DDR 1989/90Brandenburger Tor


Wer muss was leisten ?

            - von unten gesehen -

Ein Lieblingsthema der Medien, vor allen aber von Partei- und Staatsfunktionären und ihren Betriebsleitern ist neuerdings wieder die Durchsetzung des Leistungsprinzips - ein im Grunde alter Hut aus der Mottenkiste der Abteilung Agitation und Propaganda. Wieder einmal soll versucht werden, den Werktätigen die Schuld für die Wirtschaftskrise in die Schuhe zu schieben: wenn es nämlich bergab geht, wenn nicht genügend Waren in den Geschäften zu haben sind oder wenn die DDR zunehmend weniger auf dem Weltmarkt zu bieten hat, dann haben eben die Werktätigen nicht genügend geleistet.

Das klingt zunächst ganz plausibel, denn tatsächlich lässt sich nur verbrauchen, was zuvor hergestellt wurde, kurz: wir leben heute, wie wir gestern gearbeitet haben, und leben wir miserabel, haben wir uns das demnach selbst zuzuschreiben. In der Tat wissen die meisten von uns, dass - auch abgesehen von schlechter Organisation der Produktion, Materialmangel usw. - durchaus mehr geleistet werden könnte. Manch einer hat sogar ein schlechtes Gewissen deswegen. Sind wir also selbst Schuld, wenn die Karre jetzt im Dreck steckt?

Von unten gesehen hat diese auf den ersten Blick recht einleuchtende Argumentation ein paar kräftige Haken:

1. Trotz der vielgepriesenen "zweiten Lohntüte" d.h. der Subventionen für Grundnahrungsmittel, Mieten usw. - sind wir im internationalen Vergleich auf dem Weg zum Billiglohnland. Das zeigt sich u.a. darin, dass auf dem bundesdeutschen Arbeitsmarkt Leiharbeiter aus der DDR gern gesehen sind - jedenfalls bei Unternehmern! Für die Kollegen drüben bedeutet das zusätzliche Konkurrenz und wachsender Druck auf den Lebensstandard.

Wenn aber unsere Werktätigen weniger Lohn erhalten und dennoch das gleiche leisten sollen, dann heisst das, sie werden unterbezahlt oder mit anderen Worten, die Ausbeutungsrate ist für sie höher als für andere Lohnarbeiter, ganz gleich, ob sie im In- oder Ausland eingesetzt werden. Wenn daher bei uns geringere Leistungsbereitschaft herrscht, entspricht das zunächst nur der geringeren Bezahlung.

Soll jetzt die im Ganzen zu geringe Lohnsumme unter den Leuten nur anders verteilt werden, wachsen damit lediglich Neid und Missgunst zwischen den Kollegen, besonders wenn sie diese Aufteilung nach neueren Modellen auch noch selbständig unter sich vornehmen sollen. Mag sein, ein Teil von ihnen wird dadurch zu höheren Leistungen angeregt, aber diejenigen, die nun noch schlechter wegkommen, werden auch noch weniger Grund sehen, ihr Bestes zu geben. Diese Wirkungen heben sich gegenseitig auf; unterm Strich bleibt die Gesamtleistung so, wie zuvor.

Wer also volle Leistung verlangt, der muss sie auch voll bezahlen und als Maßstab gilt nicht, was sich irgendein Politbürokrat an seinem Schreibtisch ausgedacht oder was er in der dritten Welt abgeguckt hat: als Maßstab gilt, was im Weltdurchschnitt für Arbeit auf vergleichbarem Niveau gezahlt wird.

2. Höherer Lohn ist aber nur die eine Seite der Medaille. Mit Geld ist nämlich herzlich wenig anzufangen, wenn es nichts oder zu wenig dafür zu kaufen gibt. Ob aber Waren des täglichen Bedarfs in ausreichender Menge hergestellt werden oder nicht, hängt zu allerletzt vom Fleiss der Werktätigen ab. Die Planer - letztlich Partei und Regierung - bestimmen, wieviel von der vorhandenen Produktionskapazität auf Konsumgüter für die eigene Bevölkerung verwendet wird und was dagegen für Produktionsmittel, Export, Luxusgüter, Militär, Staatssicherheit usw. Verwendung findet. Und da stehen die Bedürfnisse der Regierenden ganz oben und die der Werktätigen ganz unten.

Wenn also hierzulande weniger geleistet wird als möglich wäre, liegt das nicht allein an der zu geringen Bezahlung sondern vor allem an der miserablen Versorgung. Zudem darf sich niemand wundern, wenn ein Teil der Arbeitszeit dafür draufgeht, den enormen Mehraufwand zu verringern, den der DDR-Bürger, verglichen mit anderen Industriestaaten, leisten muss, will er sich Lebensmittel, Kleidung, Reparaturen usw. beschaffen.

