DDR 1989/90Brandenburger Tor

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Die Zukunft meiner Kinder und Enkel liegt mir am Herzen

Unser Land, unsere sozialistische DDR, die Zukunft meiner Kinder und Enkel liegen mir am Herzen.

Deshalb schreibe ich diese Zeilen.

Dreißig Arbeitsjahre und fünf freiwillige Jahre NVA, angefüllt mit Lernen, Leistung und politischem Engagement sollen sich jetzt nicht im Nichts auflösen!

Ich bin tief betroffen von dem Verrat am Volke, den unsere ehemalige Parteiführung begangen hat. Hart ist auch die Erkenntnis, dass die so erstarrte SED durch die Wahrhaftigkeit der ewigen Bewegung, die der Marxismus-Leninismus lehrt, überholt wurde.
Aber, das ist auch der Hebel, an dem es jetzt anzupacken gilt.

Das Volk der DDR ist in Bewegung geraten. Viele Parteien und Bürgerinitiativen haben sich gebildet, die diese Bewegung lenken. Und das "Lenkrad" heisst Demokratie. Es ist die Chance, mit vereinten Kräften aller ehrlichen Menschen endlich den Sozialismus aufzubauen, für den Generationen anständiger Menschen gekämpft und gearbeitet haben. Doch es gilt, wachsam zu sein - an diesem "Lenkrad" drehen auch welche in die entgegengesetzte Richtung!

Sie glauben, über einen Anschluss an die BRD schnell zu Wohlstand zu gelangen und hoffen mit schwarz-rot-gold-verklärtem Gesicht, dass Massenarbeitslosigkeit, Mietwucher, Drogensucht und sonstige Attribute der kapitalistischen Ellenbogengesellschaft nur den Nebenmann treffen. Deshalb halte ich es für notwendig, recht kräftig in die Speichen zu greifen, mit wachem Blick und kritischem Sinn an die tägliche Arbeit zu gehen und das Programm der Regierung Modrow zu unterstützen.

Ich bin dabei! An meinem Arbeitsplatz, in meinem Wohngebiet, in meiner Parteigruppe.

Philipp H(...)
Zentrale Werkstätten

aus: Sozialistische Zukunft, Nr. 2, 08. Januar 1990, 35. Jahrgang, Betriebszeitung des VEB Gaskombinat "Fritz Selbmann" Schwarze Pumpe


Nicht noch einmal 40 Jahre "Probier-Sozialismus"

In einem Schreiben an die Redaktion nehmen Kollegen der Dreherei der Zentralen Werkstätten Stellung zum Beitrag von Philipp H(...), der unter der Überschrift "Die Zukunft meiner Kinder und Enkel liegt mir am Herzen" in der Betriebszeitung am 8. Januar 1990 veröffentlicht wurde. Sie schreiben:

"P(...), auch uns liegt die Zukunft unserer Kinder und Enkel am Herzen und wir müssen hinzufügen: unsere Zukunft auch! Wir teilen die tiefe Enttäuschung über Deine ehemalige Partei- und Staatsführung - und ebenfalls über die ehemalige Kreisparteiführung auch. Spätestens im für uns so ereignisreichen Jahr 1975 hätte Dir die Erleuchtung kommen müssen, dass der Kurs nicht stimmt.

Aber leider hast Du mit den Wendehälsen kräftig mitgeblasen. Du hast doch mit voller Kraft, und das bis fünf nach zwölf, für diesen Sozialismus gestritten. Man muss schon mit Blindheit geschlagen sein, um die total überdrehte Sicherheitspolitik nicht bemerkt zu haben. Deine jetzige Entrüstung ist unglaubwürdig. Zwei alte, bewährte, hochqualifizierte Kollegen unseres (Deines ehemaligen) Abschnitts haben uns - 55jährig, über 30 Jahre im Betrieb, enttäuscht, resigniert und um die Früchte ihrer Arbeit betrogen - via Bundesrepublik verlassen. Viele Maschinen und Anlagen unseres Betriebes sind verschlissen, unser Land ist ökonomisch am Boden.

Ja, wir haben Angst um unsere Kinder und Enkel, dass sie uns nicht auch noch in Richtung Westen verlassen.

Sollen wir Arbeiter noch einmal 40 Jahre Probier-Sozialismus unter Führung Deiner Partei bestreiten?

Die Kollegen der Dreherei ZW

aus: Sozialistische Zukunft, Nr. 5, 29. Januar 1990, 35. Jahrgang, Betriebszeitung des VEB Gaskombinat "Fritz Selbmann" Schwarze Pumpe