Radikaler Übergang zu einem neuen Wirtschaftssystem auf der Tagesordnung

Aus der Rede von Ministerpräsident Modrow vor Generaldirektoren

Die aktuellen Aufgaben der Wirtschaft und die nächsten Schritte der Wirtschaftsreform standen im Mittelpunkt des Referates von Hans Modrow bei der Beratung des Ministerrates mit Führungskräften der Wirtschaft am Sonnabend in Berlin.

Hier Auszüge aus der Rede.

Ich möchte ausdrücklich und mit alter Herzlichkeit den Werktätigen danken, die in dieser angespannten Situation, in einer Zeit ständiger Bewegungen und nicht immer guter Neuigkeiten alle Bereiche der Wirtschaft in Gang halten. Das ist oft schwer, und es wird dadurch noch schwerer, dass sich die Bürger unseres Landes viele Sorgen um das Heute und das Morgen machen.

Ihnen allen will ich sagen:

Die Regierung ist handlungsfähig, handlungsbereit, und sie wird es bleiben; sie tut das Notwendige zur Stabilisierung der Lage. Und ich darf hinzufügen: Es liegt auch im Interesse unserer Nachbarn in Ost und West, ja im weltpolitischen Interesse, dass die staatliche Ordnung in der DDR erhalten bleibt, damit der lebenswichtige Prozess der Demokratisierung weitergehen kann.

Der Übergang zu einem neuen Wirtschaftssystem - in Inhalt und Methode - steht zwangsläufig auf der Tagesordnung. Ganz sicher ist es keine Aufgabe, die in einem kurzen Zeitraum zu lösen ist. Der Bruch mit dem bisherigen System der Kommandowirtschaft das uns den krisenhaften Zustand in der Ökonomie mit herbeigeführt hat, muss einerseits radikal sein, andererseits aber darf das Abnabeln vom Alten nicht so abrupt geschehen, dass es in ein wirtschaftliches Chaos führt. Wir starten den Übergang ja nicht aus einer normalen, geschweige denn günstigen ökonomischen Situation.

Seit Jahren immer geringere Zuwachsraten

Seit mehreren Jahren sinken die Zuwachsraten der real bewerteten wirtschaftlichen Leistung und der volkswirtschaftlichen Arbeitsproduktivität. Die Planziele der Jahresvolkswirtschaftspläne und der Fünfjahrpläne wurden insgesamt und in lebenswichtigen Teilen seit der zweiten Hälfte der 70er Jahre nicht mehr erfüllt. Es gab zum Teil verdeckte und zum Teil offene Preissteigerungen bei Konsumgütern und Leistungen. Breite Sortimentslücken und Unregelmäßigkeiten in der Versorgung mit Waren des Grundbedarfs treten in vielen Orten immer wieder auf. Neben Sortimentslücken gibt es hohe Bestände an unverkäuflichen Konsumgütern. Eine "Schattenwirtschaft" - Feierabendarbeit und zwar steuerfrei - und ein "grauer" beziehungsweise schwarzer Markt für defizitäre Waren und Leistungen weiten sich aus.

In 10 von 13 Jahren nach 1975 wuchsen die Geldeinnahmen der Bevölkerung schneller als die verteilbaren materiellen Fonds. Durch eine disproportionale Entwicklung zwischen Geldeinnahmen und Warenfonds entstand in den Jahren 1986 bis 1988 ein Kaufkraftüberhang von rund 10 bis 12 Milliarden Mark.

Viele Ursachen für sinkende Motivation

Die Motive zur Leistungssteigerung haben sich deutlich abgeschwächt Dafür gibt es unterschiedliche Ursachen. Ich möchte hier nur nennen:

das fehlende klare Bekenntnis, dass die Anwendung des Leistungsprinzips zu gerechtfertigten Einkommensunterschieden führt;

die verbreitete Tendenz zur Gleichmacherei in der Entlohnung und Prämierung;

die verminderte materielle Deckung der gestiegenen Einkommen;

die Rhythmusstörungen in der Produktion aufgrund stockender Zulieferungen oder häufiger Havarien an überalterten Anlagen, aber auch die politische Bevormundung und die Schönfärberei im harten Kontrast zur Wirklichkeit.

