DDR 1989/90Brandenburger Tor

Wer vertritt denn unsere Interessen?

Wir oder die Parteien oder wer ?

Am 6. Mai 1990 wird gewählt. Ob die Jugend in diesem neuen Parlament vertreten sein wird, steht derzeit in den Sternen. Parteien plädieren für ein reines Parteienwahlsystem. Unabhängige Organisationen und Vereinigungen wären damit ausgeschaltet. Doch wer vertritt dann die Interessen Jugendlicher, setzt sich für Jugendklubs, Jugendzeitschriften und ein Jugendreisebüro ein? Brauchen wir eine Jugendfraktion? Oder Jugendvertretungen über die Parteienlisten? Oder gar keine? Darüber wollen wir mit euch diskutieren.

Nachstehender Aufruf erreichte uns von der FDJ-Fraktion Berlin-Mitte. Er ist  eine Überlegung, wie parlamentarische Jugendvertretungen auch nach dem 6. Mai gesichert wären. Wir warten auf weitere.

Wählt jung !

Die Teilnehmer der Sitzung der FDJ-Fraktion Berlin-Mitte am 20. 12. 1989 besuchten in den letzten Tagen mehrere Veranstaltungen von Parteien. Organisationen und Vereinigungen. In diesen Veranstaltungen wurden die für die kommenden Monate und in Vorbereitung der Wahlen anstehenden Aufgaben beraten.

Es wurde deutlich, dass sich mit Ausnahme der Jugendorganisationen keine Partei oder Vereinigung mit den grundsätzlichen Problemen der Jugend insgesamt beschäftigt. Zur Zeit werden die Interessen Jugendlicher in den Parlamenten nur durch die FDJ-Fraktion vertreten. Nach Vorstellung der Parteien ist damit bald Schluss. Organisationen sollen künftig nicht mehr parlamentarisch vertreten sein.

Und das in einer Zeit, wo es viele Probleme in der Wirtschaft gibt, wo Bildung und Verwendung des Nationaleinkommens aus der Quelle für die Finanzierung sozialpolitischer Aufgaben neu überdacht werden. Sozialpolitik für Jugendliche, zum Beispiel Sicherung eines Ausbildungs- und Arbeitsplatzes für jeden Jugendlichen, Lehrlingsentgelt, Stipendium, Ehekredit, Wohnraumversorgung für junge Eheleute, Unterstützung alleinstehender Mütter und vieles andere mehr setzen sich nicht im Selbstlauf durch. Wenn jetzt nicht alle Jugendlichen schnell und koordiniert handeln, wird es keine parlamentarische Jugendvertretung auf allen Ebenen mehr geben.

Deshalb rufen wir euch auf, nur die Parteien zu wählen, die

- die Lösung komplexer jugendpolitischer Aufgaben in ihr Programm aufnehmen,

- bereit und in der Lage sind, eine Jugendvertretung über die Listen der Parteien repräsentativ zu sichern,

- jedem Jugendverband das Recht einräumen, berufene Bürger in die ständigen Kommissionen zu delegieren.

Alle Schüler und Lehrlinge, die aufgrund ihres Alters noch nicht wählen dürfen, rufen wir auf, ihr Recht auf politische Mitbestimmung wahrzunehmen. Sagt euren Eltern, Verwandten und Bekannten, dass ihr eine parlamentarische Jugendvertretung braucht und sie mit ihrer Stimme eure Interessen wahrnehmen sollen.

Sagt ihnen:  Wählt jung!

Die Mitglieder der FDJ-Fraktion Berlin-Mitte sind der Auffassung, dass ihr zur Durchsetzung dieses Aufrufes gegenwärtig nicht auf die Straße, sondern zum Briefkasten gehen solltet. Schreibt uns, ob ihr, eure Freunde, Bekannten und Verwandten jung wählen wollten. Wir zählen die Stimmen und werden euch und die Parteivorsitzenden in den nächsten Wochen über das Ergebnis informieren.

Büro der FDJ-Fraktion
Rosa-Luxemburg-Str. 14 PSF 13
Kennwort: Wählt jung
Berlin, 1020

Junge Welt, Fr. 29.12.1989, S. 3

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