DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Gesellschaft von Männern für Männer gemacht?

Frauen im Gespräch über ein Thema, das nicht nur Frauen angeht/ Wider jede Art von Diktatur

"Eine Gesellschaft von Männern für Männer gemacht". Der Satz macht die Runde. Meist dort, wo Frauen ihre Probleme diskutieren. Immer dann, wenn sie über ihren Platz in dieser Gesellschaft befinden. Vor allem, wenn sie sich auf die Suche nach neuen Horizonten machen. Diese könnten heißen: "Eine Gesellschaft von Menschen für Menschen gemacht." Welchen Platz müssten in solch menschlicher Gesellschaft die Frauen, welchen die Männer, welchen die Eltern, welchen die Kinder einnehmen? Oder geht es ohne Rollenzuteilen, ganz gleichberechtigt? Unser Gespräch am runden Wohnzimmertisch, der Zufall wollte es so, bewegte sich zwischen Soll und Haben, zwischen ganz persönlicher Erfahrung und "großer" Politik. Was alle Beteiligten wollen: Liebe, Kinder, einen Beruf, und den nicht nur als Anhängsel. Was sie nicht wollen: Sexobjekt sein, billiges Kindermädchen und Aschenputtel für den Haushalt. Das Zuspitzen macht Probleme deutlicher . . .

Mitdiskutierten: SOPHIA BICKHARDT, 25 Jahre, Theologiestudentin, kein Kind, SIGRID BRUHN, 27 Jahre, Kinderkrankenschwester, z.Z. mit dem dritten Kind im Babyjahr, ANNE-DORE HÄNEL, 27 Jahre, Lehrerin am Herder-Institut, z.Z. mit dem 12. Kind im Babyjahr, GRIT KALIES, 21 Jahre, Chemiestudentin, ein Kind, und UTA TOK, 39 Jahre, Journalistin, drei Kinder. Alle fünf haben begonnen, sich in der Unabhängigen Fraueninitiative Leipzig zu engagieren, repräsentieren sie aber keineswegs, spiegeln vielmehr mit ihren Ansichten eine Schattierung im Spektrum der neuen Bewegung.

UTA T.: Es spricht viel für die These von der Männergesellschaft. Sie sind es, die in der Überzahl Politik machen, - auch die Gesetze für die Frauen. Die Männer sind es, die die Mehrzahl der leitenden Stellen innehaben. Sie sind es, die meist die besser bezahlten Berufe ausüben . . .

SIGRID B.: Was im Gesetzblatt möglich ist, erreicht eine Frau in der Praxis oft nur schwer. Entweder das Ellenbogenprinzip - oder man/frau gibt auf, weil mit Beruf, Kind und Haushalt schön genug belastet. Ich denke, es muss ein neues gesellschaftliches Bewusstsein geschaffen werden, das es möglich macht, dass Männer Haushalttag - Kindertag - Babyjahr vorurteilslos nehmen können.

GRIT K.: Auch ich sehe bei uns Vorzüge gegenüber den Gesetzen der BRD. Zum Beispiel die Möglichkeit zum legalen Schwangerschaftsabbruch und zur ökonomischen Unabhängigkeit der Frau. Deshalb wäre Wiedervereinigung für die Frauenpolitik wohl ein enormer Rückschritt. Aber grundsätzlich gleiche Voraussetzungen für Mann und Frau sehe ich nicht. Beispielsweise gilt als Adressatin für die sehr notwendigen sozialpolitischen Maßnahmen die Frau. Damit wird sie allein zum Unsicherheitsfaktor in der gesellschaftlichen Arbeit.

ANNE H.: ... und es besteht die Gefahr, dass sich das traditionelle Rollenverhalten wieder festigt.

GRIT K.: So wirkt von Männern gemachte große Politik auf die kleine, sogar auf die in der Familie. Umgekehrte Wirkungen sehe ich selten. Vielleicht liegt das daran, dass Frauen wie Männer nicht frei von klassischem Rollendenken sind, sich im Zusammenleben an überliefertes anpassen, an Gegebenes. Der Kreis schließt sich.