In der Industrie und im Bauwesen hat von 1984 bis 1986 eine Kosten- und Preisexplosion stattgefunden, die nicht nur auf gestiegene Rohstoffpreise, sondern auch auf Lohnsteigerungen ohne ausreichende Leistungssteigerungen, zu hohe Gemeinkosten und sprunghaft gestiegene Reparaturkosten wegen des überalterten Grundmittelbestandes zurückzuführen ist. Sie war zugleich die Hauptursache für das Hochschnellen der Verbraucherpreis-Subventionen und die Verschlechterung der Exportrentabilität Die produktiven Investitionen sanken bis 1985 unter den Stand von 1977, und auch die Investitionssteigerungen seit 1986 haben den eingetretenen Verlust an materieller Erneuerungskraft noch längst nicht kompensiert. Das Durchschnittsalter der Grundfonds hat schnell zugenommen, die Aussonderungs- und Erneuerungsrate ist extrem niedrig. Am stärksten sind davon die Bauwirtschaft die Landwirtschaft sowie das Verkehrs-, Post- und Fernmeldewesen betroffen.

Keine DDR-typische Struktur des Exports

Die Kontinuität des Produktionsprozesses wird zum Teil erheblich durch Disproportionen zwischen Finalproduzenten und Zulieferern gestört die durch willkürliche Exportentnahmen aus der inländischen Zirkulation noch verschärft wurden und zu teuren Eigenproduktionen bei Zulieferteilen führten.

Die Auslandsverschuldung gegenüber dem NSW ist in den letzten Jahren weiter gewachsen. Die Zahlungsverpflichtungen, zwingen immer wieder zu Eingriffen in unseren Binnenmarkt und häufig auch zum Export unrentabler Erzeugnisse. Um so schmerzhafter ist es, dass in den letzten Jahren überstürzte NSW-Ausrüstungsimporte vorgenommen wurden, die zum Teil auch noch am dringenden Bedarf vorbeigingen. Unter diesen Bedingungen ist es auch nicht gelungen, eine DDR-typische Exportstruktur zu entwickeln.

Volkswirtschaft hat tragfähige Substanz

Diesen bedrohlichen Gleichgewichtsstörungen der Volkswirtschaft ständen jedoch entwicklungsfähige Grundlagen gegenüber. Dazu zählte Modrow das hohe Qualifikationsniveau, Arbeitskräftereserven z. B. hinsichtlich des hohen Grades manueller Arbeit das international vergleichbare Leistungsvermögen der Kombinate, gewachsene Außenmarktbeziehungen, insbesondere mit der UdSSR, das relativ hohe Verbrauchs- und Ausstattungsniveau der Bevölkerung mit Konsumgütern, einschließlich der neugeschaffenen Wohnungsfonds, eine relativ leistungsfähige Landwirtschaft, entwickelte genossenschaftliche und teilweise private Eigentumsformen, die Rolle als Transit- und Reiseland, die Bindungen mit der BRD, die Möglichkeiten zwischen unserer Hauptstadt und Westberlin, das objektive Interesse westlicher Nachbarn an Stabilität in Mitteleuropa und entsprechendes ökonomisches Engagement sowie die ökonomischen Möglichkeiten weiterer Rüstungsbegrenzungen. Das alles mache die tragfähige Substanz unserer Volkswirtschaft aus.

Stabilisierungsprogramm für 1990 bis 1992

Die Wirtschaftsreform muss jetzt beginnen. Sie ist in ihrer ersten Etappe - etwa bis 1992 - auf die Stabilisierung der Volkswirtschaft gerichtet. Dieser Zeitraum wird eine Phase des Übergangs zu einer neuen Qualität des Wirtschaftens sein.

In der zweiten Etappe - etwa ab 1993 - muss sich diese Qualität weiter entfalten, indem bei ausgewogenen Proportionen und tieferer Integration in die internationale Arbeitsteilung die Betriebe als eigenverantwortliche Warenproduzenten mit voller wirtschaftlicher Rechnungsführung auf dem Markt zur Wirkung kommen. Das wird - nach unseren Zielvorstellungen ab 1995 - durchgängig wirksam werden, indem mit einer weiteren Qualifizierung langfristig angelegter Wirtschafts- und Sozialstrategie auch entsprechende volkswirtschaftliche Rahmenbedingungen für eine konsequent auf den Binnen- und Außenmarkt orientierte Produktion gegeben sind.

