DDR 1989/90Brandenburger Tor

Was tun ohne Job?

Interview mit Dr. Klaus Grehn, DDR-Arbeitslosenverband

Sie sind seit dem 31. März Präsident des Arbeitslosenverbandes der DDR e. V. Wie stehen die Bürger unseres Landes zum Verband?

Außer zahlreichen Briefen liegen uns zur Zeit 500 formlose Aufnahmeanträge vor sowie die Bereitschaft zur Mitarbeit von ca. 10 000 Bürgern. Eine Schwierigkeit besteht in der Psyche der Arbeitslosen. Sie scheuen sich, ihre Arbeitslosigkeit zuzugeben, machen sich selbst dafür verantwortlich. Darum müssen wir auf sie zugehen.

Was will der Verband bewirken?

Erstens wollen wir die Interessen de Arbeitslosen gegenüber dem Staat, den Kommunen, den Unternehmern, aber auch Parteien und Organisationen wahrnehmen. Diese müssen sich zum Problem der Arbeitslosigkeit bekennen und Maßnahmen zur Arbeitsplatzbeschaffung einleiten. Dort, wo das nicht möglich ist, sind wir bemüht, das soziale Netz Arbeitsloser engmaschiger zu knüpfen. Die zweite Richtung, die der Verband anstrebt, ist, Lebenshilfe zu geben. Hilfe zur Selbsthilfe. Der Arbeitsuchende hat ja eigentlich keine Möglichkeit, in der Gesellschaft zu kommunizieren. Und dafür wollen wir Zentren schaffen, in denen aber auch Beratung stattfindet.

Welchen Stellenwert messen Sie den Umschulungen bei?

Das gegenwärtige Umschulungsprogramm entspricht nicht den Erfordernissen. Es muss Marktforschung betrieben werden, dass die Arbeitsämter Umschulungen anbieten können, mit der sich die Chancen des Arbeitslosen, einen Arbeitsplatz zu erhalten, erhöhen.

Hat Ihr Verband schon internationale Kontakte?

Wir waren letztes Wochenende zu Arbeitslosentreffen in die BRD und nach Frankreich eingeladen. Unsere Chancen sind günstig, dort echt etwas einzubringen. Nämlich uns als einen geschlossenen Verband, den es in keinem anderen europäischen Land gibt. Wir werden als Verband den Aufnahmeantrag in die Europäische Arbeitslosenvereinigung stellen.

Man macht Ihnen ja auch den Vorwurf, dass Sie nur mit Hiobsbotschaften in die Öffentlichkeit gehen!

Das stimmt. Aber in unseren Zeiten sind auch keine erfreulichen Dinge zu lesen. Ich wurde mich freuen, wenn einmal geschrieben würde, dort sind soundsoviel Arbeitsplätze geschaffen, ohne dass woanders welche abgebaut worden sind.

Interview: Christian Heydt

Junge Welt, Sa. 14.04.1990

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