UTA T.: Sind wir nicht in der absurden Lage, die Männer überzeugen zu müssen, freiwillig von ihren angestammten Privilegien zu lassen?

SOPHIA B.: Einkaufen, Textilien in die Reinigung geben, mit den Kindern den Arzt aufsuchen und vieles andere mehr ist nach traditionellem Verständnis in vielen Familien "Frauensache". Schon die desolaten Zustände im Dienstleistungssektor widerspiegeln ein sehr einseitiges männliches Wertebewusstsein, das dem produzierenden Bereich höhere materielle wie gesellschaftliche Anerkennung, Förderung und Zuwendung einräumt. Ich halte das, milde gesagt, für eine grobe Verantwortungslosigkeit gegenüber den Frauen. Ob das so bleibt, liegt an uns.

GRIT K.: Wenn wir Frauen die Gesellschaft nicht nur "mitmachen", sondern mitbestimmen, sollten wir versuchen, nicht an der Macht der Männer über andere Gruppen teilzuhaben. Gegen solche Macht müssen wir konsequent sein. Überhaupt müssen wir gegen Macht im Sinne des Besitzes anderer, auch des Besitzes von Natur sein.

SOPHIA B.: Die Geschlechterfrage spiegelt sich im jeweiligen Verständnis von Macht und Machtausübung wider. Wir assoziieren mit "Macht" vor allem autoritäre Verhaltensweisen, d.h. eine/r setzt sich mit allen Mitteln durch. Was ja nicht immer der Sache dienen muss. Mir ist "Macht" lieber, die auf der Autorität einer Person, d.h. auf ihren Fähigkeiten, ihrer Menschenfreundlichkeit usw. beruht. Bei Frauen finde ich stärker die Bereitschaft zur Kooperation auch in der Machtausübung. Ich glaube, viele Frauen stehen in dem Dilemma, sich in unserer männerlastigen politischen Kultur entsprechend ihrer eigenen Art wirksam vertreten zu wollen, aber zugleich noch irgend wie dem patriachalen Menschenbild aufzusitzen. Das hat mangelndes Selbstbewusstsein, gering entwickelte Konfliktfähigkeit, eine gewisse Autoritätsgläubigkeit zur Folge. Kein Wunder, der "Biologismus" sitzt noch tief. Nicht gesehen wird, wie viele schwächliche Männer es gibt und welche Kraft doppeltbelastete Frauen aufbringen!

ANNE H.: Andererseits ist es doch auch durchaus so, dass der Mann im Privaten auf die Frau orientiert ist, in vielen Dingen sie das Sagen hat.

SOPHIA B.: Manche Männer sind sich dieser Macht bewusst, und fühlen sich nicht wohl in dieser Rolle bzw. sind verunsichert.

UTA T.: Mich würde durchaus interessieren, ob sie, so wie wir unsere Verluste im gesellschaftlichen Mitwirken empfinden, ähnliches zum Beispiel im häuslichen Bereich spüren. Ist es nicht umgekehrt auch Persönlichkeitsverlust, nicht kochen zu können, weniger souverän mit den Befindlichkeiten der Kinder zurecht zu kommen . . .

ANNE. H.: Ist das in, jungen Familien wirklich noch so? Ich finde, im Umgang mit Kindern sind Männer oft souveräner. Ich denke, da ist manches von ihnen zu lernen. Wie überhaupt von ihrer Fähigkeit, mit der Zeit hauszuhalten, dem Haushalt nicht übermäßig viel Aufmerksamkeit zu schenken.

UTA T.: Ich denke, es ist am Ende gar nicht das Geschlecht, das einem jeden seine Rolle zuteilt, sondern Charakter und Temperament. Die Fähigkeiten sind annähernd gleich verteilt. Nur, jahrhundertealte Traditionen haben Mann und Frau in ihre vermeintliche Rolle gedrängt.

