DDR 1989/90Brandenburger Tor

Offener Brief der Arbeitsgemeinschaft Kirchenfragen beim Hauptvorstand der CDU

Liebe Unionsfreundinnen und Unionsfreunde, liebe Schwestern und Brüder!

In dieser ernsten Zeit der Auseinandersetzung und der Besinnung auf das uns gebotene Reden und Handeln für die Menschen in unserem Land wenden wir uns mit diesem Anliegen an Sie:

Wir danken all denen, die trotz Enttäuschung, Verletzung und Verlusten an ihrer Entschlossenheit festhalten, diesem Land und seinen Menschen durch berufliche, gesellschaftliche und kirchliche Mitarbeit zu dienen.

Wir solidarisieren uns mit allen, die in den vergangenen Wochen und Tagen nicht müde geworden sind, sich konstruktiv für eine Erneuerung in unserer Gesellschaft und in unserer Partei zu Wort zu melden.

Wir begrüßen den spät begonnenen Dialog zwischen Volk und politischen Verantwortungsträgern. Es ist zu hoffen, dass neu zu entwickelnde Formen des Gesprächs in den Strukturen der Demokratie einen Platz finden.

Wir bekennen auch unser Versagen angesichts der vielen Stimmen, die uns frühzeitig erreicht haben und mahnten, Fehler zu erkennen, offen zu benennen und Neues zu beginnen.

Wir erwarten, dass nach der Begegnung des jetzigen Staatsratsvorsitzenden und Generalsekretärs der SED, Egon Krenz, mit dem Vorsitzenden der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR, Landesbischof Dr. Werner Leich, die seit zwei Jahren abgebrochenen Sachgespräche zwischen dem Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR und der Regierung der DDR baldigst wieder aufgenommen und auch angestrebte Gespräche mit der katholischen Kirche geführt werden.

Wir hoffen, dass vor allem viele Christen, die uns und unser Land verlassen haben, durch die eingeleitete gesellschaftliche Wende ermutigt werden, in die Heimat und zu ihren Nächsten zurückzukehren.

Der Prozess der Erneuerung des Sozialismus in der DDR wird nur gelingen, wenn er in einer, sicher nicht von Emotionen freien, Atmosphäre der Sachlichkeit und Besonnenheit durchgeführt wird. Unsere Aufgabe als Christen sehen wir in dieser Situation und Zeit vor allem dann, Vertrauen zu wagen und Versöhnung vorzuleben. Die Gewinnung des inneren Friedens ist der von uns erwartete Beitrag zur Bewahrung des globalen Friedens.

Neue Zeit, Fr. 27.10.1989, Jahrgang 45, Ausgabe 253, Zentralorgan der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands

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