DDR 1989/90Brandenburger Tor

Impressum


Nichts gegen ein Recht auf Beratung . . . .

... aber Bevormundung nach § 218 wird bekämpft

Noch gilt in den neuen Bundsländern die Fristenlösung ohne Pflichtberatung. Aber mit dem Wahlsieg der CDU ist die Regelung des Schwangerschaftsabbruchs nach § 218 des Strafgesetzbuches nur noch eine Frage der Zeit. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, Millionen DM sollen noch in diesem Jahr für die Einrichtung einen flächendeckenden Netzes von Schwangerschaftsberatungsstellen nach Artikel 31, Abs. 4 des Einigungsvertrages ausgegeben werden. Im Klartext sind das Beratungsstellen im Sinne des § 218.

Gegen ein Recht auf Beratung ist nichts einzuwenden, wenn Beratung als Begleitung während eines Konfliktes mit dem Ziel der selbständigen Entscheidung der Ratsuchenden verstanden wird. Beratung wird aber fragwürdig, wenn sie zur Pflicht gemacht wird, zur "Zwangberatung", die tendenziös "zum Schutz des ungeborenen Lebens und zur verlassungskonformen Bewältigung von Konfliktsituationen schwangerer Frauen" erfolgt.

Fristenlösung wahrt Würde der Frau

Ob ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt wird, ist nicht Entscheidung der Frau, wie z.Z. noch bei uns, sondern der § 218 legt fest welche Gründe (Indikationen) es geben darf. Mit der Indikationslösung entscheidet also der Staat welches Leben er als erhaltenswert ansieht und welches abgetrieben werden darf.

Die Fristenlösung in der ehemaligen DDR wird von den "Lebensschützern" als Barbarei und Unkultur, Massenschlachterei und Unmoral verteufelt. Sie scheint also von verantwortungslosem und oberflächlichem Verhalten geprägt.

Dabei wird vergessen bzw. vergessen gemacht:

- Vor Einführung der Fristenlösung bezahlten viele Frauen die illegale Abtreibung durch Kurpfuscherei mit ihrem Leben oder ihrer Gesundheit.

- Trotz der repressiven Indikationslösung war die Zahl der Abbrüche in der BRD, bezogen auf die Bevölkerung, nicht niedriger als in der DDR. Dazu kommen Abtreibungstourismus derer, die das Geld dazu haben, und illegale Abbrüche.

- Internationale Erfahrungen belegen, dass die Zahl der Abtreibungen um so geringer ist, je liberaler damit umgegangen wird.

- Moralisierende Öffentlichkeit und kriminalisierende Gesetzgebung haben Anteil an seelischen Folgeschäden, denn keine Frau treibt gern ab.

Die Symbiose von Mutter und Kind, die Freude der Mutter über das in ihr wachsende Leben und ihre seelische und körperliche Vorbereitung auf eine sanfte, natürliche Geburt sind Voraussetzung für die gesunde Entwicklung eines Kindes. Glauben "Lebensschützer", dass man durch Kriminalisierung und Strafandrohung erwünschte Muttergefühle und dementsprechendes Sozialverhalten erzwingen kann?

Kinder sind kein Mittel zum Zweck

Nahezu menschenverachtend und würdelos wird die Forderung, Frauen sollten Ihr Kind austragen und zur Adoption freigeben. Hier wird die Frau zur Gebärmaschine degradiert, und das Kind wird zur Ware, mit der man Menschen beglücken kann.

Es gibt wohl niemanden, der gegen die Senkung der Abtreibungen wäre. Eine Sexualpädagogik, die umfassend auf die Beziehungen der Geschlechter zueinander eingeht und Beziehungsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein bei Mädchen und Jungen vermitteln hilft, könnte ein Ansatz sein. Ein weiterer wäre die Verbesserung der Prävention für Frau und Mann und der kostengünstige, oder besser kostenlose Erwerb von Verhütungsmitteln.

Während der Bundestopf angezapft wird, um ungeborenes Leben zu schützen, ist es um den Schutz des geborenen Lebens schlecht bestellt. Überall fehlt Geld, auch für die psychosoziale Betreuung.

Beratungs- und Therapieangebote bei Beziehungsstörungen, Sexual- und Partnerschaftsproblemen werden rar. Vor allem aber werden sie teuer, weil sie über Krankenkassen nicht abrechenbar, sondern in Zukunft selbst zu bezahlen sind.

Psychisches und soziales Chaos

Die Leute, die dafür ausgebildet waren und Berufserfahrungen haben, müssen sich umschulen lassen für "lebensschützende" Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatung wenn sie sich über kurz oder lang nicht in das Heer der Arbeitslosen einreihen wollen.

Das psychische und soziale Chaos in den neuen Bundesländern ist unübersehbar, und die genannten Störungen und Probleme werden damit vertieft. Wer hilft?

Wir leben in einer Demokratie, und die WählerInnen entscheiden - haben entschieden - welche Partei die Politik machen soll.

Hoffentlich sind sie gut beraten!

Erika H(...)
DEMOKRATIE JETZT
(Mitarbeiterin einer
Beratungsstelle)

aus: PODIUM - die Seite der und für die BürgerInnen-Bewegung, Initiativen und Minderheiten, in Berliner Zeitung, Nr. 284, 46. Jahrgang, 05.12.1990

Δ nach oben