Erklärung von Harry Tisch

Vorgetragen auf der 10. FDGB-Bundesvorstandstagung

Die vielfach in der Republik geführte Diskussion und auch der Verlauf der Sendung des Jugendfernsehens Elf-99 vom vergangenen Sonnabend verpflichten mich, hier eine grundsätzliche Frage anzusprechen.

Es mehren sich die Wortmeldungen zu meinem jüngsten, Auftreten in den Betrieben. Aus der Widerspiegelung der oft mehr als zwei- bis dreistündigen Gesprächen in unserer Zeitung TRIBÜNE wurde mehrfach herausgelesen, dass ich die Verantwortung für die gegenwärtig entstandene Lage nach unten delegieren wolle. Ich würde, so meint man, mich der Verantwortung nicht genügend stellen.

Ich möchte hier betonen, dass das nie meine Absicht war. Ich war und bin mir meinen Verantwortung persönlich und im Kollektiv bewusst.

Lange habe ich in der Partei und in der Gewerkschaft leitende Funkbonn ausgeübt. Es wäre demagogisch so zu tun, als hätte ich mit dem sich Vollzogenen nichts zu tun. Es geht nicht, andere - vor allem Kollegen in den Betrieben - dafür verantwortlich zu machen. Das darf nicht sein.

Besonders zwei Fakten wurden in der öffentlichen Diskussion immer wieder herausgestellt. Erstens ist das mein Auftreten in Boizenburg. Hier ging es um Lohnfragen. Einem Beschluss des Politbüros vom Jahre 1975 zufolge werden bis heute Schweißer, Schiffbauer und anders Berufskategorien in den Werften an der Küste besser bezahlt als die gleichen Berufsgruppen in Boizenburg.

Ich habe, da der zuständige Minister und auch der Generaldirektor anwesend waren, offen und ehrlich gesagt, dass es mir unverständlich ist, warum nach der Bildung des Kombinats Schiffbau diese Fragen durch die leitenden Genossen nicht zur Diskussion gestellt worden sind. Ich sehe darin eine soziale Ungerechtigkeit.

Ich wollte also nicht die BGL und andere betriebliche Organe kritisieren. Sie hatten ja des öfteren auf diese Problematik aufmerksam gemacht. Dass sich das anders in den Medien reflektiert, tut mir leid.

Das zweite Beispiel: In einer Versammlung bei Bergmann-Borsig ging es unter anderem um Fragen der Plandiskussion. Ich bin selbstverständlich davon ausgegangen, dass auch 1989 eine gemeinsame Direktive von Partei, Staat und FDGB herausgegeben worden ist. Sie bestimmte, dass die Plandiskussion in den Monaten Juli/August zu erfolgen hat. Daran haben sich die Kollegen in den Betrieben gehalten.

Ich kann und will ihnen also kein Fehlverhalten vorwerfen. Und dennoch zeigt sich, dass nach den Beschlüssen der VertrauensIeutevollversammlungen, die man guten Glaubens nach der Plandiskussion gefasst hat, Korrekturen erfolgten, die nicht in Übereinstimmung mit den Beschlüssen der Gewerkschafter standen.

Ein Stein des Anstoßes ist ebenfalls die Bemerkung zum sogenannten Dreiklang. Ich habe damit nicht gegen eine kameradschaftliche Zusammenarbeit zwischen Betriebsleitung, Parteileitung und Gewerkschaftsleitung polemisiert, sondern deutlich machen wollen, dass im Dreiklang jeder sein Instrument richtig spielen solle.

Tribüne, Organ des Bundesvorstandes des FDGB, Di. 31.10.1989, 45. Jahrgang, Ausgabe 214

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