Der gegenwärtige Planungsstand unterstreicht die Notwendigkeit für 1990 beginnend ein Stabilisierungsprogramm das aus heutiger Sicht bis in das Jahr 1992 reicht.

Es sind Maßnahmen zur Stabilisierung der materiellen Produktion durchzuführen. Hierfür müssen die Generaldirektoren und Betriebsdirektoren operative Absprachen mit ihren Kooperationspartnern und Abnehmern treffen und zwar in hoher Eigenverantwortung. Für 1990 geschlossene Verträge in der Kooperationskette und zum Handel sind konsequent zu realisieren.

Vor Ausfuhr soll der Erlös geprüft werden

Eine der wichtigsten Fragen ist die Stabilisierung der Zulieferindustrie und ihrer Beziehung zu den Finalproduzenten. Es sind entschiedene Maßnahmen zur Stabilisierung des Binnenmarktes durchzusetzen. Zur Förderung des genossenschaftlichen und privaten Handwerks sowie der privaten Gaststätten hat die Regierung bereits Beschlüsse gefasst.

Maßnahmen sind nötig, um das Geld-, Finanz- und Kreditwesen sowie unsere Währung zu stabilisieren. Die inflationistischen Tendenzen müssen überwunden werden. Sie beginnen damit, dass zu teuer produziert und mit geringer Effektivität exportiert wird. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass viele Investitionen und wissenschaftlich-technische Vorhaben im Verhältnis zu ihrem Aufwand nicht den notwendigen Ertrag bringen.

Die Stabilisierung muss die außenwirtschaftlichen Beziehungen erfassen.

Die Aufrechterhaltung der Zahlungsfähigkeit der DDR ist eine Aufgabe, die alle Maßnahmen auf außenwirtschaftlichem Gebiet bestimmen muss.

Als Sofortmaßnahme zur Verbesserung der Effektivität des Exports sollte der Vorschlag des Volkskammerausschusses für Industrie und Bauwesen aufgegriffen werden, schon für 1990 Exporterzeugnisse nach dem Nettovalutaerlös zu prüfen, um zu entscheiden, was exportiert werden sollte.

Eine weitere Frage ist die Neubestimmung des Außenhandelsmonopols. Auf keinen Fall dürfen die auf den Märkten erkämpften Positionen verlorengehen. Die bestehenden außenwirtschaftlichen Verflechtungen dürfen nicht zerstört sondern müssen im Gegensatz gefestigt und wo nötig auch ausgebaut werden. Eine entscheidende Frage ist und bleibt die Wahrung des Valutamonopols des Staates. Die internationale Zahlungsfähigkeit und Kreditwürdigkeit der DDR muss unter allen Umständen gesichert bleiben. Das erfordert, alle Verbindlichkeiten pünktlich und vollständig zu bezahlen.

Rechtliche Grundlagen für Joint Ventures

Eine weitere Notwendigkeit besteht darin, neue progressive Formen der internationalen Arbeitsteilung bis hin zu Joint Ventures bedeutend stärker als bisher zu nutzen. Unsere Strategie für NSW-Kooperationen muss koordiniert werden. Dazu ist der Einsatz eines Regierungsbeauftragten vorgesehen. Konkrete Objekte sind der Regierung zur Entscheidung vorzulegen, damit fundierte Verhandlungen von Generaldirektoren und Ministern geführt werden können. Verpflichtungen können erst eingegangen werden, wenn die gesetzlichen Grundlagen dafür in Kraft sind. Der Ministerrat hat rechtliche Grundlagen für ausländische Kapitalbeteiligung bis zum Gewinntransfer in erster Lesung behandelt. Wir werden für die notwendige Rechtsgrundlage Übergangslösungen schaffen, für endgültige Regelungen muss von der Volkskammer im Prinzip erst eine Verfassungsänderung herbeigeführt werden.

Die Regierung unterstützt voll und ganz die Auffassung, dass eine Hauptfrage der Wirtschaftsreform darin besteht wie wir Wissenschaft und Technik für eine weit höhere Effektivität der Volkswirtschaft einsetzen.

