DDR 1989/90Brandenburger Tor

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DOKUMENTATION

"Quelle der Inspiration"

Brief der Initiative Frieden und Menschenrechte zum zehnten Jahrestag der Charta 77

Liebe Freunde, als vor zehn Jahren die Charta 77 entstand, gab es viele Skeptiker, die ihr kein langes Leben prophezeiten. Zu stark waren der Druck der Macht und die Lähmung der Gesellschaft. Ihr habt die Inhaftierung der Sprecher und vieler Unterzeichner, die offene und verdeckte Repressionen und die Taktik des Totschweigens überstanden. Die Charta wurde nicht zur Massenbewegung und konnte auch nicht alle Verletzungen der Menschenrechte verhindern, sie entwickelte sich aber zur politischen und moralischen Autorität... Für uns war und ist die Existenz der Charta und anderer Menschenrechtsbewegungen in Osteuropa eine Ermutigung und eine "Quelle der Inspiration"! Am Anfang selbständiger Menschenrechtsarbeit in der DDR stand oft der Vorwurf, die Charta 77 kopieren zu wollen. Dies war aufgrund unserer Voraussetzungen weder möglich, noch wollten wir es. In der DDR ist die Menschenrechtsarbeit als eigener Bestandteil einer breiten unabhängigen Friedensbewegung gewachsen. Viele Gemeinsamkeiten unserer Länder machen jedoch die Aufnahme wichtiger Erfahrungen von Arbeitsprinzipien wechselseitig möglich. Zu den wichtigsten gehören für uns: Menschenrechte können nicht erhandelt oder zum Gegenstand diplomatischen Schachers in Geheimverhandlungen gemacht werden. Die Entwicklung der Selbsthilfe und die Solidarität der Betroffenen wird die alte Stellvertreterpolitik überwinden. Der nationalen und internationalen Öffentlichkeit kommt eine große Bedeutung dabei zu. Der Pluralismus ist ein übergreifender Wert...Die Spannung zwischen verschiedenen Ansätzen in der Menschenrechtsfrage ist produktiv und sollte nicht durch Grundsatzdebatten mit dem Ziel der Vereinheitlichung zerstört werden....

Mitglieder der Initiative und Freunde der Friedensbewegung;
30 Erstunterzeichner,
Sprecher Wolfgang Templin, Ralf Hirsch, Peter Grimm

TAZ Nr. 2106 Seite 6 vom 13.01.1987