DDR 1989/90Brandenburger Tor

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"Was ist und was will das NEUE FORUM?"

Diese Überschrift trägt das Diskussionspapier, das vom NEUEN FORUM auf der öffentlichen Stadtverordnetenversammlung am Montag vorgestellt wurde. Mit Sympathie und voller Spannung erwarteten wir, was die Sprecher dieser Gruppe, die längst zugelassen sein müsste, an NEUEM vorzustellen hatten. Angesichts der Unbedarftheit der zuvor aufgetretenen FDJ-Mandatsträgerin und der schockierenden Farblosigkeit eines U. P(...) wäre es kaum schwer gewesen sich zu profilieren. Was dann aber als "strategische" Überlegungen vorgestellt und später auf einer A 4-Seite ausgehändigt wurde und sich als Arbeitsergebnis der "Strategiegruppe des NEUEN FORUM Rostock" auswies, ernüchterte und machte betroffen. Denn dieses Papier kann die Klage über allgemeines Konzeptionsdefizit nur verstärken.

Überzeugend ist es nicht, wenn versucht wird, alte Dogmen durch neue Schablonen zu verdrängen. Was hier als weitsichtiges Vordenken ausgegeben wird, ist nicht mehr als eine Mischung aus Reizworten und - freilich werbewirksamen - Parolen. Dies ist natürlich leicht zu bewerkstellige, wenn für die Lösung kompliziertester gesellschaftlicher Probleme simpelste Rezepte verordnet werden.

Für einen menschlichen, demokratischen Sozialismus sind wir alle. Aber wie er denn aussehen sollte, gerade dafür erwarteten wir Vorschläge vom NEUEN FORUM. Diese aber fallen mehr als dürftig aus. Mit Schlagworten wie Demokratie, Menschenrechte, Mündigkeit usw., längst allgemein anerkannte Forderungen, ist es nicht mehr getan. Andere, so die sich in drei Attributen (marktwirtschaftlich, sozial und ökologisch) erschöpfenden wirtschaftspolitischen Postulate, machen misstrauisch. Zu erklären, wie diese drei sich unserer Meinung noch beißenden Ansprüche harmonisiert werden könnten, dieses Kunststück bleibt das NEUE FORUM schuldig. Ist dagegen der Ruf nach "Trennung von Partei und Wirtschaft" als Voraussetzung noch diskutabel, so offenbart die folgende Losung "Ökologie vor Ökonomie" eine gefährliche Konfusion. Auch wir meinen, Umweltschutz und sozialistische Wirtschaft, gehören zueinander. Aber diese Losung, in ihrer Absolutheit, müsste dem NEUEN FORUM verbieten, eine zusätzliche eigene Zeitung zu beantragen, die nur mehr Schmutz hervorbrächte, statt zu entlasten.

Ohnehin sind viele Punkte, die einen strategischen Wert beanspruchen, angesichts der rasanten politischen Entwicklung längst überholt. Das betrifft z.B. Verfassungsgericht, gesamte Kulturpolitik, zivilen Wehrersatzdienst, Wehrkundeunterricht, ZV usw., usf. Das liegt daran, dass das, was hier als strategische Überlegungen präsentiert wird, wohl das Produkt der ersten Gehversuche von Hobbypolitikern, nicht aber einer fundierten Gesellschaftsanalyse darstellt. Diese findet sich gegenwärtig bei anderen politischen Kräften (LDPD, NDPD, SED), wo sie schon in entstehende gesamtgesellschaftliche Konzeptionen einfliegt. Das trifft auch für Teilbereiche (Kultur, Bildung etc.) zu. Die Sprecher des NEUEN FORUM gingen auf diese Entwicklungen, die ihre Gruppe offensichtlich überholt haben, nicht ein. Das ist ihr gutes Recht. Aber ihre Pflicht sollte es auch sein, sorgsam mit der Verantwortung umzugehen, die sie auf sich nehmen. Tun sie das, wenn sie uns gegenüber erklären, Solidarność habe genauso begonnen? Tun sie das allein dadurch, dass sie Menschen um sich scharen, in dieser Zeit der Verunsicherung, in der viele Menschen auf der Suche sind und dabei das NEUE FORUM finden?

Heißt Verantwortung übernehmen heute nicht vor allem, wirkliche Alternativen vorzuschlagen?

Ein neues Forum ist gut. NEUE Gedanken wären besser.

K. A(...)/D. R(...) Rostock

aus: Ostsee-Zeitung, Nr. 263, 08.11.1989, 38. Jahrgang, Organ der Bezirksleitung Rostock der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Herausgeber: Bezirksleitung Rostock der SED


In unserer Ausgabe vom 8. November veröffentlichten wir auf Seite 4 mit der Überschrift "Was ist und will das Neue Forum?" eine Zuschrift unserer Leser K. A(...) und D. R(...) aus Rostock. Dazu schrieb uns Axel P(...) aus Behnkenhagen:

Das will das NEUE FORUM

Wie Sie enden in Ihrem Artikel vom 8.11.89, will ich beginnen. "Ein NEUES FORUM ist gut. Neue Gedanken wären besser". Noch vor einigen Wochen war eine Zusammenkunft des NEUEN FORUMS fast strafbar, erfolgte unter Druck und Drohungen. So sind wir noch beim ersten Satz, der in der Tat den zweiten nach sich zieht. Unsere Vereinigung versteht sich ab Bürgerbewegung, d.h., dass wir viele Bürger bewegen, endlich, enttäuscht von alten Strukturen, ein neues Forum zu bilden. Wir folgen eben nicht dem alten gescheiterten Konzept, Gedanken vorzugeben, hinter die sich die Menschen stellen. Nein, wir schützen die zarte Pflanze der eigenen Meinung gerade vor dem Schreien nach Konzepten und Strategien. Ich verzeihe Ihnen Ihre Unwissenheit, aber trotz der Kürze der Zeit, da das NEUE FORUM existiert, erst um Anerkennung ringend, gibt es schon eine Unmenge Arbeitspapiere, Konzepte, Vorstellungen von Basisgruppen oder in thematischen Kreisen erarbeitet. Noch immer können wir sie nicht öffentlich machen. Wir alle tun diese Arbeit neben unserem Beruf im Gegensatz zu den von Ihnen genannten Parteien. Wir sind uns sehr wohl im klaren darüber, wie anfällig das NEUE FORUM gegen Anschuldigungen der Konzeptionslosigkeit ist, lassen uns aber nicht davon abbringen, eine Bürgerbewegung zu bleiben. Wer Direktiven sucht, ist falsch bei uns, wer Inhalte mitgestalten, sich selbst einbringen will, ist willkommen. Die von Ihnen so genannte rasante politische Entwicklung bedarf aber auch sowieso noch der Umsetzung in die Tat, bevor sie überholt ist, vom Verfassungsgericht bis zum zivilen Wehrersatzdienst. Verantwortung übernehmen sollen endlich jene ungehindert, die wir frei wählen, daher finde ich neue Gedanken sind gut, ein zugelassenes NEUES FORUM ist besser!

aus: Ostsee-Zeitung, Nr. 281, 29.11.1989, 38. Jahrgang, Organ der Bezirksleitung Rostock der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Herausgeber: Bezirksleitung Rostock der SED

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