Zu berücksichtigen ist, dass sich auch das Forschungs- und Entwicklungspotential der DDR in verschiedenen Eigentumsformen entfalten wird. Mittel- und Kleinbetriebe aller Eigentumsformen werden zum Beispiel existieren für wissenschaftlich-technische Forschungen und Dienstleistungen sowie Technika und Technologiezentren.

Bald auch Erwerb von Anteils-Eigentum?

Das Ziel der Wirtschaftsreform jedoch ist weit gesteckt es muss radikal sein. Wir wollen auf eine sozialistische Wirtschaft zugehen, in der die Werktätigen vom gesellschaftlichen Eigentum wirklich Besitz ergreifen, Interesse an der Entwicklung ihres Betriebes haben, sich als Eigentümer erkennen und auch sich verwirklichen. Warum also sollten sie zum Beispiel nicht Anteils-Eigentum erwerben können?

Wirklich demokratischen Charakter soll unsere Wirtschaft tragen, ökonomisch effizient soll sie sein und damit Voraussetzungen zur Befriedigung der tatsächlichen Bedürfnisse der Werktätigen in sozialer Sicherheit schaffen. Das Leistungsprinzip soll das Grundprinzip zur Erhöhung des Lebensniveaus jedes Bürgers sein. Sozial und ökologisch verträglich muss unsere Wirtschaftsentwicklung sein.

Kernfrage aber wird sein, dass sich in unserer Wirtschaft ein leistungs- und funktionsfähiger Markt mit voller Entfaltung der Ware-Geld-Beziehungen herausbildet.

Berliner Zeitung, Mo. 11. Dezember 1989, Jahrgang 45, Ausgabe 291


In einer Rede vor den Generaldirektoren, Vorsitzenden der Bezirkswirtschaftsräte und Bezirksbaudirektoren ging Ministerpräsident Hans Modrow davon aus, dass der Übergang zu einem neuen Wirtschaftssystem auf der Tagesordnung steht. Im folgenden einige Auszüge aus dieser Rede:

Wie ist die gegenwärtige Lage?

Seit mehreren Jahren sinken die Zuwachsraten der real bewerteten wirtschaftlichen Leistung und der volkswirtschaftlichen Arbeitsproduktivität. Die Planziele der Jahresvolkswirtschaftspläne und der Fünfjahrpläne wurden insgesamt und in lebenswichtigen Teilen seit der zweiten Hälfte der 70er Jahre nicht mehr erfüllt. Es gab zum Teil verdeckte und zum Teil offene Preissteigerungen bei Konsumgütern und Leistungen. Breite Sortimentslücken und Unregelmäßigkeiten in der Versorgung mit Waren des Grundbedarfs treten in vielen Orten immer wieder auf. Eine "Schattenwirtschaft" - Feierabendarbeit, und zwar steuerfrei - und ein "grauer" bzw. schwarzer Markt für defizitäre Waren und Leistungen weiten sich aus.

In 10 von 13 Jahren nach 1975 wuchsen die Geldeinnahmen der Bevölkerung schneller als die verteilbaren materiellen Fonds. In den vergangenen Jahren ist es nicht gelungen, die Stabilität der Währung der DDR zu gewährleisten. Die Kaufkraft der Mark der DDR im Bereich der Wirtschaft ist gesunken. In den Jahren 1986 bis 1988 entstand ein Kaufkraftüberhang von rund 10 bis 12 Milliarden Mark.

Die volkswirtschaftliche Proportion "Zuwachs der Durchschnittslöhne zum Zuwachs der Arbeitsproduktivität" wurde in 7 Jahren nach 1975 verletzt, besonders extrem in den Jahren 1976, 1987 und 1988; das sind die Jahre, in denen "produktivitätsfördernde" Lohnformen eingeführt wurden. Eine nicht geringe Zahl von Betrieben hat die mit der Einführung verbundenen Lohnsteigerungen in Anspruch genommen, die vorgesehenen Leistungen aber nicht realisiert. Die Motive zur Leistungssteigerung haben sich deutlich abgeschwächt.

In der Industrie und im Bauwesen hat von 1984 bis 1986 eine Kosten- und Preisexplosion stattgefunden, die nicht nur auf gestiegene Rohstoffpreise, sondern auch auf zu hohe Gemeinkosten und sprunghaft gestiegene Reparaturkosten wegen des überalterten Grundmittelbestandes zurückzuführen ist. Sie war zugleich die Hauptursache für das Hochschnellen der Verbraucherpreissubventionen und die Verschlechterung der Exportrentabilität.