GRIT K.: Ich weiß, dass viele kluge Männer die Frauenfrage begreifen und uns emotional unterstützen. Erich Fromm nannte die Befreiung der Frau, der Kinder und die sexuelle Revolution - obwohl sie sich erst im Anfangsstadium befinden - die einzigen siegreichen Revolutionen unseres Jahrhunderts. Die Befreiung der Frau bedroht das Machtprinzip an sich, denn mit der Macht des Mannes über die Frau begann Unterdrückung.

SIGRID B.: . . . uns muss klar sein, was die Frauenfrage unter den jetzigen Bedingungen bedeutet. Und wir können sie nur wichtig machen, wenn wir uns einbringen in die sogenannte Männerwelt. Uns aktiv an diesem Umgestaltungsprozess beteiligen, sagen, was wir fühlen, denken und wollen und nicht unser Süppchen für uns kochen.

UTA T.: Mancher meint durchaus, es gibt jetzt Wichtigeres als die Frauenfrage . . .

GRIT K.: Gibt es. Die Natur, die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch uns.

UTA T.: Sind denn ökologische und Frauenbewegung in ihrem Wesen nicht sehr verwandt? Leben bewahren und schützen . . .

GRIT K.: Ja. Beispielsweise verstärkt eine enge Bindung zum Kind die emotionale Forderung nach gesunder Umwelt für das Kind. Ich denke, dass die Frau nicht so tief in der Gesellschaft steckt, weil sie immer noch unterdrückt ist. Sie kann sich von ihr entfremden. Während der Geburt, da sie ganz Körper sein muss, wird das offensichtlich. Vielleicht wird sie deshalb eher einen Weg zur Natur und zur menschlichen Natur, zum Humanismus finden. Das ist eine These. Aber ich weiß, dass Gesellschaftskonzepte von Frauen notwendig sind. Sie werden ökologisch sein.

SIGRID B.: Also müssen wir uns etwas einfallen lassen, um mehr Frauen hinter dem Herd hervor zu locken.

ANNE H.: Es wird immer das Bedürfnis nach verschiedenen Lebensformen geben. Die eine möchte gern Hausfrau und Mutter sein, nichts anderes. Die andere möchte ihrem Beruf leben, auf Kinder verzichten. Auch das muss toleriert werden sowie das Bedürfnis, Kinder, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.

UTA T.: Und sollte es nicht, auch den Mann geben, der sich gern, ein oder auch mehrere Jahre, ausschließlich dem Nachwuchs widmet? Aber das ist wohl Zukunftsmusik. Betrachten wir unser Problem mal von einer anderen Seite, der ökonomischen. Eine reiche Gesellschaft müsste sich doch qualitativ wesentlich bessere Möglichkeiten der Kinderbetreuung leisten können, umfangreichere, preiswerte Dienstleistungen. Eine kürzere tägliche Arbeitszeit käme Familien und Frauen entgegen.

GRIT K.: Ich vermute nur, eine glänzende Wirtschaft ist kein Heilmittel. Das sehe ich in der BRD. Entscheidend für die Lage der Frau ist das gesellschaftliche Ziel. Die Ökonomie ist nur Mittel zu seiner Durchsetzung. Wenn das gesellschaftliche Ziel eine menschliche naturbewahrende Gesellschaft ist, muss die Ökonomie auf bestimmten Gebieten völlig unterentwickelt sein. Menschen müssen verzichten. Aber wir Frauen sind vielleicht gleichberechtigt.

UTA T.: Geht es, aber jetzt nicht um mehr als nur eine Idee, nämlich darum, dass unsere Erde auf dem Spiel steht. Sind ökologische Zwänge inzwischen nicht so groß geworden, dass sie dem grenzenlosen ökonomischen Wachstum Einhalt gebieten?

SOPHIA B.: Es liegt wohl mit in unserer Hand, das Bewusstsein für diese realen Probleme zu schärfen. Das hieße ein Denken weg vom Geld, vom Haben, hin zur Kommunikation, im Bewusstsein neue Werte schaffen.

SIGRID B.: Man muss die ökonomischen Gesetze, die real und objektiv sind, zügeln. Wir können sie sozial, ökologisch und frauenfreundlich beeinflussen: Aber da wir alle mehr und mehr das Leistungsprinzip durchsetzen wollen, scheint mir ein solches Herangehen unreal.

