DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Offener Brief

Wir können die kürzlich beschlossenen Maßnahmen des DDR-Ministerrates, die sich gegen Polen und andere Ausländer richten, nicht gutheißen.

Die "Zeig-her-deinen-Ausweis-Regelung" ist für ausländische Bürger diskriminierend und erinnert fatal an die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Verkäuferinnen sind keine Sicherheitskräfte oder Zöllner, die Aufgabe der Kontrolle sollte dem dafür zuständigen Zoll vorbehalten bleiben. Die Schuld an der Wirtschaftsmisere in der DDR tragen nicht die Ausländer, sondern die SED-Regierung.

Wir betrachten die so plötzlich und ohne öffentliche Diskussion erlassene Maßnahme als den Versuch, von den wirklichen Schwierigkeiten in der Wirtschaft abzulenken und "Sündenböcke" für die Marktlücken zu finden. Dies schürt Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus in unserem Land.

Wir rufen die Bevölkerung, insbesondere die Verkäuferinnen, auf, die Ausweisregelung zu boykottieren. Wir fordern von der Regierung, den betreffenden Beschluss zu annullieren und sich bei der polnischen Regierung zu entschuldigen. Außerdem erwarten wir die sofortige Veröffentlichung aller Wirtschaftskonzepte zur gemeinsamen Diskussion.

DEMOKRATIE JETZT, Potsdam

aus: Märkische Volksstimme, Nr. 286, 05.12.1989, 44. Jahrgang, Sozialistische Tageszeitung im Bezirk Potsdam, Herausgeber: Bezirksleitung Potsdam der SED