DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Mecklenburgerinnen meinen:
Unser Land in Junckerhand? Nein, danke!

Als die Ausreisewelle im Sommer auf Hochtouren lief, hat sich manche(r) über die Bodenständigkeit der Mecklenburgerinnen gewundert, und wenn jetzt verstärkt deutsche Vereinigungsparolen durch den Äther schwirren, so kommen sie kaum aus dem Norden. Im Gegenteil. Wir wollen unser Bauernland nie wieder in Junkerhand geben.

Deshalb haben wir eine "Sammlung unabhängiger Landfrauen" gegründet. Zu unserem ersten Treffen kamen 35 Dorfbewohnerinnen. Sie arbeiten in unserer LPG, als Lehrerin, Krankenschwester, Verkäuferin oder haben als Hausfrauen meist auch Garten, Feld und Stall zu versorgen. Die meisten sind nach wie vor DFD-Mitglieder, wollen auch die Gemütlichkeit eines Kaffee-Kränzchens nicht missen. Nur ist jetzt nicht die Zeit, strickenderweise abzuwarten, bis die Instruktionen der Berliner Damen vom DFD in unsere Dörfer dringen. Dafür sorgen wir uns zu sehr um unser Land, spüren aber auch ein Gefühl der Verantwortung. Wir verstehen uns als Bestandteil der Unabhängigen Frauenbewegung, weil wir meinen, durch die solidarische Unterstützung in einem starken Verband auch spezifischen Interessen mehr Nachdruck verleihen zu können.

Wir fürchten um den Bestand unseres genossenschaftlichen Eigentums, um die Zuschüsse für Kindereinrichtungen, ja, um die Zukunft unserer Kinder und Enkel.

Als Landfrauen haben wir die Beseitigung umfangreicher Defizite einzufordern und uns nachdrücklich dafür einzusetzen,

- dass Frauen und Männer hinsichtlich der Saisonentlastung gleichgestellt werden. Während die Arbeitsaufgaben der Männer im Winter stark reduziert wurden, wird für uns eine täglich achtstündige Winterbeschäftigung gesucht - bis zum Verleih in andere Betriebe;

- dass der kaum vorhandene Nahverkehr zwischen den Orten und der immer mehr eingeschränkte Verkehr in die Kreisstädte verbessert wird;

- dass die Versorgung an Niveau gewinnt, z.B. durch die Einführung einer Warenbörse im Großhandel auf der Grundlage des tatsächlich vorhandenen Angebots, durch die Lieferung auch von Kleinstmengen, durch die Neugründung eines Versandhauses;

- dass Frauen und Kinder wirksam vor männlicher Gewalt geschützt werden;

- dass prophylaktische und therapeutische Maßnahmen gegen den wachsenden Alkoholismus auch bei Kindern, Jugendlichen und Frauen eingeleitet werden;

- dass wir auf allen Ebenen am Runden Tisch sitzen und unsere Ideen einbringen können.

Dr. Ull Eisel
(...) Tressow, 2061

aus: Für Dich, 3/90, 28. Jahrgang