DDR 1989/90Brandenburger Tor

Erklärung des Präsidiums und der Beiräte des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR

Eine von Präsident Siegmund Rotstein unterzeichnete Erklärung des Präsidiums und der Beiräte des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der Deutschen Demokratischen Republik nach einer außerordentlichen Verbandstagung am 4. November 1989 in Dresden hat folgenden Wortlaut:

Die Vorsitzenden der im Verband zusammengeschlossenen Jüdischen Gemeinden begrüßen die eingeleiteten Wandlungen in der DDR. Wie jeder andere Staatsbürger in der DDR sind auch wir Juden von Erfolg und Misserfolg der sich vollziehenden Veränderungen betroffen. Viele unserer Mitglieder haben sich in der Vergangenheit sehr bewusst für die gesellschaftliche Entwicklung engagiert. Aus diesem Grunde bestehen wir darauf, bei der Um- und Neugestaltung des öffentlichen Lebens keine Abstriche an der die DDR von Anfang an bestimmenden antifaschistischen Grundhaltung zuzulassen.

Gleichzeitig sehen wir es als unsere Pflicht an, einige Probleme anzusprechen, die unser spezifisch jüdisches Interesse betreffen. Diese sind in einem Brief an die Mitglieder der Jüdischen Gemeinden und die Abgeordneten der Volkskammer formuliert. Im Sinne von Erneuerung und Kontinuität sind wir der Meinung:

Die Aufarbeitung von deutscher Geschichte in der bisherigen Form war unzureichend und darf nicht allein eine Angelegenheit von Historikern bleiben. Nazismus und Antisemitismus sind ein Erbe beider deutscher Staaten. Jede deutsche Gesellschaft muss sich stets neu damit auseinandersetzen. Im Zusammenhang mit dem vorjährigen Gedenken an den Novemberpogrom des Jahres 1938 mussten wir immer wieder erschreckt feststellen, welch zeitgeschichtliches Defizit im Wissen und Gewissen vieler, auch junger Bürger unseres Landes besteht. Die wenigen erhaltengebliebenen Stätten der Erinnerung an einstiges jüdisches Leben in unserem Land müssen stärker als bisher und wie im November des vergangenen Jahres begonnen als solche gekennzeichnet und erhalten werden.

Wir erklären nochmals unsere Unzufriedenheit mit den Bildungskonzeptionen unserer Schulen im Fach Geschichte. Der Stoffplan der 9. Klassen genügt nicht, zwölf Jahre deutsche Geschichte und die in sie eingebettete Judenverfolgung darzulegen. Aber auch Ereignisse aus der DDR-Geschichte müssen angesprochen werden, Diskreditierungen und Verfehmungen von Rückkehrern aus der Westemigration ebenso wie die meist unkritischen Formulierungen über „zionistische Weltverschwörung" und „kosmopolitisches Denken" in den frühen fünfziger Jahren. Es ist notwendig, so rasch wie möglich die Geschichtsbücher neu zu schreiben.

Eine weitere uns bewegende Frage stellt sich im Zusammenhang mit einer Neuorientierung der Rolle der Medien unseres Landes. Öffentlichkeit und Transparenz können nur verwirklicht werden, wenn nicht länger gesellschaftspolitische Probleme als Staatsgeheimnisse behandelt werden. Antisemitische Vorfälle werden nicht dadurch ungeschehen, dass man ihre Spuren möglichst schnell beseitigt beziehungsweise Verhandlungen gegen gefasste Täter unter Ausschluss der Öffentlichkeit führt. Wir erwarten, dass über solche Vorfälle - wie schmerzhaft sie auch immer für unser Land sein mögen - offen berichtet und der Gang der Ermittlungen dargelegt wird. Dies nicht zuletzt deshalb, um die antifaschistische Grundhaltung der DDR und der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung zu unterstreichen und die Wachsamkeit eines jeden gegenüber solchen rechtsradikalen und neonazistischen Gruppen zu erhöhen. Hier darf keine „falsche Scham" ein Bagatellisieren zulassen, wie es leider in der Vergangenheit erfolgte.

Judentum hat von jeher das Verhältnis der über die Welt zerstreut lebenden Juden und nach 1948 zum Staate Israel eingeschlossen. Die Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in der DDR haben ein elementares Interesse am Schicksal dieses Staates. Das Existenzrecht Israels und der Anspruch auf ein glückliches Leben der Juden dortzulande und im Frieden mit den arabischen Nachbarn sind nicht in Frage zu stellen.

Was für die Lösung innerer Konflikte unseres Landes gilt, muss ebenfalls für die Gestaltung äußerer Beziehungen durch eine Kultur des Dialogs gelten. Diese verantwortliche Haltung uns, an die Regierung der DDR zu appellieren, eine Herstellung und damit Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zu Israel trotz der noch vorhandenen konflikthaften Spannungen sofort anzustreben.

In diesem Sinne erklären wir nochmals unsere Bereitschaft, uns entsprechend den uns gegebenen Möglichkeiten an der weiteren demokratischen Entwicklung in der DDR zu beteiligen.

Neues Deutschland, Mo. 06.11.1989, Jahrgang 44, Ausgabe 261

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