in der bundesdeutschen "Tagesschau" vernahmen, sie hätten das Neue Forum zur künftigen "Dachorganisation" der DDR-Opposition erkoren. In dieser Eindeutigkeit ist in Leipzig kein Beschluss gefasst worden, hieß es am späten Abend. Die Verwirrung beruht offenbar auf verschiedenen Interpretationen des unverbindlichen Treffens. Während einige TeilnehmerInnen meinen, die Opposition müsse über kurz oder lang eine gemeinsame Organisation aufbauen, befürchten andere den Verlust ihrer autonomen Existenz oder eine Einschränkung ihrer Dialogfähigkeit sowie ihres Aktionsradius.

taz: Man sollte meinen, die DDR-Opposition ist ein Hühnerhaufen. Wenige Stunden nach der überraschenden Gründung des angeblichen Dachverbandes flattern diverse Interpretationen durch die Gegend. Was ist tatsächlich in Leipzig geschehen?

Bärbel Bohley: Da muss etwas klar gestellt werden. Bei dem Treffen handelte es sich um eine Zusammenkunft von verschiedenen Gruppen, die schon seit langer Zeit geplant war und genau zu diesem Termin. Wir haben keine Dachorganisation gegründet, sondern darüber gesprochen, welchen Raum jede dieser Gruppen im gesellschaftlichen Leben der DDR einnehmen will und an welchen Stellen wir etwas verändern wollen. Da gibt es Unterschiede zwischen dem Neuen Forum und den verschiedenen Gruppen. Diese Unterschiede sind nicht weggewischt worden, sie existieren weiter. Manche Gruppen haben ein Programm, während das Neue Forum keines hat.

Was wurde konkret über die Zusammenarbeit innerhalb der Opposition besprochen?

Eigentlich wurde noch mal klargestellt, was die einzelnen Gruppen und Initiativen wollen. Das Neue Forum will keine Dachorganisation, sondern eine Plattform sein, auf der sich die verschiedensten Menschen treffen können: Christen, Genossen, Nicht-Genossen, alle möglichen Berufsgruppen. Wir wollen miteinander sprechen. Natürlich sind im Neuen Forum dann auch Menschen aus Gruppen vertreten. Das bedeutet noch lange nicht, dass die Gruppen ihre Autonomie aufgeben. Sie bleiben selbständig und vertreten ihre eigenen Inhalte. Inhalt und Ziel des Neuen Forum bestehen darin, den gesellschaftlichen Dialog über Wirtschaft, Kultur, Umwelt und Recht in Gang zu setzen - außerhalb der Kirche, DDR-weit, offen für alle und legal.

Das bisherige Dilemma der quasi oder tatsächlich illegalen Gruppen bestand bislang darin, dass sie sich in Hinterhöfen und Kellerräumen einbunkerten und darüber hinaus persönlichen Kleinkrieg praktizierten. Wenn ihr diesen Ghetto-Mief lüften wollt - in welcher Form können Leute bei euch mitarbeiten?

Das Neue Forum ist offen für alle, und jeder kann sich mit seinen Erfahrungen einbringen. Das erfordert eine Koordination und eine Struktur, die sich erst bilden muss. Die bestehenden Gruppen verfügen über eine Struktur. Es ist gar nicht möglich, dass das Neue Forum die Struktur von bestehenden Gruppen übernimmt. Wir stehen ganz am Anfang. Die Absprache zwischen den Gruppen und dem Neuen Forum bestand darin, dass wir gesagt haben, wir müssen solidarisch sein. Letztendes wollen wir dasselbe, bloß auf unterschiedliche Weise. Während einzelne Gruppen bereits Zielvorstellungen haben, setzen wir uns dafür ein, dass die Gesellschaft wieder Lust bekommt, Zielvorstellungen zu entwickeln.

Das Neue Forum wurde in der DDR über die elektronischen Westmedien bekannt. Deren Interesse wird abflauen und ist ohnehin eine zwiespältige Grundlage für eure Demokratiebewegung. Wie stellt ihr euch die weitere Öffentlichkeitsarbeit in der DDR vor?

Sie hängt davon ab, ob das Neue Forum legal arbeiten kann oder nicht. Wir werden auf jeden Fall irgendwann Zeitungsblättchen machen und versuchen, darüber die Diskussion über unsere Ziele und Inhalte zu führen.

Also das 95. Untergrundblatt?

Das glaube ich nicht. Die Menschen, die im Neuen Forum mitarbeiten, repräsentieren ein viel größeres Spektrum der DDR-Bevölkerung als in den bestehenden Gruppen. Dort arbeiten ja sehr oft Menschen mit, die aus dem gesellschaftlichen Leben der DDR ausgestiegen sind oder hinausgeworfen wurden. Demgegenüber gehören zum Neuen Forum vorwiegend Leute, die mitten im Berufsleben stehen und mit viel Sachkenntnis in die Diskussion einsteigen können. Es gibt bei uns Leute, die seit zwanzig Jahren einen Betrieb leiten, und die wollen jetzt was zur Wirtschaft sagen.

Das Neue Forum wurde in der letzten Woche als staatsfeindlich eingestuft. Mitgliedern drohen bis zu zehn Jahren Gefängnis. Wird diese Drohung abschreckend wirken oder ist die Stimmung so, dass die Leute sagen: jetzt oder nie?

Wie es bisher aussieht, wirkt es überhaupt nicht abschreckend. Der Aufruftext des Neuen Forums ist sehr offen. Jeder hat das Empfinden, wenn das schon als staatsfeindlich eingestuft wird, dann kann ich kaum noch Luftholen in diesem Land. Und das will sich niemand verbieten lassen. Zum anderen ist das Neue Forum in fast allen Bezirken der DDR angemeldet worden, und allein der Minister des Inneren hat entschieden, dass wir staatsfeindlich seien. Vielleicht gibt es Bezirke, die ein wenig näher an der Basis sind, als der Minister. Möglicherweise entscheiden sie anders. Weder die anderen Anmelder noch ich haben bisher einen schriftlichen Bescheid, wir können also noch nicht den verwaltungsrechtlichen Weg gehen.

Nach den Verlautbarungen im 'Neuen Deutschland' und in der 'Jungen Welt' erscheint mir der Glaube an die Legalisierung des Neuen Forums blauäugig.

Ich denke an die Zukunft, insofern bin ich nicht blauäugig sondern hellsichtig. Die DDR kommt nicht drum herum, irgendwann so etwas wie das Neue Forum zu legalisieren. Natürlich glaube ich nicht, dass das in den nächsten vier Wochen passiert. Irgendwann werden sie uns dankbar sein. Ähnliches haben wir ja mit der Diskussion um die Nachrüstung erlebt: heute ist es sozusagen Staatspolitik, was die "Blauäugigen" damals vertreten haben. Manchmal ändern sich die Zeiten schneller als man denkt.

Rechnest du damit, in den nächsten Tagen verhaftet zu werden?

Ich hoffe nicht.

Das Gespräch führte Knud Rasmussen

aus: taz Nr. 2920 vom 26.09.1989

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