SOPHIA B.: Wenigstens muss man Alternativen zeigen.

UTA T:: Was wäre denn mit mehr Vernunft sofort in der Gesellschaft machbar, dass Mittel frei würden, dass diese menschen-freundlicher würde? Träumen wir doch mal auf dem Boden der Realitäten!

GRIT K: Weg vom Leistungsport, keine Prunk- und Prestigebauten, keine Supershows, wie das Wasserfest in Berlin: Weitgehender Verzicht auf Autos. Einstellen der Produktion von unnötigen Konsumgütern, wie zum Beispiel Raumduftspray und duftendes Autoshampoo.

SIGRID B.: Die Armee kann weiter reduziert werden. Ist jede eure Forschung wirklich immer nötig?

SOPHIA B.: Manchen Verpackungsunsinn brauchten wir gar nicht erst anzufangen. Dafür wären geschlossene Produktionskreisläufe mit mehr Konsequenz zu entwickeln.

UTA T.: Das alles sind doch grüne Gedanken und Frauengedanken. Eigentlich gar nicht so verstiegen. Trotzdem werden viele an dieser Stelle nachsichtig lächeln.

GRIT K.: Da wird deutlich: Emotionalität ist nicht gefragt in der Öffentlichkeit.

SOPHIA B.: Traurigkeit, Unsicherheit o. ä. ist nicht genehm. Da ist auch wieder das Problem, dass Frauen schnell "emotionalisiert" werden. Eine Frau, ist sie vielleicht scharfsinnig oder fällt sie einfach "negativ" für den Betrachter aus der Rolle, ist dann "frustriert", "neurotisch", "weich" usw. Ist das männliche Sachlichkeit?

ANNE H.: Dabei verfügen Frauen über Eigenschaften, die sie unbedingt in gesellschaftliche Belange einbringen sollten. Ich denke, sie sind in manchem überlegter, hartnäckiger, bedachter und wohl auch entscheidungsfreudiger.

SOPHIA B.: Patriarchalisch denkende Männer und Frauen brauchen unsere hartnäckige Kritik. Wichtiger noch ist die 50prozentige Quotierung auf allen Ebenen der Gesellschaft. Damit wird verhindert, dass Frauen durch männliche Scheinargumente von verantwortungsvolleren Funktionen ferngehalten werden; damit soll erreicht werden, dass die vielen kompetenten Frauen, die es ja gibt, ihre Scheu überwinden und nicht zuletzt, dass es Notwendigkeit wird, die Doppelbelastung zu beseitigen.

ANNE H.: Es kommt doch darauf an, dass wir alle miteinander besser zurechtkommen und leben. Deshalb müssen wir Frauen lernen, unsere Interessen zu artikulieren und sie gemeinsam mit den Männern durchzusetzen - nur wenn nötig auch gegen sie.

SIGRID B.: Ich denke doch, gerade wir Frauen haben große Zukunftsängste, wenn wir dabei an unsere Kinder denken. Zum Beispiel sind solche Dinge im Gespräch, die zu überdenken sind: Hort bis 16 Uhr, auch Kindergärten und Krippen auflösen.

SOPHIA B.: Wir müssen aufpassen, dass wir jetzt nicht zu "krisenvariablen" Arbeitskräften werden und sich keine "Mutterideologie" verbreitet, wie die hiesige CDU, der Demokratische Aufbruch und noch weiter rechts sie auf ihre Fahnen geschrieben haben.

Kein Schlusspunkt an dieser Stelle. Dieses heutige Nachdenken von Frauen über Männer könnte ein Anfang sein zum Gedankenaustausch in unserer Zeitung, den wir uns mit vielen wünschen, Frauen wie Männern.

(Aufgezeichnet von UTA TOK)

aus: Leipziger Volkszeitung, Nr. 35, 10./11.02.1990, 45.(96.) Jahrgang, Organ für die Interessen des gesamten werktätigen Volkes

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