Die produktiven Investitionen sanken bis 1985 unter den Stand von 1977, und auch die Investitionssteigerungen seit 1986 haben den eingetretenen Verlust an materieller Erneuerungskraft noch längst nicht kompensiert. Das Durchschnittsalter der Grundfonds hat schnell zugenommen, die Aussonderungs- und Erneuerungsrate ist extrem niedrig.

Die Investitionsbeschränkungen führten auch zu einem ernsten Zurückbleiben der kommunalen Infrastrukturen.

Die Kontinuität des Produktionsprozesses wird zum Teil erheblich durch Disproportionen zwischen Finalproduzenten und Zulieferern gestört, die durch willkürliche Exportentnahmen aus der inländischen Zirkulation noch verschärft wurden und zu teuren Eigenproduktionen bei Zulieferteilen führten.

Die Auslandsverschuldung gegenüber dem NSW ist in den letzten Jahren weiter gewachsen. Zahlungsverpflichtungen zwingen immer wieder zu Eingriffen in unseren Binnenmarkt und häufig auch zum Export unrentabler Erzeugnisse. Um so schmerzhafter ist es, dass in den letzten Jahren überstürzte NSW-Ausrüstungsimporte vorgenommen wurden.

Welche Möglichkeiten haben wir?

Wir verfügen zugleich über entwicklungsfähige Grundlagen in den Betrieben und Kombinaten.

Dazu gehören:

- ein hohes Qualifikationsniveau der Werktätigen,

- die in der Wirtschaft vorhandenen Arbeitskräftereserven, zum Beispiel der hohe Anteil von Beschäftigten mit manueller Tätigkeit,

- das in Jahren gewachsene Leistungsvermögen der Betriebe und Kombinate mit einem im internationalen Vergleich überdurchschnittlichen Stand,

- die über lange Zeit gewachsenen Außenmarktbeziehungen, insbesondere mit der UdSSR, das relativ hohe Verbrauchs- und Ausstattungsniveau der Bevölkerung mit Konsumgütern sowie ein bedeutender neu geschaffener Wohnungsfonds, wobei wir andererseits den schlechten Zustand der vielen Altbaugebiete sehen, dem dringend abgeholfen werden muss,

- eine relativ leistungsfähige Landwirtschaft mit hohen Viehbeständen,

- entwickelte genossenschaftliche und zum Teil auch private Eigentumsformen sowie die Erfahrungen mit dem privaten und halbstaatlichen Eigentum bis 1971,

- unsere Lage als Transitland und als potentielles Reiseland,

- die historischen, sprachlichen und kulturellen Bindungen mit der BRD, die wir stärker nutzen werden,

- die Möglichkeit, dass unsere Hauptstadt und Westberlin sich zu einer Drehscheibe im Ost- West-Verhältnis entwickeln und territoriale Verbindungen eingehen können, was beiden Seiten zugute käme,

- das objektive Interesse der westeuropäischen Nachbarn an ökonomischer, politischer und militärischer Stabilität in Mitteleuropa und ihre wachsende Bereitschaft, sich dafür auch ökonomisch zu engagieren, und nicht zuletzt

- die potentiellen ökonomischen Möglichkeiten weiterer Rüstungsbegrenzung.

Die Substanz unserer Volkswirtschaft ist tragfähig für das Hervorbringen und Aufnehmen von wissenschaftlich-technischen Neuerungen und ausbaufähig als Basis für internationale Kooperation und Außenhandel, als Quelle für Erwerb und soziale Sicherheit der Werktätigen unseres Landes.

Reform in welchen Etappen?

Das generelle Anliegen der zu vollziehenden Wirtschaftsform besteht darin: Sie soll die Wirtschaft aus dem Tal herausfuhren und wieder, auf eine stabile Grundlage stellen, damit sie dann, an internationalen Kriterien gemessen, wieder Dynamik erhält.

In Anbetracht der mit ihr zu erreichenden grundlegenden Veränderungen in der Wirtschaftsstrategie, der Sozialpolitik und im Wirtschaftsmechanismus wird die Wirtschaftsreform einen Zeitraum von mehreren Jahren umfassen müssen, bis sie vollständig durchgeführt ist und in allen Teilen unserer Wirtschaft effektiv greift.

