DDR 1989/90Brandenburger Tor

Bald gibt es bei uns eine "Grüne Liga"

Aktionsbündnis zur Rettung der natürlichen Umwelt

In den nächsten Tagen wird sich in der DDR eine "Grüne Liga“ konstituieren. So haben es am vergangenen Wochenende Vertreter von Umweltschutzgruppen jedenfalls vorgeschlagen, da die Lösung ökologischer Probleme in unserem Lande von höchster Dringlichkeit ist. Mit Matthias Platzeck (35), dem Leiter der überregionalen Projektgruppe "Information“ von ökologischen Basisgruppen, die in der Gesellschaft für Natur und Umwelt organisiert sind, sprach aus diesem Anlass JW-Mitarbeiter Frank Schumann.

Wer seid ihr?

Leute aus allen Bereichen, das Durchschnittsalter liegt bei 30, organisiert sind wir seit zwei bis drei Jahren, doch viele unserer etwa dreißig Gruppen mit rund dreitausend Mitgliedern sind schon länger aktiv. Wir befassen uns vor allem mit Fragen des Umweltschutzes, der Stadtökologie und der Stadtgestaltung.

Es gibt jedoch auch noch andere, die ach mit diesen Fragen beschäftigen. Weshalb wollt ihr euch jetzt mit ihnen vereinen?

Also, wir wollen niemanden vereinnahmen, wir vereinigen keine Organisationen, sondern unsere Kräfte, weil gemeinsames Handeln nötig ist. Die "Grüne Liga“ soll ein Aktionsbündnis, eine Aktionseinheit sein zur Rettung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, zur Stimulierung alternativer Denk- und Verhaltensweisen und zur Überwindung des ökologischen Handlungsdefizits in unserer Gesellschaft.

Wen wollt Ihr ansprechen, wer soll bei euch mitmachen?

Alle bestehenden oder noch entstehenden Gruppen und einzelnen Personen, gleich welcher weltanschaulichen oder politischen Haltung, können sich bei Bewahrung ihrer Eigenständigkeit und Identität unserer Initiative anschließen. Wir wollen Dinge gemeinsam anpacken, die nicht von einzelnen Gruppen allein bewältigt werden können.

Und welche sind das?

Wir setzen folgende Schwerpunkte:

Kennzeichnung der ökologischen Katastrophengebiete der DDR;

Erarbeitung einer Strategie zum ökologischen Umbau der Gesellschaft;

Bildung eines unabhängigen ökologischen Instituts der DDR;

Bildung einer Kommission zur Aufdeckung aller schwerwiegenden Verletzungen des Landeskulturgesetzes, insbesondere durch Baumaßnahmen und anderen Beeinträchtigungen in Landschafts- und Naturschutzgebieten;

Bildung einer Arbeitsgemeinschaft zur Überprüfung der Energiepolitik und des Müll-Im- und -Exports;

Bildung, Verwendung und öffentliche Kontrolle eines Öko-Fonds;

Überprüfung der Subventionspolitik unter ökologischen und sozialen Aspekten.

Das klingt schon wie ein Programm. Hat es schon jemand unterzeichnet?

Ja, unseren Gründungsaufruf haben Vertreter von 23 Basisgruppen unterschieben, Zustimmung erteilten auch das Kirchliche Forschungsheim Wittenberg mit Pfarrei Dr. Gensichen, das Schriftsteller-Aktiv "Literatur und Umwelt“ und der Sprecher der Projektgruppe Luft des Grünen Netzwerk, Arche.

Und wo kann man sich melden?

Im Norden bei (...) Schwerin 2714, im Süden bei (...) Jena 6900, und im Berliner Raum bei (...) Berlin 1020

Junge Welt, Fr. 24.11.1989

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