3. Die Menge der verfügbaren Konsumgüter allein ist aber auch nicht entscheidend. Ihre Qualität fällt erheblich ins Gewicht - und die lässt sehr zu wünschen übrig. Niemand ist bereit ausgezeichnete Arbeit zu leisten, um sich für seinen Lohn Schund und Pfusch andrehen zu lassen, weil alles, das irgendwie brauchbar ist, in den Export, geht oder von den Herrschenden selbst verprasst wird. Auf die Dauer kann man von den Werktätigen also nicht verlangen, dass sie nach Maßstäben, die das Weltniveau setzt produzieren und nach den Maßstäben vorindustrieller Hinterwäldler konsumieren.

4. Über Jahre hinweg wurde nun versucht, die mangelnde Leistungsbereitschaft vor allen in volkswirtschaftlich wichtigen Bereichen mit sogenannten ökonomischen Hebeln zu steigern. Durch Sonderzahlungen und direkte Lohnerhöhungen kam mehr Geld in Umlauf, ohne dass eine entsprechend größere Menge an Konsumgütern eingeplant und in den Verkauf gebracht wurde. Wenn aber mehr Zahlungsmittel als Waren vorhanden sind, verliert das Geld seinen Wert. Seit geraumer Zeit trägt man dem Rechnung, indem nach und nach die Preis erhöht werden. Die zusätzlichen Lohngelder von gestern werden heute durch die verdeckte Inflation "aufgefressen". Was aber noch schlimmer ist: die Preise beginnen allmählich schneller zu wachsen als die Löhne und das bedeutet, der Lebensstandard sinkt. Von dieser Entwicklung zu erwarten, dass nicht weiterhin Resignation um sich greift, sondern im Gegenteil die Leistungsbereitschaft auch noch steigen würde, das verlangt schon ein gehöriges Maß an Einfältigkeit und Weltfremdheit.

Durchsetzung des Leistungsprinzips kann daher nur bedeuten, die Versorgungslage drastisch zu verbessern und die Entlohnung der bereits vom Staat verlangten, aber von den Werktätigen zu Recht verweigerten Leistung anzupassen. Dies wäre allerdings nur ein erster Schritt zur Entkrampfung der wirtschaftlichen und politischen Lage. Mit Sozialismus hätten solche Maßnahmen dagegen noch immer nichts zu tun, solange den Werktätigen im Grunde nur übrig bleibt, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, ganz gleich, ob nun der Käufer Privatkapitalist heisst oder schlicht und einfach Staat.

Die Bereitschaft, sich nach Kräften in den gesellschaftlichen Produktionsprozess einzubringen, könnte allerdings auch auf einem anderen Weg entstehen, wenn wir nämlich ein eigenes Interesse an unserer Tätigkeit entwickelten, d.h. wenn unserer freien Initiative jeder Spielraum gegeben wäre und die dadurch erzielten Veränderungen unmittelbar den Werktätigen selbst zugute käme, z.B. indem wachsende Produktivität der Arbeit zu stets sinkender Arbeitszeit führte. Aber es ist ja das große Dilemma dieses angeblichen Sozialismus, dass jede Initiative, die nicht von oben. kommt, mit aller Konsequenz erstickt wird - das ist die Grunderfahrung, die hier jeder von Kindesbeinen an immer wieder machen muss, bis er sich abgewöhnt hat Initiative zu zeigen oder durch "Abstimmung mit den Füßen" das hinter sich lässt.

Ohne dass sich an diesem Problem - d.h. der Stellung der Werktätigen im Produktionsprozess selbst etwas Grundlegendes ändert, hat die DDR wirtschaftlich nicht die geringste Chance, sich zu behaupten, sondern wird dem internationalen Großkapital in die Hände fallen, um, ähnlich einem Entwicklungsland, ausgepresst zu werden, wie ein Zitrone. Wenn es aber gelänge, sich den nötigen Spielraum für die umfassende Entfaltung der Initiative eines jeden zu erobern, würde sich zeigen, wie überflüssig die ganze Politbürokratie bereits für die heutige und erst recht für eine künftige Produktionsweise ist und welches ungeheure Produktionswachstum überhaupt aus der Überwindung der Herrschafts- und Knechtschaftsverhältniss entspringt. In diesen Sinne können die Werktätigen tatsächlich die Verantwortung für die weitere Entwicklung des Landes übernehmen.

INITIATIVE FÜR UNABHÄNGIGE GEWERKSCHAFTEN
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