Die Wirtschaftsreform muss aber jetzt beginnen. Sie ist in ihrer ersten Etappe - etwa bis 1992 - auf die Stabilisierung der Volkswirtschaft gerichtet. Dieser Zeitraum wird eine Phase des Übergangs zu einer neuen Qualität des Wirtschaftens sein.

In der zweiten Etappe - etwa ab 1993 muss sich diese Qualität weiter entfalten, indem bei ausgewogenen Proportionen und tieferer Integration in die internationale Arbeitsteilung die Betriebe als eigenverantwortliche Warenproduzenten mit voller wirtschaftlicher Rechnungsführung auf dem Markt zur Wirkung kommen. Das wird - nach unseren Zielvorstellungen ab 1995 durchgängig wirksam werden, indem mit einer weiteren Qualifizierung langfristig angelegter Wirtschafts- und Sozialstrategie auch entsprechende volkswirtschaftliche Rahmenbedingungen für eine konsequent auf den Binnen- und Außenmarkt orientierte Produktion gegeben sind.

Der gegenwärtige Planungsstand unterstreicht die Notwendigkeit, für 1990 beginnend ein Stabilisierungsprogramm auszuarbeiten, das aus heutiger Sicht bis in das Jahr 1992 reicht.

Wie sieht das Stabilisierungsprogramm aus?

1. Maßnahmen zur Stabilisierung der materiellen Produktion. Hierfür müssen die Generaldirektoren operative Absprachen mit ihren Kooperationspartnern und Abnehmern treffen, und zwar in hoher Eigenverantwortung. Für 1990 geschlossene Verträge in der Kooperationskette und zum Handel sind konsequent zu realisieren.

Eine der wichtigsten Fragen ist die Stabilisierung der Zulieferindustrie und ihrer Beziehungen zu den Finalproduzenten. Dazu muss ein ganzes Programm erarbeitet werden, und zwar vor den Betrieben bis zur Staatlichen Plankommission untergliedert nach konkreten Positionen.

Im Zentrum vieler Aufgaben steht die Modernisierung der Produktionsausrüstungen.

Ein entscheidender Faktor ist der rationellere Einsatz der verfügbaren Arbeitskräfte. Es ist zugleich nötig, von unten nach oben ein Arbeitsplatzbeschaffungsprogramm auszuarbeiten.

2. Es sind entschiedene Maßnahmen zur Stabilisierung des Binnenmarktes durchzusetzen. Die Regierung hat hier gehandelt, um den spekulativen Abkauf von Waren durch ausländische Touristen zu verhindern und unsere Währung zu schützen. Weitere Stabilisierungsmaßnahmen, die notwendig sind, müssen öffentlich erörtert und vorbereitet werden. Oberstes Anliegen muss stets sein, Wege zu finden, um mehr gefragte Waren in besserer Qualität auf den Markt zu bringen.

3. Maßnahmen sind nötig, um das Geld-, Finanz- und Kreditwesen sowie unsere Währung zu stabilisieren. Das sind in erster Linie Aufgaben der Finanzministerin und , des Präsidenten der Staatsbank. Die Staatsbank muss von Weisungen der Regierung völlig unabhängig werden und ein echter volkswirtschaftlicher Effektivitätsrichter sein. Sie muss mit einer strengen Kreditpolitik wirklich ökonomische Prozesse, eine richtige Effektivität auf den Weg bringen und alles Uneffektive gewissermaßen austrocknen. Dazu gehört die Schaffung eines zweistufigen Banksystems, um die Aktivitäten der Emissionsbank von den Geschäftsbanktätigkeiten zu trennen.

4. Die Stabilisierung muss die außenwirtschaftlichen Beziehungen erfassen. Die Aufrechterhaltung der Zahlungsfähigkeit der DDR ist eine Aufgabe, die alle Maßnahmen auf außenwirtschaftlichem Gebiet bestimmen muss. Es besteht die Notwendigkeit, alle eingegangenen internationalen Verpflichtungen zuverlässig zu erfüllen, und das werden wir auch tun. Als Sofortmaßnahme zur Verbesserung der Effektivität des Exports sollte der Vorschlag des Volkskammerausschusses für Industrie und Bauwesen aufgegriffen werden, schon für 1990 Exporterzeugnisse nach dem Nettovalutaerlös zu prüfen, um zu entscheiden, was exportiert werden sollte.

