DDR 1989/90Brandenburger Tor

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OFFENER BRIEF

Werter Dr. B(...)!

Ich bin Abteilungsleiter im VEB Industriewerke Karl-Marx-Stadt, Mitglied der SED und vor allem Mutter.

Es ist schwer, die Wirkung der vielen Ereignisse der letzten Wochen auf mich kurz zu beschreiben, Nur so viel:

Ich bin eine der am meisten Betrogenen! Der Verrat einiger, aber dennoch viel zu vieler unserer Parteiführung an den Idealen und Zielen unserer Sache empört mich unbeschreiblich. Dennoch glaube ich an diese Ideale einer sozialen, demokratischen Gesellschaft, in der jeder Mensch Mensch sein kann.

Ich bin froh, dass sich jetzt etwas tut, dass die Zeit des Unwissens, des Duldens, des Duckend vorbei ist. Ich kämpfe mit für demokratische Wahlen, für politische Organisationsformen, die das Geschehene nicht wiederholbar machen, und ich kämpfe für durchgreifende wirtschaftliche Reformen.

Ich bin aber auch empört über Ihren eben im Rundfunk vernommenen Aufruf zum Generalstreik!

Ich bin sicher, dass sich Anhänger Ihres Vorschlages finden werden:

- solche, die die Auswirkungen nicht abschätzen können,

- solche, die hasserfüllt radikal sein wollen,

- und auch solche, die glauben, schon immer zu viel gearbeitet zu haben.

Aber Sie sind doch hoch gebildet und tragen viel Verantwortung!

Ich empfinde Ihren Aufruf in dieser politisch und vor allem wirtschaftlich angespannten Situation als eine Sabotage am Erneuerungsprozess. Denn die Auswirkungen von Streiks haben doch nicht die paar Leute der Parteiführung der SED gegen die sich erneut Ihr Hass richtet, zu tragen: die Auswirkungen trägt das Volk der DDR. Und ich glaube behaupten zu können, dass die Mehrheit dieses Volkes die Stärkung der Wirtschaftskraft will. Es muss doch vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet vorangehen und nicht in Richtung polnisches Chaos! Und dafür müssen wir mehr arbeiten! Ich fordere Sie auf, Ihren Aufruf zurück zu ziehen und zur Besonnenheit aufzurufen! Setzen Sie Ihre Forderungen doch endlich, wie versprochen, am Runden Tisch durch! Schüren Sie den Hass nicht weiter! Werden Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst und missbrauchen Sie nicht auch Ihre Macht!

Kerstin R(...)

Aus: Forum des Neuen Forum, freie presse, Nr. 290, 09.12.1989, 27. Jahrgang, Tageszeitung der SED für den Bezirk Karl-Marx-Stadt