DDR 1989/90Brandenburger Tor

Eindeutige Tendenz

Seit kurzem wird in der DDR monatlich die Arbeitslosenstatistik veröffentlicht. Die Tendenz ist steigend. Laut Arbeitsministerin Hildebrandt werden in Zukunft 1,5 Millionen DDR-BürgerInnen ohne Arbeit sein.

Statistiken wirken zumeist eher nüchtern und trocken. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sie jedoch recht aufschlussreiche Details. Eine Position der Arbeitslosenstatistik ist für Ostberlin besonders augenfällig, die der Frauenarbeitslosigkeit, von Mai bis Juni stieg die Zahl der Arbeitslosen in Ostberlin insgesamt von 16 335 auf 18 447, d. h. um 2 112 Personen. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der arbeitslosen Frauen um 2 093 von 7 368 auf 9 461. Sollten in diesem Zeitraum also fast ausschließlich nur Frauen auf die Straße geflogen sein? Nun glaube selbst ich, bei aller fraulichen Parteilichkeit nicht, dass außer 19 Männern im vergangenen Monat nur Frauen in Ostberlin ihre Arbeit verloren. Doch die Tendenz ist eindeutig.

De Maizière hatte einmal versprochen, dass es im Zuge der Einheit Deutschlands „niemandem schlechter gehen solle“. Allein die Arbeitslosenzahlen sprechen eine andere Sprache. Von anderen Dingen, wie der enormen Preissteigerung gerade bei Lebensmitteln, ohne den entsprechenden Ausgleich für wegfallende Subventionen, ganz zu schweigen. Doch wie gedenkt nun die Regierung der wachsenden Zahl von an den sozialen Rand der Gesellschaft Gedrängten - zu denen Frauen in steigendem Maße gehören - wirkungsvoll zu begegnen?

Der Unabhängige Frauenverband hatte bereits in seinem am 17. Februar dieses Jahres beschlossenen Programm gefordert, dass es bei Arbeitskräfteum- und -freisetzung keinen sozialen Abstieg von Frauen geben darf. Dazu stehen wir auch heute noch. Deshalb plädieren wir besonders für einen Kündigungsschutz für Alleinerziehende, zu denen Frauen mit 95 Prozent gehören. Weiterhin treten wir ein für besondere Umschulungsprogramme für Frauen, gerade in zukunftsträchtige Berufe. Ein besonderes Anliegen, für welches die UFV-Stadtverordnete zur Zeit streitet, ist der Erhalt der Kindereinrichtungen, deren Plätze auch für arbeitslose Erziehende gesichert werden müssen - denn nur so haben sie eine Chance auf einen neuen Arbeitsplatz.

Es ist höchste Zeit, dass der Magistrat Maßnahmen ergreift, damit Frauen nicht in wachsender Zahl ins ökonomische Aus gedrängt werden.

Marinka Körzendörfer
Mitglied des Unabhängigen Frauenverbandes

Podium – die Seite der und für die BürgerInnen-Bewegung, Initiativen und Minderheiten in der Berliner Zeitung, Mi. 25.07.1990, Jahrgang 46, Ausgabe 171