Auf keinen Fall dürfen die auf den Märkten erkämpften Positionen verlorengehen. Die bestehenden außenwirtschaftlichen Verflechtungen dürfen nicht zerstört, sondern müssen im Gegenteil gefestigt und wo nötig auch ausgebaut werden.

Eine entscheidende Frage ist und bleibt die Wahrung des Valutamonopols des Staates. Die internationale Zahlungsfähigkeit und Kreditwürdigkeit der DDR muss unter allen Umständen gesichert bleiben. Eine weitere Notwendigkeit besteht darin, neue progressive Formen der internationalen Arbeitsteilung bis hin zu Joint ventures bedeutend stärker als bisher zu nutzen. Unsere Strategie für NSW-Kooperationen muss koordiniert werden. Dazu ist der Einsatz eines Regierungsbeauftragten vorgesehen. Konkrete Objekte sind der Regierung zur Entscheidung vorzulegen, damit fundierte Verhandlungen von Generaldirektoren und Ministern geführt werden können.

5. Die Regierung unterstützt voll und ganz die Auffassung, dass eine Hauptfrage der Wirtschaftsreform darin besteht, wie wir Wissenschaft und Technik für eine weit höhere Effektivität der Volkswirtschaft einsetzen. Ansätze dafür müssen bereits im Stabilisierungsprogramm fixiert werden.

Zu berücksichtigen ist, dass sich auch das Forschungs- und Entwicklungspotential der DDR in verschiedenen Eigentumsformen entfalten wird. Die Regierung beauftragt deshalb den Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission, in kürzester Frist ein Stabilisierungsprogramm auszuarbeiten, es in den Ausschüssen der Volkskammer zur Beratung zu stellen und mit den Generaldirektoren durchzuarbeiten sowie nach Beschlussfassung durch den Ministerrat öffentlich bekanntzugeben.

Wie auf neue Weise wirtschaften?

Das Ziel der Wirtschaftsreform muss radikal sein. Wir wollen auf eine Wirtschaft zugehen, in der die Werktätigen vom gesellschaftlichen Eigentum wirklich Besitz ergreifen, Interesse an der Entwicklung ihres Betriebes haben. Warum also sollten sie zum Beispiel nicht Anteils-Eigentum erwerben können?

Wirklich demokratischen Charakter soll unsere Wirtschaft tragen. Ökonomisch effizient soll sie sein und damit Voraussetzung zur Befriedigung der tatsächlichen Bedürfnisse der Werktätigen in sozialer Sicherheit schaffen. Das Leistungsprinzip soll das Grundprinzip zur Erhöhung des Lebensniveaus jedes Bürgers sein. Sozial und ökologisch verträglich muss unsere Wirtschaftsentwicklung sein.

Nicht zuletzt geht es darum, die Internationalisierung der Volkswirtschaft entschieden zu fördern.

Zu den Hauptrichtungen, in denen die Veränderungen weiter zu vollziehen sind, gehören:

- Entfaltung der Vielfalt der Eigentumsformen.

- Ausbildung einer Produktions- und Außenhandelsstruktur, die auf wachsende Effektivität, auf den Markt, auf soziale und ökologische Bedürfnisse gerichtet ist.

- Neubestimmung der grundlegenden Einheit unserer Wirtschaftsorganisation, des selbständig wirtschaftenden Betriebes mit voller wirtschaftlicher Rechnungsführung und Eigenerwirtschaftung der Mittel.

- Ausrichtung der zentralen staatlichen Planung auf strategische Entwicklungsarbeit.

- Eine Reform des Geld-, Preis-, Finanz-, Kredit- und Versicherungssystems, um die volle Funktionsfähigkeit der Währung der DDR herzustellen und den Übergang zur Konvertibilität der Mark der DDR Schritt für Schritt zu vollziehen.

- Neue Beziehungen der kommunalen Selbstverwaltungen zu den wirtschaftenden Einheiten auf ihrem Territorium.

Neues Deutschland, Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Nr. 291, B-Ausgabe, 44. Jahrgang, Mo. 11.12.1989

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